The Dead don’t Die

Wohl noch nie wurden zum Auftakt der Filmfestspiele von Cannes so viele Köpfe abgehackt wie in Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“, einem Zombiefilm mit Starbesetzung. Doch wie man es von dem für seine Lakonie bekannten New Yorker nicht anders erwarten konnte, ist dies nicht einfach nur ein Genrefilm, sondern ein Spiel mit Genremustern und Klischees, das man außerdem leicht als derbe Kritik am Trump-Amerika verstehen kann.

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The Dead Don`t Die
USA 2019
Regie & Buch: Jim Jarmusch
Darsteller: Bill Murray, Adam Driver, Tilda Swinton, Chloë Sevigny, Danny Glover, Caleb Landry Jones, Selena Gomez, Austin Butler, Luka Sabbat, Rosie Perez, Eszter Balint, Iggy Pop, Sara Driver, RZA, Carol Kane, Larry Fessenden, Tom Waits.
Länge: 103 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 13. Juni 2019

FILMKRITIK:

In der kleinen Gemeinde Centerville ist plötzlich alles anders: Uhren bleiben stehen, Mobiltelefone funktionieren nicht mehr, Sonnenauf- und untergang verschieben sich, vor allem aber erwachen die Toten zum Leben. „Das wird nicht gut enden“ sagt Polizist Ronnie (Adam Driver) schon bald und immer wieder und wird mit seiner Prognose Recht behalten. Sein Vorgesetzter, Kommissar Cliff (Bill Murray), ist anfangs zwar etwas irritiert, als Ronnie mit der Bestimmtheit eines Mannes, der schon viele Zombie-Filme gesehen hat, sagt, dass es sich hier um die Zombie-Apokalypse handelt, doch schnell akzeptiert er sein Schicksal.

Viel machen können die beiden Polizisten ohnehin nicht, zu viele Zombies stromern durch die Stadt, als dass sie allen den Kopf abhacken könnten, die einzige Möglichkeit, um die Untoten wirklich zu töten.

So wie ihnen geht es auch den anderen Bewohnern der Ortschaft: Bobby (Caleb Landry Jones), der an der Tankstelle arbeitet und sich bald mit Hank (Danny Glover) zusammentut, einem von Zoe (Selena Gomez) angeführten Hipster-Trio, das sich mit einem Auto in die Stadt verirrt hat, das direkt aus George Romeros „Nacht der lebenden Toten“ zu stammen scheint, oder der schottischen Leichenbestattern Zelda Winston (Tilda Swinton), die mit ihrem Samurai Zombies jagt und bald auf höchst seltsame Weise entschwebt.

Die Vielzahl der bekannten Schauspieler, die Jim Jarmusch für seinen neuen Film zusammengetrommelt hat, deuten schon an, dass es sich bei „The Dead Don’t Die“ um einen sehr losen, fast unstrukturierten Film handelt. Von einer Handlung zu sprechen fällt schwer, weder finden sich hier Figuren zusammen und entwickeln einen Plan, um die Bedrohung zu bekämpfen, noch werden tiefere Bindungen zwischen den Figuren geknüpft. Was Jarmusch stattdessen tut ist jedoch viel radikaler: Er zeigt eine überspitzte Version der Realität, eine Welt, die vollkommen außer Kontrolle geraten ist, in der oberflächliche Popkultur immer mehr Menschen davon ablenkt, die wirklichen Probleme wahrzunehmen.

Und das größte Problem unserer Zeit heißt gerade für einen liberalen Amerikaner wie Jim Jarmusch natürlich Donald Trump. Zwar fällt kein einziges Mal der Name des aktuellen amerikanischen Präsidenten, doch spätestens wenn Steve Buscemi als rechter Farmer Miller mit einer knallroten „Make America White Again“-Kappe Hass verbreitet (und einen Hund hat, der Rumsfeld heißt) dürfte klar sein, woher der Wind weht.

Ein dystopisches Szenario, einen Zombiefilm als Metapher für Missstände der Gegenwart zu benutzen, ist natürlich nichts Neues mehr, es ist sogar eher banal. Doch Jarmusch bedient die Klischees und Erwartungen des Genres nicht einfach, sondern stellt sie betont offensiv aus. Seine Gesellschaftskritik, sein Bloßstellen einer Kultur, die sich allzu oft in oberflächlicher Zitatenspielerei ergeht, die sich über Likes und Herzchen definiert, ist so offensichtlich, so unsubtil, dass sie kaum ernst zu nehmen ist. Und das ist vielleicht der Punkt eines Films, der zu klug ist, um zu glauben, dass sich durch ihn etwas an den Zuständen ändern könnte. Aktivismus überlässt Jarmusch lieber anderen. Er und sein illustrer Cast haben lieber 100 Minuten Spaß an grotesken Absurditäten, am Spiel mit Genremustern. Wenn die Welt schon verkommt, sollte man zumindest nicht seinen Humor verlieren.

Michael Meyns