The Assassin

In komplex konstruierten  Bildern und berückend schönen Landschaftsaufnahmen erzählt der taiwanesische Arthouse-Regisseur Hou Hsiao-Hsien ein verwickeltes historisches Epos mit Martial Arts-Elementen. Im China des 9. Jahrhunderts soll die kaisertreue Auftragsmörderin Nie Yin-Niang ihren Cousin umbringen – den sie einst hätte heiraten sollen. Nie Yin-Niang muss zwischen ihren Gefühlen, ihrem politischen Gespür und ihrer Ehre als Profikillerin navigieren.

Webseite: www.delphi-filmverleih.de/filme/the-assassin.htm

OT: Nie Yinniang
Taiwan 2015
Regie: Hou Hsiao-Hsien
Buch: Chu T’ien-Wen, Hou Hsiao-Hsien
Darsteller: Shu Qi, Chang Chen, Yun Zhou
Länge: 105 Minuten
Verleih: Delphi Filmverleih
Kinostart: 30. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Sowohl der Hongkonger Regisseur Wong Kar-Wai als auch der Exil-Taiwanese Ang Lee haben erzählt, dass es lange ein Traum von ihnen gewesenen, sei, einmal einen wuxia- oder Martial Arts Film zu drehen. Wong Kar-Wai hat sich seinen Wunsch mit dem fantastisch aussehenden, aber ungeheuer schwer zugänglichen ASHES OF TIME erfüllt, Ang Lee drehte einen internationalen Erfolg mit HIDDEN TIGER, CROUCHING DRAGON und auch der Festlandchinese Zhang Yimou hat mit HERO und HOUSE OF FLYING DAGGERS bereits zwei Meisterwerke des Genres produziert, vor allem, was die Farbdramaturgie angeht.

Mit THE ASSASSIN nimmt der taiwanesische Regisseur Hou Hsiao-Hsien (EINE STADT DER TRAURIGKEIT) nun seine sehr eigene Interpretation des Genres vor. THE ASSASSIN ist vor allem hypnotisches, berückendes Bilderkino. Hous vielfach geschichtete Innenräume, in denen Vorhänge, Wandpaneele, Fenster, und Wimpel bis zu ein Dutzend Bildebenen bauen, erinnern an die komplexen Kompositionen von Max Ophüls. Die Außenaufnahmen entführen in zauberhaft einsame Landschaften im Nordosten Chinas – lichte Birkenwälder, endlose Felder und gestaffelte Bergpanoramen in Grau-Blau, die in ihrer monochromen Farbigkeit an chinesische Tuschezeichnungen erinnern. Der ruhige, fast meditative Strom der Szenen wird immer wieder abrupt durch kurze, stakkatohafte, nahezu realistische Martial Arts-Sequenzen unterbrochen, die von den aufwändigen Tanzchoreografien eines  Zhang Yimou meilenweit entfernt sind.

Während der Bilderfluss von THE ASSASSIN dazu einlädt, ganz im Seherlebnis zu versinken, scheint die Geschichte des Films zunächst schwer zugänglich, fast nebensächlich erzählt, spröde, elliptisch, und schwer durchschaubar. THE ASSASSIN spielt im China des 9. Jahrhunderts, in dem das Kaiserreich der Tang-Dynastie im Zerfall begriffen ist und einzelne Gouverneure sich zu Landesfürsten aufschwingen. Nie Yin-Niang – Tochter des Bruders des Schwagers des Kaisers – gehört der Gruppierung der Kaisertreuen an. Einstmals sollte sie ihren Cousin Liu Lang heiraten, der dann aus strategischen Überlegungen anderweitig  verheiratet wurde, nun Gouverneur von Weibo ist, und gegen den Kaiser rebelliert. Als die Verbindung aufgehoben wurde, wurde Nie Yin-Niang in einem taoistischen Kloster zur Killerin ausgebildet. Nun wird sie von „Der Nonne“ mit einem Auftrag zurück nach Hause geschickt: Sie soll ihren Cousin ermorden. Zu Hause trifft Nie Yin-Niang auf ein nahezu unentwirrbares Dickicht aus Verwandtschaftsbeziehungen und politischen Loyalitäten, in dem sie politische Strategie, persönliche Gefühle und die ehrenhafte Ausführung ihres Auftrags gegeneinander abwägen muss.

Es ist verlockend, THE ASSASSIN als eine weitere allegorische Betrachtung der komplexen Beziehungen zwischen Taiwan und dem Mutterland China zu verstehen. Hou selbst sieht seinen Film eher als Fluss, in dem die Bewegung entscheidender ist, als das Ergebnis: „Wenn der Film wie ein Fluss ist, oder eher wie ein Strom, dann interessiere ich mich dafür in welche Richtung und mit welcher Geschwindigkeit das Wasser fließt, welche Umwege, Wirbel und Strudel damit einhergehen. Ob ich an der Quelle stehe oder wo der Fluss ins Meer eintritt ist dabei fast nebensächlich.“

Hendrike Bake