The Attack

Wie handelt und fühlt ein Arzt, der feststellen muss, dass seine Frau bei einem mutmaßlich selbst verübten Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen ist? Basierend auf Yasmina Khadras Roman „Die Attentäterin“ inszeniert Regisseur Ziad Doueiri einen buchstäblich explosiven Nahost-Thriller, das sich als kluges Politkino jenseits von Stigmatisierungen und Klischees positioniert.

Webseite: www.senator.de

OT: L’attentat
Libanon/Frankreich/Katar/Belgien 2012
Buch & Regie: Ziad Doueiri, basierend auf dem Roman „Die Attentäterin“ von Yasmina Khadra
Darsteller: Ali Suliman, Reymond Amsalem, Uri Gavriel, Abdallah El Akal, u. a.
Länge: 102 Minuten
Verleih: Senator
Start: n.n.

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Amin Jafaari (Ali Suliman) arbeitet als hoch angesehener Chirurg in Tel Aviv. Er ist Araber, besitzt aber einen israelischen Pass und behandelt mit größter Sorgfalt die Patienten, die sich häufig wegen seiner Herkunft gegen ihn sträuben. Mit Sihem (Reymond Amsalem) führt er eine sorglose Ehe, die noch nicht von der Routine des Alltags eingeholt wurde. Im Gegenteil, ihre Liebe zueinander blüht vor jugendlicher Frische. Doch eines Tages wird Amins Welt auf den Kopf gestellt: Nach dem Selbstmordattentat in einem Restaurant muss er sich zunächst um die verletzten Opfer kümmern. Am Abend folgt das persönliche Schreckensszenario – er soll die Leiche seiner Frau identifizieren, die mutmaßlich den Sprengstoffanschlag verübt haben soll.

Wer bereits die Vorlage von Mohammed Moulessehoul gelesen hat, der seine Romane unter dem Pseudonym Yasmina Khadra schreibt, musste feststellen, dass man zum schwelenden Nahost-Konflikt aktuell kaum ein besseres und spannenderes Buch in die Hände bekommen kann. Bereits dort wurde die Geschichte aus drei unterschiedlichen Perspektiven (radikale Islamisten, israelischer Politik und der persönlichen Ethik des Protagonisten) erzählt, ohne wirklich Stellung zu beziehen oder moralisch sich auf eine Seite zu schlagen. Anhand des persönlichen Schicksals gelang es Khadra auf vorbildliche Weise, die menschlichen Abgründe und die Komplexität des Nahost-Konflikts zu veranschaulichen.

Regisseur Ziad Doueiri, der unter anderem bei Quentin Tarantinos Filmen „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“ als erster Kamera-Assistent gearbeitet hat, beschreibt den Leidensweg voller Demütigungen seiner Hauptfigur mit den besten Mitteln des politischen Thrillers. Dem Witwer wird kaum Zeit zur Trauerarbeit gegeben, da ihn Polizei und Mossad umgehend verdächtigen, von den radikalen Gesinnungen seiner Frau nicht nur gewusst, sondern sie stillschweigend toleriert zu haben, womöglich mit dem Gedanken, sie in ihrem Namen und einer Terrororganisation weiterzuführen. Amin bricht also auf nach Jerusalem und Dschenin, in die Zentren des palästinensischen Widerstandes, um die Spuren zu den radikalen Motiven seiner Frau zu finden.

Trotz seiner Erfahrungen, die er bei Tarantino gemacht hat – jenem Meister der visuellen Ästhetisierung des stilvollen Blutvergießens – wird die Gewalt hier kaum bildlich gezeigt. „The Attack“ bezieht seine emotionale Sprengkraft viel mehr aus der dargestellten Gefühlswelt des Hauptdarstellers Ali Suliman und dem paranoiahaften Plot, um einen Arzt, der seine Unschuld beweisen muss. In romantischen Rückblicken und sanften Bildern in warmen Tönen, kontrastiert der Thriller seinen schonungslosen Realismus. Nach Hany Abu-Assads „Paradise Now“ ist „The Attack“ zweifelsohne der beste Film der letzten Jahre, der den Nahost-Konflikt zu greifen bekommt.

David Siems