The Bling Ring

Nachdem Sofia Coppola in „Somewhere“ die Leere im Leben eines Hollywoodstars in gewohnt ätherische Tableaus packte, wechselt sie diesmal die Perspektive und schaut auf die Faszination von Jugendlichen für Celebrities. Ihr Drehbuch nutzt eine wahre Geschichte als Vorlage, aber Coppolas Bestandsaufnahme spürt einem grundsätzlichen Unbehagen an Teilen der Popkultur nach. Dafür versammelt sie eine großartige Riege junger Nachwuchstalente vor die Kamera, allen voran Emma Watson, die mit diesem Film ihre Hermine aus „Harry Potter“ endgültig hinter sich lässt.

Webseite: www.theblingring.de

USA 2013
Regie & Buch: Sofia Coppola
Darsteller: Katie Chang, Israel Broussard, Emma Watson, Claire Julien, Taissa Farmiga, Georgia Rock, Leslie Mann, Gavin Rossdale
Länge: 90 Minuten
Verleih: Tobis
Start: 15.8.2013

PRESSESTIMMEN:

"Eine amüsante Satire über Ruhmsucht, Eitelkeit und Exhibitionismus. …Regisseurin Sofia Coppola nimmt einen der bezirrasten Kriminalfälle in der jüngeren Geschichte Hollywoods zum Anlass herauszufinden, wie Berühmtheit heute funktioniert…"
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Hauptsache cool: Für Rebecca (Katie Chang) und ihren Kumpel Mark (Israel Broussard) aus Los Angeles zählen Klamotten, Autos, Marken, Stars. Statt die Schulbank zu drücken, hängen sie am Strand ab, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Den finden sie endgültig, als sie damit beginnen, in die Häuser von Celebs einzusteigen, die gerade nicht zuhause sind. Mit wenigen Mausklicks lässt sich zum Beispiel herausfinden, dass Paris Hilton gerade in Palm Beach weilt – schon stöbern Rebecca und Mark durch ihre diversen Kleiderschränke und nehmen mit, was ihnen gefällt. Bald stoßen mit Nicki (Emma Watson) und anderen immer mehr Freunde dazu, die auf Facebook mit ihren nächtlichen Touren prahlen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei der von den Medien „Bling Ring“ getauften Gang auf die Schliche kommt.

„Ich werde eines Tages eine Charity-Organisation leiten – oder ein ganzes Land“, lässt die festgenommene Nicki die Presse wissen. Es ist dieses groteske Missverhältnis von bizarr aufgeblähter Selbstwahrnehmung und dem Außenblick auf die Figuren, der Sofia Coppolas Film antreibt. Sie führt ihre Figuren nicht vor, ihnen gehört dennoch ihre ganze Symathie. Aber als Bestandaufnahme lässt „The Bling Ring“ doch Sorgen um den Zustand einer Generation fürchten; insbesondere, wenn man Harmony Korines Film „Spring Breakers“ hinzunimmt, zu dem „The Bling Ring“ interessante Parallelen aufweist.

Es ist vor allem die Abwesenheit positiver Vorbilder, die beide Filme miteinander verbindet. Waren die Eltern in „Spring Breakers“ gar nicht erst im Bild, tauchen sie in „The Bling Ring“ nur am Rand auf, als Personen, die nichts mit dem Leben ihrer Kinder zu tun haben. Lediglich die von Leslie Mann gespielte Mutter von Nicki bekommt eine größere Rolle, aber auch sie taugt nicht zum Vorbild. Das ehemalige Playboy-Modell erklärt kurzerhand Angelina Jolie zum spirituellen Vorbild.

Eine schmerzliche innere Leere durchzieht diesen Film, eine Traurigkeit, die sich ihrer selbst nicht bewusst ist oder mit den Raubzügen durch die Häuser der Stars überspielt wird. Keines der Kids stiehlt, weil es Geld braucht. Im Gegenteil: Sie alle stammen aus privilegierten Familien. Anders als Harmony Korine setzt Sofia Copola aber nicht auf heftige Effekte, um diese Stimmung zu übertragen. Sie bleibt ihrem schwebenden, offenen Stil treu. Das veranlasst Kritker immer wieder dazu, ihr vorzuwerfen, sich nicht deutlich genug zu positionieren. Dabei werden bei Coppola fast immer Ausstattung und Drehort zum stillen Bedeutungsträger. Insofern ähnelt „The Bling Ring“ sehr ihrem früheren Film „Marie Antoinette“ (2006), in dem der leere Prunk von Versailles mehr über die Gefühlswelt der Hauptfigur erzählt als jeder Dialog. In „The Bling Ring“ zeigt Coppola beispielsweise in einer Totale von Außen minutenlang, wie die Kids durch eine Villa aus Glas und Stahl ziehen. Sie schneidet nie in das Innere des Gebäudes. Lediglich ein fast unmerklich langsamer Zoom nimmt das Haus immer mehr in den Fokus. Die Lichter von L.A. locken, aber sie sind eiskalt.

Oliver Kaever

Was stellen privilegierte Rich-Kids in Beverly Hills bloß an mit ihrer Langeweile? Ganz einfach, sie brechen in die Villen der besonders Reichen und Berühmten ein. Genauer gesagt: In die Prachthäuser von Celebrities wie Paris Hilton, Lindsay Lohan oder Orlando Bloom. Nach „Somewhere“ erzählt Regisseurin Sofia Coppola einmal mehr von Dekadenz, Reichtum und dem psychologischen Vakuum reicher Leute in Los Angeles. In den Hauptrollen agieren u.a. Katie Chang und Emma Watson.

