The Act of Killing

In einem Jahr voller starker Dokumentarfilme sorgt einer für besonderes Aufsehen: Joshua Oppenheimers Annäherung an Massenmörder, die im Indonesien der 60er Jahre Hunderttausende angeblicher Kommunisten ermordeten. Bei der Berlinale gefeiert und mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, fand der Film zunächst dennoch keinen Verleih. Es musste sich erst eigens einer gründen, um ihn doch noch in die deutschen Lichtspielhäuser zu bringen. Gut, dass das gelungen ist – denn radikaler als hier wird Kino in diesem Jahr nicht mehr.

Webseite: www.theactofkilling.de

Dänemark/Norwegen/Großbritannien 2012
Regie: Joshua Oppenheimer
Co-Regie: Christine Cynn, Anonym
Ausführende Produzenten: Errol Morris, Werner Herzog, André Singer, Joram ten Brink, Torstein Grude, Bjarte Mørner Tveit
Länge: 115 Minuten (Kinofassung), 159 Minuten (Director‘s Cut)
Verleih: Wolf consultants, Vertrieb: Neue Visionen
Kinostart: 14. November 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Indonesien 1965: Angeblich unterstützt die Kommunistische Partei des Landes einen Putschversuch, der den immer willkürlicher regierenden Präsidenten Sukarno des Amtes entheben will. Rechtgerichtete Kräfte des Militärs unter dem Oberbefehlshaber Suharto verhindern den Umsturz, nur um anschließend selbst die Macht zu übernehmen. In der Folge kommt es zu einer wahnhaften Hetzjagd auf angebliche Kommunisten und chinesisch-stämmige Indonesier. Die Massaker sind bis heute unzureichend untersucht, Schätzungen über Opfer variieren zwischen 100.000 und einer Million. Immer noch werden die Mörder von damals als Helden verehrt. Unter ihnen ist Anwar Congo, Kleinkrimineller und dann Anführer einer Todesschwadron. Er gründet eine paramilitärische Vereinigung, die bis heute Bestand hat. Anwar brüstet sich offen damit, in seiner Heimatstadt Medan Hunderte Menschen eigenhändig ermordet zu haben. Der Filmemacher Joshua Oppenheimer schlägt ihm vor, seine Taten in einem Film nachzustellen. Für Anwar und seine Kameraden beginnt eine Reise in die Verganheneit, die anders endet, als sie es sich vorstellen.

Unzählige Filme, fiktional oder dokumentarisch, thematisieren Gewalt und ihre Folgen. Sie ist von Beginn an essentiell für die Filmgeschichte, ein Kernthema wie die Liebe. Kein anderes Medium vermag Gewalt so direkt, so unausweichlich darzustellen. „The Act of Killing“ aber kommt dem Wesen der Gewalt vielleicht näher als jeder andere Film zuvor. Selten hat eine Dokumentation so verstört, bewegt und erhellt. Wahrscheinlich auch, weil Oppenheimer die Kraft des Films selbst als kathartisches Mittel einsetzt. Ein Mittel, das sich gegen die Intentionen seiner Benutzer wendet.

„The Act of Killing“ ist voller unvergesslicher Bilder: Anwar der Massenmöder, der zu Beginn des Films ausgelassen auf einer Dachterasse tanzt, auf der er Menschen mit einer Drahtschlinge erwürgte. Gangster, die heute noch ausschwärmen und völlig ungerührt von eingeschüchterten chinesischen Händlern Schutzgelder erpressen. Das nachgestellte Massaker in einem Dorf, bei dem ein stellvertretender Minister der indonesischen Regierung zugegen ist und sich mit Folter und Mord brüstet. Ein übergewichtiger Gangster, der für das geplante Filmprojekt als Drag-Queen umherstolziert.

Eigentlich ist Oppenheimers Methode Wahnsinn: Um den Mördern von damals so nahe zu kommen, muss er sich mit ihnen gemein machen, muss ihr Vertrauen gewinnen. Ein ums andere Mal fürchtet man, dass ihm das Projekt entgleitet. Zumal der Film im Film, für den sich die Killer als Opfer schminken lassen und in deren Rollen schlüpfen, wild wuchert wie ein widerlicher Alptraum, den man nicht los wird. Das Geschehen wird ständig surreal übersteigert. Und dennoch setzt Oppenheimer damit einen Prozess der Wahrheitsfindung in Gang, so mächtig, dass er nicht nur Anwar von den Füßen holt, sondern auch den Zuschauer völlig gefangen nimmt. Der Mörder muss schlussendlich der Realität ins Gesicht blicken. Ihm wird klar, dass ihn all die Opfer, die unter ihm litten, niemals loslassen werden. Der Irrsinn, der damals Methode hatte, er holt den Mörder unbarmherzig ein.

Oliver Kaever