The Climb

Eine richtig gute, durchaus anspruchsvolle Komödie mit leicht französischem Touch und sehr viel Buddy-Charme über zwei Freunde, vollkommen unterschiedliche Charaktere, die im wahrsten Sinne des Wortes durch dick und dünn gehen. Dabei ist das gefeierte US-Indipendent-Movie keine Männerklamotte, sondern bei aller Komik die bewegende Geschichte einer Freundschaft zwischen Spaß, Liebe, Wut und Versöhnung. Der besondere Kick: Die beiden Autoren und Hauptdarsteller spielen sich quasi selbst und sind auch im wahren Leben die besten Freunde. Man kann nur hoffen, dass es bei ihnen ruhiger zugeht als bei Mike und Kyle auf der Leinwand, denn diese beiden Jungs haben es wirklich nicht leicht!

Webseite: https://prokino.de/movies/details/The_Climb

USA 2019
Regie: Michael Angelo Covino
Drehbuch: Michael Angelo Covino, Kyle Marvin
Darsteller: Michael Angelo Covino, Kyle Marvin, Gayle Rankin, Talia Balsam, George Wendt
Länge: 97 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 20. August 2020

FILMKRITIK:

Mike, der Sportler, radelt vorweg – Kyle müht sich ab, auf der steilen Bergstrecke den Anschluss nicht zu verlieren. Er will bald heiraten und nutzt den Fahrradurlaub in Frankreich, um sich in Form zu bringen. „Es kommt auf die Trittfrequenz an“, meint Mike und fügt gleich noch hinzu, er habe mit Kyles zukünftiger Frau Ava geschlafen. Im nächsten Moment gerät er mit einem Autofahrer aneinander, der ihn krankenhausreif prügelt. Die gemeinsame Reise nach Frankreich hat unerwartete Folgen: Mike heiratet Ava, Kyle und Mike treffen sich nicht mehr – die Freundschaft scheint beendet. Erst Jahre später, auf Avas Beerdigung, sehen sich die beiden wieder. Kyle kommt gerade rechtzeitig, um zu verhindern, dass Mike in seiner Trauer und Wut die Friedhofsmitarbeiter angreift, die ihm aus gewerkschaftlichen Gründen verwehren wollen, Sand aufs Grab seiner verstorbenen Frau zu schaufeln.

Und so geht es weiter in dieser zeitweilig stark turbulenten Komödie um zwei Freunde, die trotz aller Vorfälle, Widrigkeiten und Dussligkeiten immer wieder zueinanderfinden. Die beiden scheinen geradezu symbiotisch verbunden zu sein, obwohl oder vielleicht auch weil sie so unterschiedlich sind. Da ist der liebenswerte, freundliche Kyle – er ist die Verlässlichkeit in Person, will es allen ständig recht machen, kann nicht Nein sagen und hat einen Hang zur Spießigkeit. Kyle ist der Klügere, der immer nachgibt, aber es macht ihm auch Spaß, sich leiten zu lassen. Er ist ein Familienmensch und wünscht sich ebenfalls eine Familie. Dagegen sein bester Freund Mike: eine schillernde Persönlichkeit, originell bis schwierig, ideenreich, sprunghaft, cholerisch, mit einem Hang zur Aggression und zur Melancholie. Er braucht viel Aufmerksamkeit und nimmt sie sich. Die Krise ist sein normaler Betriebszustand. Michael Angelo Covino und Kyle Marvin spielen jeweils ihr Alter Ego – mit sehr viel Witz und gelegentlicher Ironie sowie mit einem feinen Gespür dafür, weder die Humor- noch die Dramaschrauben zu fest anzuziehen. Immer dann, wenn die Situation in Albernheit oder Rührseligkeit zu kippen droht, gibt’s eine Überraschung, wie zum Beispiel eine Prügelei. Oder es fällt einfach einer um oder bricht ins Eis ein. Gleich zu Beginn auf dem Friedhof entpuppen sich die Friedhofsarbeiter als Gospelchor und brechen damit die traurige Stimmung, doch wohlgemerkt: ohne sie ins Lächerliche zu ziehen. Es ist ein liebenswerter, freundlicher Humor, der durch den Film weht, der nur gelegentlich, aber dann ebenfalls überraschend ins Biestige wechselt. Stimmungs- und Tempowechsel ziehen sich durch den gesamten Film und geben ihm einen schönen Kick ins Originelle.

Die Filmemacher erweisen sich als wahre Meister darin, ihre Bilder bis ins letzte Detail durchzuchoreographieren, um sie irgendwann komplett umzuwerfen. So wird die Thanksgiving-Feier in Kyles Familie zu einer exakt komponierten Tour de force zwischen Puppenstuben-Idylle und beißender Gesellschaftskritik – mit einem frisch verlobten Kyle und mit Mike, der mal wieder alles kaputtmacht. Das alles hat etwas Spielerisches, so wie Kinder mit Bauklötzern spielen, aber auch etwas sehr Witziges und scheint tatsächlich ein Grund zu sein, warum Covino und Marvin im wahren Leben so gut harmonieren. Sie sind sich offenbar in ihrem Humorverständnis sehr einig – und das betrifft sowohl die Situationskomik als auch die trockenen Dialogwitze. Außerdem haben die beiden nicht viel übrig für tränenreiche Taschentuchromantik. Gelegenheiten dafür gäbe es genug, doch die beiden US-Amerikaner umschiffen geschickt jede Versuchung in dieser Richtung und orientieren sich statt am gefühlsduseligen Mainstream-Kino lieber an französischen Dialogkomödien und an den kunstvoll gestalteten Filmen von Truffaut, Sautet und Tavernier. Das wirkt sich zum einen auf die genaue, liebevolle und gleichzeitig entlarvende Zeichnung aller Figuren aus, nicht nur der Hauptpersonen. Zum anderen haben Covino und Marvin eine Form gefunden, die gleichzeitig originell und intelligent ist: Sie teilen ihre Geschichte in sieben kleine Storys auf, die sie manchmal spielerisch und mit visuellen Mitteln, aber immer überraschend miteinander verbinden. So ergeben sich Assoziationen, als Zuschauer wird man auf liebenswürdige Weise zum Mitdenken aufgefordert, und tatsächlich funktioniert auch dieser Plan. Ob fließender Übergang oder harter Bruch: die Filmemacher beherrschen ihr Handwerk. Sie setzen Überschriften, die an Romankapitel erinnern, sie zeigen, statt zu erklären, und finden dafür die richtigen Bilder, ohne dass dabei die Geschichte in den Hintergrund gerät. Denn im Mittelpunkt stehen ganz eindeutig und trotz aller kunstvoll servierten cineastischen Anspielungen immer die beiden Männer und ihre Freundschaft. Und so, wie sie sich am Anfang auf ihren Fahrrädern abgestrampelt haben – es kommt schließlich auf die Trittfrequenz an – so strampeln sie auch am Ende. Nur dass sie nun zu dritt sind.

Gaby Sikorski