Man könnte annehmen, dieser Film finde auf der Metaebene Hollywoods statt. Hier die berühmte Regisseurin, die eine kurzweilige Heist-Comedy über ein paar befreundete Schauspieler und VIPs dreht. Doch die Gruppe von Teenagern, die für den Kick in die Häuser berühmter Stars einbricht, hat es tatsächlich gegeben. Man nannte sie auch „Hollywood Hills Burglar Bunch“, „The Burglar Bunch“ oder „Hollywood Hills Burglars“. In der Zeit zwischen Oktober 2008 bis August 2009 stiegen die Teenies in rund 50 Häuser ein und erbeuteten dabei sagenhafte drei Millionen Dollar sowie unzählige Wertgegenstände. Unter den Beklauten waren in der Tat betuchte Showstars wie Megan Fox, Orlando Bloom oder Lindsay Lohan. In die Villa von Paris Hilton brach der „Bling Ring“ sogar mehrmals ein.

Hat also alles tatsächlich stattgefunden. Und weil jeder wissen will, wie es in den Häusern der Stars aussieht, vergeudet Sofia Coppola ein wenig zuviel Zeit darauf zu zeigen, wie groß die Schuhsammlung von Paris Hilton ist oder wie viel Luxus-Uhren Orlando Bloom in seinem Kleiderschrank-Safe bunkert. Die zwischenmenschlichen Beziehungen der Teenie-Gang, ihre Motive oder ihre Motivation bleiben augenscheinlich etwas auf der Strecke. Erst mit zunehmender Spieldauer wird dem Publikum aber bewusst: Echte Motive wie Neid, Gier oder gar Neugierde gibt es gar nicht. Es ist schlichte Langeweile und die Suche nach dem ganz besonderen Kick, der die Kids antreibt.

Coppola versucht sich dennoch in oberflächlicher Ursachenforschung: Mark (Israel Broussard), der einzige Kerl in der Gang und mehr der androgyne Teddybär-Kumpeltyp, ist neu an der Schule und versteht die Einbrüche als Mutprobe. Sein Objekt der Begierde ist nicht der materielle Luxus, den er sich nicht leisten kann, sondern Rebecca (Katie Chang), die mit cleverem Kalkül den „Bling Ring“ anführt. Coppola erklärt ihren Film auch auf pädagogisch-psychologischer Ebene: Die Eltern der Kids sind entweder nicht anwesend oder folgen sinnentleerten Beauty-Dogmen, die von christilich-fundamentalem Nährboden zeugen. In diesen Momenten entblößt der Film auf schonungsloseste und bizarrste Weise den republikanischen, amerikanischen Alptraum der Privilegierten.

Trotz der toll ausgestatteten Sets, einem wie immer hervorragenden Score und guten Darstellern: Nur zu sehr würde man sich wünschen, dass Sofia Coppola wieder einen Film wie „Lost in Translation“ dreht, der neben tranceähnlichem Dauerzustand und dem Beschreiben des Verlorenseins auch wärmende Momente offenbart. Dagegen wirkt „The Bling Ring“ wie eine kalkulierte Beschreibung von Hollywoods Schattenseiten. Statt die Oberfläche mit ihrer Leere und den Kuriositäten abzubilden, vermisst man bei allem zarten Sarkasmus das Herz der Filmemacherin.

David Siems

Los Angeles. Mädchen der sogenannten (vermeintlichen) Oberschicht wissen außer der High School und ihrem Handy nicht allzu viel mit sich anzufangen. Es sind Rebecca, Nicki, Chloe, Sam, Emily, Laurie und Nicki. Ein Kerl ist auch dabei, Mark.

(Der Film von Sofia Coppola stützt sich auf tatsächliche Vorkommnisse, verschiedene TV-Reality Shows und auch eigene Drehbuchideen der Regisseurin.)

Die Damen und Mark sind darauf spezialisiert, nachts in Villen von Bewohnern, die gerade verreist sind, einzubrechen und mitgehen zu lassen, was ihnen gefällt: Schmuck, andere Wertsachen, Kleider, Taschen, Schuhe. Die Villa von Paris Hilton ist ebenfalls dabei. Die Einbrecher aus Vergnügen haben sich eine gewisse kriminelle Fertigkeit zugelegt, deshalb geht die Sache verhältnismäßig lange gut.

Doch in ihrer Unbekümmertheit achten sie nicht auf die Überwachungskameras, die Polizei aber sehr wohl. Irgendwann ist dann auch Schluss. Die jungen Gelegenheitsräuber werden gefasst, angeklagt und zu Geldstrafen, teilweise sogar zu längeren Haftstrafen verurteilt.

Sofia Coppola verfolgte wohl zwei Ziele: Zum einen das Los-Angeles-Upper-Class-Ambiente und die Stimmung dieses von Reichtum, Egoismus, Überfluss, Langeweile, Facebook, feiern, tanzen, trinken und blödeln charakterisierte Leben zu zeigen; zum andern aber anzudeuten, dass auch ein sinnvolleres, ernsteres, von Aufgaben geprägtes Leben durchaus denkbar und zu empfehlen wäre.

Ersteres zu demonstrieren ist mit viel Tamtam, Lärm, Musik, Werbung, Mode, passablen jungen Akteuren und anderem mehr filmisch einigermaßen gut gelungen. . .

. . . über Letzteres müsste sich ja wohl jeder seine eigenen Gedanken machen.

Thomas Engel