The Happy Prince

Die letzten Jahre im Leben des Skandalautors Oscar Wilde sind Thema von Rupert Everetts Regiedebüt „The Happy Prince“, ein Herzensprojekt für den Schauspieler, der jahrelang an der Entstehung des Films arbeitete. Man merkt dem Ergebnis an, dass Everett Wilde bewundert, als Künstler und als Mensch, doch als Regisseur wird er ihm deutlich weniger gerecht denn als Schauspieler.

Webseite: www.concorde-movie-lounge.de

Großbritannien, Deutschland 2017
Regie & Buch: Rupert Everett
Darsteller: Rupert Everett, Colin Firth, Colin Morgan, Edwin Thomas, Emily Watson, Franca Abategiovanni, Alister Cameron
Länge: 105 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 24. Mai 2018

FILMKRITIK:

Von 1895-97 saß der legendäre Schriftsteller und Homosexuelle Oscar Wilde (Rupert Everett) im Zuchthaus eine Strafe wegen Unzucht und Sodomie ab. Nach seiner Entlassung war er in seiner englischen Heimat geächtet, ohne Aussicht, seine literarische Karriere fortsetzen zu können. Durch die moralische und vor allem finanzielle Unterstützung von Freunden wie Reggie Turner (Colin Firth) und Robbie Ross (Edwin Thomas), einem ehemaligen und aktuellen Liebhaber, konnte Wilde in Frankreich und später Italien im Exil leben.
 
Doch das Geld war knapp, diverse Süchte – Kokain, Absinth, junge Männer – brachten Wilde immer wieder in Geldnöte. Auch seine große Liebe Alfred Bosie Douglas (Colin Morgan) – eigentlich aus reichem Haus, aber von seiner Familie wegen seiner fortgesetzten Beziehung zu Wilde verstoßen – mit dem Wilde rauschende Feste feierte, trug zum baldigen Ruin des einstmals gefeierten Autors bei.
 
Zunehmend verfiel Wilde, zog durch Europa, ließ sich von seinen immer spärlicher werdenden Bewunderern ein paar Pfund zustecken und starb schließlich 1900 in Paris. Auf dem legendären Friedhof Père Lachaise befindet sich sein Grab, bedeckt von Kussmunden seiner immer noch zahlreichen Anhänger.
 
Erst im letzten Jahr wurde Wilde zusammen mit gut 50.000 anderen Briten posthum begnadigt, was Rupert Everetts biographischem Film ungewollte Aktualität verleiht. Doch die gesellschaftliche Ächtung, die Wilde durch seine Homosexualität erfuhr, ist nur ein Randaspekt von „The Happy Prince“, der sich vielmehr um Wildes ewige Suche nach Liebe dreht. Während in London seine Frau Constance (Emily Watson) vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, mit dem sie zwei Kinder hat, freundet sich Wilde im Exil mit zwei Straßenjungs an, denen er seine Erzählung The Happy Prince erzählt.
 
Als Leitmotiv dient Everett diese Erzählung des glücklichen Prinzen, der nie Leid gekannt hat, im extremen Gegensatz zu dem ausufernden, von Tragik und Skandalen geprägten Leben, das Wilde gelebt hat, das in diesem Film allerdings kaum eine Rolle spielt. Im Gegensatz zu Brian Gilberts 1997 entstandenem Film „Oscar Wilde“, in dem Stephen Fry den Autor spielte, konzentriert sich Everett komplett auf den Verfall des Autors, die letzte Phase in einem reichen Leben, die nicht mehr von literarischem und gesellschaftlichem Ruhm gekennzeichnet war, sondern von Leid, Sucht und schließlich einem frühen Tod. Ein Verfall, der sich auch äußerlich zeigt und aus dem einst für seinen Stil und seine Eleganz berühmten Dandy Wilde einen aufgedunsenen, kranken Mann machte. Dass der bekannt eitle Schönling Everett sich dank aufwändigem Make-Up selbst so offensiv unattraktiv filmt, wirkt geradezu betont uneitel, doch Everetts naturalistische, exaltierte Performance ist auch die größte Stärke eines Films.
 
Als Regisseur dagegen ist Everett seinen eigenen Ansprüchen, ein impressionistisches Porträt der letzten Jahre Wildes zu drehen, nicht gewachsen, verliert sich allzu oft in stilistischen Spielereien, die er eher kunstgewerblich aneinanderreiht, als sie zu einem überzeugenden Fluss zu formen. „The Happy Prince“ ist ein Herzensprojekt, dem man Everett langjährige Beschäftigung mit seinem Thema anmerkt, dass allerdings weniger als runder Film überzeugt, als durch seine Einzelteile.
 
Michael Meyns