Tel Aviv On Fire

Als Mediensatire ebenso überzeugend wie als Komödie: der Nahostkonflikt vor dem Hintergrund einer schnulzigen Seifenoper, die am Vorabend des Sechstagekriegs spielt. Im Mittelpunkt steht ein liebenswert tollpatschiger Drehbuchautor, der zwischen die Fronten gerät. Hier geht es richtig ab: Die Story hat Biss und viel Humor, die Handlung ist voller Überraschungen, und der Film im Film, die hammerhart kitschige TV-Soap, ist ein echter Kracher. Auch wenn praktisch niemand verschont wird, behält der Film jedoch eine gewisse Ernsthaftigkeit, die ihn noch sympathischer macht.

Webseite: www.mfa-film.de

Luxemburg, Frankreich, Israel, Belgien 2018
Regie: Sameh Zoabi
Drehbuch: Dan Kleinman, Sameh Zoabi
Darsteller: Kais Nashef, Yaniv Bitton, Maisa Abd Alhady, Lubna Azabal, Nadim Sawalha
97 Minuten
Verleih: MFA+
Kinostart: 4. Juli 2019

FILMKRITIK:

Salam ist alles andere als ein Siegertyp. Die Freundin ist weg, und den neuen Job beim Fernsehen verdankt der junge Palästinenser nur seinem Onkel, dem Produzenten der allseits beliebten Serie „Tel Aviv on Fire“, die 1967 spielt, kurz vor dem Sechstagekrieg. Die dramatische Handlung dreht sich um eine Französin, die das beste Restaurant von Tel Aviv betreibt. Sie wird zur Spionin, weil sie in einen Palästinenser verliebt ist, der sie auf seine Seite zieht und auf einen israelischen General ansetzt. Die schnulzige Soap hat zahllose Fans auf beiden Seiten des Gazastreifens. Salam ist eine Art Mädchen für alles. Jeden Tag muss er den Checkpoint zwischen Israel und dem palästinensischen Autonomiegebiet passieren, um ins Studio zu fahren. Eines Tages wird er aufgehalten, weil den Soldaten sein Drehbuch verdächtig vorkommt. Im Gespräch mit Assi, dem israelischen Kommandeur der Grenzkontrolle, kann Salam den Irrtum aufklären. Dabei stellt sich heraus, dass Assis Frau der Serie absolut verfallen ist. Um ihr zu imponieren, überredet Assi Salam, das Drehbuch zu ändern. Tatsächlich gelingt der Coup, und nicht nur das: Salams Änderungen sind ein riesiger Erfolg. Sein Einfluss steigt, er wird zum Autor befördert. Aber Assi ist damit nicht zufrieden, er wird gieriger, er mischt sich immer mehr in die Handlung ein und erpresst Salam. Auf der anderen Seite stehen die Geldgeber, die mit der israelfreundlichen Entwicklung ihrer Serie nicht gerade zufrieden sind. Salam sieht sich damit konfrontiert, dass er zwischen allen Stühlen gelandet ist.
 
Eigentlich ist das eine bewährte Story: Ein Außenseiter macht unerwartet Karriere, obwohl er keine Ahnung hat, und steht schließlich wie der bekannte Zauberlehrling hilflos dem gegenüber, was er angerichtet hat. Doch das Autorenduo Dan Kleinman und Sameh Zoabi, der auch Regie führt, macht noch mehr aus der Geschichte. Die unglückselige Eigendynamik, die sich aus der Grundsituation entwickelt, spielt eine eher geringfügige Rolle. Im Vordergrund steht Salam als Wanderer zwischen den Welten, der beide Seiten der Grenze kennt und auf beiden Seiten zu Hause ist. Er ist zu Anfang ein beinahe unbedarfter Kerl, der mit nahezu unbewegter Miene alles mitmacht. Was bleibt ihm auch anderes übrig, wenn Assi ihn bedroht? Doch im Laufe der Zeit entwickelt er seine Fähigkeiten, er wird zum Kämpfer – zunächst nur für die Kunst. Im Kleinen gelingt ihm dabei das, was alle in der Nahost-Region suchen: die Verständigung zwischen den unterschiedlichen Lagern, Religionen und Kulturen. Kais Nashef spielt mit dem Charme des jungen Jeff Goldblum diesen nur äußerlich harmlosen Typen, der sich immer mehr emanzipiert. Köstlich sind seine Versuche, überzeugende romantische Dialoge zu komponieren, wobei er sich gnadenlos an seinen eigenen Erfahrungen orientiert und sich überall bedient, wo es nur möglich ist. Den Assi spielt Yaniv Bitton – gemeinsam bilden die beiden ein explosives Duo, das sich am ehesten mit Don Camillo und Peppone vergleichen lässt. Neben ihnen glänzt Lubna Azabal als Tala, die in der Soap die Hauptrolle spielt. Als Darstellerin ist sie das Muster einer Diva: anspruchsvoll, manchmal zickig und ziemlich anstrengend; in ihrer Rolle bedient sie alle Klischees einer Mata Hari und setzt immer noch einen drauf.
 
Der Nahostkonflikt einmal mehr als Satire, und das funktioniert ganz großartig. Die festgefahrenen Fronten mit Gelächter zu erschüttern, ist immer eine gute Idee, denn Lachen verbindet.
 
Gaby Sikorski