Taxi

Spröde, nordisch unterkühlt und dabei doch voller Wahrheiten über das Leben: Dass ist Kerstin Ahlrichs Spielfilmdebüt „Taxi“, basierend auf dem autobiographisch geprägten Roman von KAREN DUVE, die auch selbst das Drehbuch schrieb. Eine tolle Hauptdarstellerin, bunte Charaktere und viel 80er Jahre-Feeling machen das melancholische Selbstfindungsdrama nach dem SPIEGEL-Bestseller zu einem großen Vergnügen!

Webseite: www.taxi-film.de

Deutschland 2015
Regie: Kerstin Ahlrichs
Buch: Karen Duve, nach ihrem gleichnamigen Roman
Darsteller: Rosalie Thomass, Peter Dinklage, Stipe Erceg, Robert Stadlober, Antoine Monot Jr., Armin Rohde
Länge: 97 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 20. August 2015
 

FILMKRITIK:

25 Jahre ist Alexandra (Rosalie Thomass) und weiß nicht so recht wohin mit ihrem Leben. Da geht es ihr wie vielen im Westdeutschland der 80er Jahre, das von Tristesse und Spießigkeit geprägt ist. In Hamburg lebt Alex und besitzt dementsprechend viel norddeutschen „Charme“: Spröde und unnahbar ist die kühle Blonde, was angesichts ihrer großen Attraktivität erst recht die Männer um sie kreisen lässt. So hat sie auch wenig Mühe, sich in einer Taxi-Agentur zurechtzufinden, in der sie die Nachtschicht übernimmt: Betrunkene, Zuhälter und andere Gestalten der Nacht inbegriffen.

Mit ihrem Kollegen, dem dandyhaften Künstler Dietrich (Stipe Erceg) beginnt sie eine Beziehung, auch wenn sie eigentlich keine Beziehung will. Dies erklärt sie zumindest dem kleinwüchsigen Marc ("Game of Thrones"-Star Peter Dinklage), den sie noch von früher kennt und als Gast im Taxi wieder begegnet. Eine lose Affäre entwickelt sich, im Gegensatz zu ihren Taxikollegen, die eher dem Typ ewiger Student oder selbsterklärter Lebenskünstler entsprechen, hat Marc sein Leben im Griff. Doch auch hier findet Alex lange nicht den Halt, den sie trotz allem zu suchen scheint.

In den 80er Jahren fuhr die inzwischen als Autorin erfolgreiche Karen Duve selbst Taxi in Hamburg und gibt unverblümt zu, dass erhebliche Teile ihres 2008 erschienenen Romans „Taxi“ auf persönlichen Erlebnissen beruhen. Ähnlich episodisch wie das Buch ist nun auch Kerstin Ahlrichs Verfilmung geraten, was natürlich der Struktur eines Taxi-Films mit seinen wechselnden Passagieren auf der Hinterbank entspricht. Ähnlich wie es einst Jim Jarmusch in „Night on Earth“ tat oder Jafar Panahi im zweiten Taxi-Film des Jahres, dem Berlinale-Gewinner „Taxi Teheran“, werden auch hier die Unterhaltungen zwischen Fahrer und Passagieren zu kleinen Lebenslektionen, die die langsame Selbstfindung der Hauptfigur vorantreiben.

In der ebenso schönen wie spröden Rosalie Thomass hat Ahlrich auch die ideale Hauptdarstellerin gefunden, die mit ihrer kühlen Unnahbarkeit doch nur kaschiert, dass sie nach ihrem Platz im Leben sucht. Den sie ausgerechnet bei dem kleinwüchsigen Marc findet, dessen Andersartigkeit nie negiert wird, aber auch nicht als allzu offensichtliche Metapher für eine Art Seelenverwandtschaft von Außenseitern missbraucht wird. Stattdessen wird die ungewöhnliche Beziehung ganz selbstverständlich geschildert, ohne die offensichtlichen Schwierigkeiten zu ignorieren.

Neben dieser unterschwellig erzählten Selbstfindungsgeschichte ist „Taxi“ aber auch ein wunderbarer Film über die 80er Jahre. Ohne die Requisiten auszustellen, wird hier eine Welt evoziert, die zwar erst eine Generation zurückliegt, aber doch wie aus einer anderen Zeit wirkt: von Telefonen mit Wählscheibe über Commodore 64 Computer, Hufeisen an der Kühlerhaube bis hin zu Ballonseide in grellen Farben ist all das vorhanden, was die 80er Jahre ausmachte. So gelingt Kerstin Ahlrichs nicht nur eine treffend beobachtete Selbstfindungsgeschichte, sondern auch eine stimmungsvolle Hommage an die 80er Jahre.
 
Michael Meyns