Teheran Tabu

Kaum ein gutes Haar lässt der im Iran geborene, nun in Deutschland lebende Ali Soozandeh an seiner Heimat. Eine Welt aus Korruption, Missbrauch und Scheinheiligkeit zeigt er in seinem Debütfilm „Teheran Tabu“, der in aufwändig animierten Bildern eine melancholische Grundstimmung etabliert, in der es kaum Hoffnung auf Erlösung gibt.

Webseite: www.teherantabu-film.de

Deutschland/ Österreich 2017
Regie & Buch: Ali Soozandeh
Darsteller: Elmira Rafizadeh, Zar Amir Ebrahimi, Arash Marandi, Negar Nasseri, Bilal Yasar, Morteza Tavakoli, Alireza Bayram, Klaus Ofczarek
Länge: 96 Minuten
Verleih: Camino
Kinostart: 16. November 2017

FILMKRITIK:

In einen Wohnblock in der iranischen Hauptstadt Teheran leben die Charaktere von „Teheran Tabu“, deren Wege und Schicksale sich immer wieder kreuzen: Pari ist die allein erziehende Mutter des 5jährigen Elias, der nicht spricht und mit kindlichen Augen die Welt betrachtet. Ihr Mann sitzt im Gefängnis und verweigert ihr die Scheidung, was es Pari in der patriarchalischen Welt des Irans unmöglich macht, ein eigenes Leben aufzubauen. Als Prostituierte verdient sie ihren Lebensunterhalt und willigt ein, sich von einem Richter aushalten zu lassen.
 
Den Nachbarn im Apartmentblock erzählt sie, sie sei Krankenschwester und freundet sich bald mit ihrer Nachbarin Sara an. Die würde gern arbeiten, doch ohne die Erlaubnis ihres Mannes Mohsen, einem Bankangestellten, ist das unmöglich.
 
Und schließlich ist da Babak, ein junger Musiker, der sich mit Musikunterricht über Wasser hält, aber davon träumt, eigene Lieder aufzunehmen. Nach einem One Night Stand mit Donya steht er jedoch vor einem Problem: Donya soll in einer Woche verheiratet werden und dafür muss sie Jungfrau sein. Nun verlangt sie von Babak ihr dabei zu helfen, einen Arzt zu finden, der sie operiert, um ihre Jungfräulichkeit wieder herzustellen.
 
Kunstvoll konstruiert ist das Drehbuch von Ali Soozandeh eindrucksvollem Debütfilm „Teheran Tabu“. Ohne das es zu forciert wirkt, begegnen sich die Hauptfiguren seiner Geschichte in unterschiedlichen Situationen, entstehen Bezüge, Freundschaften, aber auch die Möglichkeit, Druck auszuüben, um nicht zu sagen: Zu erpressen. Eine Hand wäscht die andere scheint das Lebensmotto Teherans zu sein, Gefallen werden eingefordert, Abhängigkeiten ebenso wie Notsituationen schamlos ausgenutzt.
 
In manchen Szenen ist Soozandeh etwas zu plakativ, stellt die Scheinheiligkeit der Gesellschaft, besonders der Männer allzu deutlich aus: Da lässt sich etwa ein Mann im Auto mit größter Selbstverständlichkeit von der Prostituierten Pari befriedigen, um im nächsten Moment einen Wutanfall zu bekommen, als er auf dem Gehweg seine Tochter Händchen haltend mit einem Jungen sieht.
 
Doch solch überdeutliche Momente sind selten und auch wenn man sich fragen mag, ob das Leben in Teheran tatsächlich so ausschließlich von Korruption und Scheinheiligkeit geprägt ist, wie es Soozandeh darstellt: Zumindest einen Teil der iranischen Realität skizziert er auf eindringliche Weise. Was nicht zuletzt durch den gewählten Animationsstil gelingt, der sich des so genannten Rotoscope-Verfahrens bedient, bei dem zunächst Schauspieler vor der Kamera agieren, im Anschluss die Bilder dann animiert und dadurch auch verfremdet werden. Was hier zum einen eine organisatorische Notwendigkeit war, denn einen Film, der Themen wie Sex und Drogen so direkt anspricht wäre in Iran nicht zu realisieren, zum anderen aber auch die Grundstimmung der Geschichte verstärkt. So realistisch das Spiel der Schauspieler auch ist, durch die animierten Bilder und die mit ihr einhergehende Verfremdung, entsteht eine traumhafte, besser: Alptraumhafte Atmosphäre, in der nur kleine Momente der Hoffnung einen Ausweg aus dem Morast andeuten.
 
Michael Meyns