The Danish Girl

Mutig verkörpert Eddie Redmayne in dem subtilen Melodram die Transgender-Ikone Lili Elbe. Nach dem Oscar für seine Darstellung des ALS-kranken Astrophysikers Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ meistert der Brite erneut körperliche Veränderungen. Grandios taucht "The Kings Speech"-Regisseur Tom Hopper die feinfühlige Tragödie ins sanfte Licht eleganter Jugendstil-Dekors. Stilvoll feiert er die Geburt der Identität aus der Selbstdarstellung. Sein Plädoyer für bedingungslose Liebe und Toleranz funktioniert jedoch vor allem durch die aufopferungsvolle Liebe der vom schwedischen Shootingstar Alice Vikander großartig dargestellten Ehefrau.

Webseite: www.thedanishgirl-film.de

USA , GB 2015
Regie: Tom Hooper
Drehbuch: Lucinda Coxon
Kamera: Dany Cohen
Darsteller: Eddie Redmayne, Alicia Vikander, Ben Whishaw, Sebastian Koch, Amber Heard, Matthias Schoenaerts.
Länge: 120 Minuten
Verleih: Universal Pictures
Kinostart: 7. Januar 2016
 

Pressestimmen:

"Der bezauberndste Film des Jahres."
Stern

FILMKRITIK:

„Ich kämpfe gegen die Voreingenommenheit des Spießbürgers, der in mir ein Phänomen, eine Abnormität sucht. Wie ich jetzt bin, so bin ich eine ganz gewöhnliche Frau.“ Die Frau, die diese Worte 1931 sprach, kam 1882 als Einar Wegener im dänischen Vejle auf die Welt. Im lokalen Taufregister ist sie als „männlich“ eingetragen. Ihr „Fall“ ging in die Annalen der Medizin ein als “Großtat allerersten Ranges“: Als erste operative Geschlechtsumwandlung.  Basierend auf dem Bestseller „Das dänische Mädchen“ von David Ebershoff erobert ihre Geschichte nun die Leinwand nachdem das Thema Transgender öffentlich nicht mehr unbedingt ein Tabu bedeutet.
 
Kopenhagen 1925. Der dänische Landschaftsmaler Einar Wegener (Eddie Redman) führt mit seiner Frau Greta (Alice Vikander), ebenfalls eine Malerin, ein bewegtes Künstlerleben. Sie sind glücklich verheiratet. Bis Greta ihren Mann bittet, in Frauenkleidern für sie Modell zu stehen: Einar verwandelt sich in „Lili“. Und schon bald ist seine Rolle als Frau mehr als nur ein Spiel. Verdrängte Erinnerungen überfallen ihn. Erst durch die Geschlechtermaskerade kommt er zu seinem wirklichen Selbst. Auf einem Empfang lässt er sich als scheue Lili von einem Verehrer (Ben Wishaw) küssen. Mehr und mehr quält ihn sein Leben zwischen zwei Existenzen.
 
Gefangen im Körper des falschen Geschlechts wünscht er sich eine Zukunft als Frau. Schließlich steht Greta vor der Frage, was sie tun soll, wenn der Mensch, den sie liebt, plötzlich ein ganz anderer ist. Das einst glückliche Paar flieht nach Paris und geht durch Depression und Angst. Gerda wünscht sich immer wieder ihren Mann zurück. Und sei es nur für einen Augenblick. „Wo ist Einar? Ich brauche jetzt meinen Ehemann!“, bittet sie verzweifelt.  Aber Lili schüttelt nur den Kopf. Denn als Lili erträgt sie Einars Existenz nicht mehr. Ärzte, die beide aufsuchen, können ihnen nicht helfen. Sie diagnostizieren alles von Perversion bis Schizophrenie.
 
Auf den ersten Blick wirkt Eddie Redmayne mit seinem ordentlichen Kurzhaarschnitt und klassischem College-Stil eher wie ein wohlerzogener Highschool-Absolvent. Doch der Oscar-preisträger spezialisiert sich gerade mutig auf Figuren, die eine körperliche Veränderung durchmachen. Wenn der Brite in dem Drama um Liebe und Identitätsfindung  Modell sitzt als Ersatz für eine befreundete Tänzerin, sich die Nylonstrümpfe über streift, den Fuß abspreizt, als Frau posiert verwandelt er sich ultimativ. Sein Gang, die Neigung des Kopfes, die Gestik der Hände, die Anmut bis in die Fingerspitzen ist frappierend.
 
Eindrucksvoll imitiert, studiert und buchstabiert er als Einar die Körpersprache der Frauen, auf dem Markt, im Bordell, vor dem Spiegel. Erst scheu und unsicher, dann obsessiv nähert er sich dem vielschichtigen Entwicklungsprozess. Mit einer faszinierenden Mischung aus anmutiger Zerbrechlichkeit und innerer Stärke spielt er die Figur der Lili, der weltweit ersten Transgenderfrau. Ihr Schicksal zieht die Zuschauer unmittelbar in einen Sog von Gefühlen. „Ich war tief gerührt von dieser einzigartigen Liebesgeschichte, in deren Mittelpunkt ein Mensch steht, der mutig genug ist, für ein authentisches Leben zu kämpfen“, verrät der 33jährige Londoner, der einst mit Thronfolger Prinz William die Schulbank drückte.
 
Ästhetisch perfekt inszeniert Regisseur Tom Hopper sein feinfühliges Melodram. Dabei taucht er die komplexe Transgender-Problematik streckenweise ins sanfte Licht eleganter Jugendstil-Dekors. Für den 42-jährigen Briten, der für das Biopic „The King's Speech“ mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde, stellt sein sensibles Gefühlskino vom Aufbruch eines Mannes in sein neues Leben als Frau auch ein Plädoyer für die Liebe dar. „Es ist Gerdas bedingungslose Liebe, die Toleranz erst möglich macht“, weiß der ehemalige Theaterregisseur. In der Rolle der loyalen Ehefrau und Malerin Gerda Wegener, die ihren berühmten Gatten erst dann künstlerisch überholt, als sie ihn als Lili porträtiert, überzeugt der schwedische Shootingstar Alice Vikander in jeder Minute. Grandios spielt die ehemalige Ballettänzerin eine Frau im Moment der größten Verlassenheit.
 
An ihrer Seite, als profilierter Nebendarsteller, brilliert Matthias Schoenaerts. Schicksalshaft verknüpft mit dem Künstlerpaar gibt der 37jährige Flame aus Antwerpen, in dem manche bereits einen Rivalen von Leonardo DiCaprio oder Michael Fassbender sehen, den treuen Jugendfreund Hans und verliebten Galerist. Auch hier, während die Anatomie einer Beziehung seziert wird, tritt der „belgische Brando“ gefühlvoll und gleichzeitig unsentimental auf. Männlich und trotzdem als bewusster Anti-Macho zeigt sich der gefragte Schauspieler damit erneut als maskuliner Typ der Stunde, aufrichtig und spürbar zu Hause in sich selbst.
 
Luitgard Koch