The First Rasta

Die Rastafari-Bewegung besteht aus mehr als Kiffen und Reggae-Musik. Welche komplexen politischen, soziologischen und religiösen Facetten der aus Jamaika stammenden Bewegung zu Grunde liegen, versucht die französische Journalistin Hélène Lee, die sich schon seit Jahrzehnten mit der Rasta-Kultur beschäftigt, in ihrer Dokumentation „The First Rasta“ zu vermitteln.

Webseite: www.neuevisionen.de

Frankreich 2010 – Dokumentation
Regie: Hélène Lee, Christophe Farnarier
Länge: 84 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 26. April 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der durchschnittlich gebildete, kulturinteressierte Bürger weiß über die Rastafari-Bewegung in der Regel wenig mehr, als das sie irgendwie mit Bob Marley und seiner Reggae Musik zu tun hat und ihre Anhänger gern Rastalocken tragen, sich mit den Farben Jamaikas schmücken und viel Gras rauchen. Die französische Journalistin Hélène Lee beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen, hat diverse Bücher zum Thema verfasst und nun zusammen mit ihrem Co-Regisseur Christophe Farnarier eine Dokumentation zum Thema gedreht.

Roter Faden von „The First Rasta“ ist der Mann, der im allgemeinen als Begründer der Rastafari-Bewegung gilt: Leonard Percival Howell. 1896 auf Jamaika geboren, als die Karibik-Insel noch britische Kolonie war, führte Howell offenbar ein unstetes Leben, das von Reisen in die unterschiedlichsten Länder und Kulturen geprägt war. Archivmaterial, Fotos oder gar Filmaufnahmen von Howell scheinen aber so gut wie nicht zu existieren, was Lee dazu verleitet, den Werdegang Howells anhand von rasant geschnittenen Montagesequenzen zu erzählen. In groben Strichen wird da schon mal in ein, zwei Minuten die russische Revolution, Lenins Thesen vom Kollektivismus, die Wirtschaftskrisen und der Erste Weltkrieg abgehandelt, was bisweilen zu etwas zu vereinfachenden Schlussfolgerungen führt.

Howells politische Initiation fand in den 20er Jahren in New York statt. In Harlem kam er mit der populären schwarzen Kultur der damaligen Zeit in Berührung und lernte den ebenfalls aus Jamaika stammenden radikalen Schwarzenführer Marcus Garvey kennen. Der propagierte die Rückkehr der Schwarzen nach Afrika, ins Mutterland, da ein friedliches Zusammenleben mit der rassistischen weißen Mehrheit Amerikas als unmöglich empfunden wurde. Ähnliche Thesen verfolgte auch Howell nach seiner Rückkehr nach Jamaika, vermischte sie mit den zunehmend aufkommenden Bestrebungen, das Joch der Kolonialherren abzustreifen und gründete schließlich eine ländliche Kommune. Ähnlich wie die im Europa der 60er Jahre entstandenen Kommunen ist auch diese geprägt von Kritik am Kapitalismus, dem als zerstörerisch empfundenen Einfluss der westlichen Mächte auf die Dritte Welt, was im Duktus der Rastafari-Bewegung zum Widerstand gegen ein „Babylon“ genanntes System wurde. Religiöse Inspiration war wiederum der damalige äthiopischen Kaiser Haile Selassie, der von Lowell und seinen Anhängern als Reinkarnation Christi verehrt wird.

Bis zu seinem Tod im Jahre 1981 lebte Howell zurückgezogen, Zeitgenossen, die über ihn, sein Leben, seine Gedanken Auskunft geben könnten, gibt es offenbar kaum. So beschränkt sich Lees Film in der zweiten Hälfte darauf, Momentaufnahmen des zeitgenössischen Jamaikas zu zeigen: Ältere Menschen, die den Verlust der Traditionen beklagen, ehemalige Musiker, die zusammen mit jungen Epigonen trommeln, dazu recht trostlose Bilder der zunehmend verfallenden Städte, die auch heute noch von der Armut und dem Elend geprägt zu sein scheinen, die Howell vor fast hundert Jahren zum Revolutionär machten. Der spätere globale Einfluss der Rastafari-Bewegung, der vor allem durch die Person und die Musik Bob Marleys erfolgte, ist in dieser Dokumentation dagegen kein Thema. So ist „The First Rasta“ vor allem eine Einführung in ein vielschichtiges Thema, dessen Komplexität in diesen kaum 90 Minuten angedeutet wird.

Michael Meyns

Ein Dokumentarfilm über die Geschichte Jamaikas im 20.Jahrhundert. Ein Film über den Kampf gegen die Kolonialisierung, gegen die Sklaverei, gegen die Übermacht der Konzerne.

Zentrale Figur ist der 1898 geborene Leonard Percival Howell. Die Schilderung seines Lebens hat eine biographische, eine revolutionäre und eine spirituelle Seite.

Als Jugendlicher wird Howell des Landes verwiesen, weil er Zeuge zum Mord eines entfernten Verwandten sein soll, sich jedoch weigert, mit der Kolonialjustiz zusammenzuarbeiten. Dann will er die Welt sehen, begibt sich nach Panama, fährt zur See, kommt nach Russland und ist 1917 begeistert von der Revolution. Bald aber sieht er, dass das Land noch weit entfernt ist von „Friede, Land und Brot“.

Später verschlägt es ihn nach New York, wo er den langsamen Aufstieg der schwarzen Intellektuellen, aber auch die Depression Ende der 20er Jahre erlebt. Er trifft mit dem „Propheten“ Marcus Garveys zusammen, der den äthiopischen Kaiser Haile Selassie fast zum Gott erhebt. Die Rastafaribewegung (benannt nach dem Geburtsnamen des Kaisers) entsteht. Das „Böse“, das aufgrund der Kolonialisierung auch weitgehend über Jamaika herrscht, wird als „Babylon“ bezeichnet.

Howell wird jetzt Heiler, Religionsverkünder, Gründer einer eigenen Kommune (Pinnacle), Verbündeter der auf der Insel beheimateten Inder, Anstifter gegen die englische Kolonialmacht, Schriftsteller, Politiker.

Mehrmals wird er verhaftet, für psychisch krank erklärt. Howell gibt nicht auf. 1962 wird Jamaika ein unabhängiger Staat. Heute ist die Rastabewegung modernisiert. Ihr wichtigstes Kommunikationsmittel nach außen ist der Reggae (siehe Bob Marley).

1981, nachdem er gegen Ende 14 Jahre fast wie ein Eremit lebte, stirbt Leonardo Percival Howell.

Ein interessanter Film. Einer, der beweist, was ein starker Charakter bewirken kann. Einer der den mühsamen geschichtlichen Kampf gegen die Unterdrückung eines farbigen Volkes (und damit vieler Völker) zeigt und dadurch dazu beitragen kann, die Gleichheit der Menschen endlich ins allgemeine Bewusstsein zu rücken. Eine Arbeit, in der viel gutes Material zusammengetragen ist und die charakteristische Zeugnisse und Beiträge der Menschen des heutigen Jamaika aufweist.

Thomas Engel