The Homesman

Verdächtig oft sucht sich die zweifache Oscar-Preisträgerin Hilary Swank starke Frauenrollen aus, angefangen von der Boxerin in „Million Dollar Baby“ bis hin zur Pilotinnen-Legende und Suffragette Amelia Earhart. Auch in dem emotional packenden bitter-sanften Western-Road-Movie „The Homesman“ beeindruckt sie als mutige Pioniersfrau, die versucht in einer Männerwelt ihr Schicksal zu meistern. Und so präsentiert Regisseur und Hauptdarsteller Tommy Lee Jones die eindringliche Geschichte über die dunklen Seiten des amerikanischen Traums abseits üblicher Erzählweisen. Kameramann Rodrigo Prieto („Brokeback Mountain“) findet für die universale Parabel über menschliche Grenzerfahrungen atmosphärisch dichte Bilder, die ihre Wirkung nicht verfehlen.

Webseite: www.homesman-derfilm.de

USA 2014
Regie: Tommy Lee Jones
Darsteller: Hilary Swank, Tommy Lee Jones, Meryl Streep, David Dencik, William Fichtner, James Spader, John Lithgow, Tim Blake Nelson, Jesse Piemons, Grave Gummer, Miranda Otto, Sonja Richter, David Denck, Hailee Steinfeld
Drehbuch: Tommy Lee Jones, Kieran Fitzgerald, Wesley Oliver
Kamera: Rodrigo Prieto
Länge: 122 Minuten
Verleih: Universum, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 12. Dezember 2014

Pressestimmen:

"Eine bildstarke Parabel über den Kampf um Würde und Erlösung im christlichen Amerika."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Nebraska, Mitte des 19. Jahrhunderts. Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) lebt allein in einem Weiler in den endlosen Weiten der kargen Landschaft des Mittleren Westens. Der Kampf gegen die unerbittliche Natur und die Einsamkeit im oft freudlosen Alltag ist nicht zuletzt für die Frauen der Pioniere hart. Trotzdem führt die 31jährige rechtschaffene Siedlerin ihren kleinen Hof umsichtig und gekonnt. Ab und zu bekocht sie ihren Nachbarn, der sich das auch gerne gefallen lässt. Ihr Heiratsangebot lehnt er jedoch ab. Grund: Sie sei zu autoritär. Er wolle sich lieber im Osten eine Frau suchen.

Bald darauf bricht die resolute Farmerin selbst dorthin auf. Denn die ärmliche Dorfgemeinschaft überträgt lieber ihr als einem Mann die verantwortungsvolle Aufgabe: Mary Bee soll drei Frauen, die den Strapazen in der dünn besiedelten Landschaft nicht mehr gewachsen sind und an der Sprachlosigkeit ihrer Männer innerlich psychisch zerbrachen, zurück in die Zivilisation zur nächst größeren Stadt bringen. Zwar traut sich Mary Bee die mehrwöchige Fahrt zu. Doch als sie am Dorfrand auf den verschlossenen Outlaw George Briggs (Tommy Lee Jones) trifft nutzt sie die Gelegenheit.

Denn der kleine Ganove sitzt auf seinem Pferd und trägt bereits die Schlinge um seinen Hals. Kühl ringt sie dem glücklosen Abenteurer das Versprechen ab sie auf ihrer Odyssee in den Osten zu begleiten. Erst dann befreit die ehemalige Lehrerin den eigenbrötlerischen Vagabunden und rettet den Deserteur nüchtern vor dem Lynchmord durch die Nachbarn. Und so macht sich das ungleiche Paar mit seiner schwierigen Fracht im vergitterten Wagen auf den entbehrungsreichen Treck durch die Prärie. Gemeinsam trotzen sie entschlossen Schneestürmen und lebensgefährlichen Begegnungen. Dabei nähern sich die beiden langsam an. Vor allem Mary Bee glaubt doch noch einen Gefährten gefunden zu haben, der sie vor dem scheinbaren Makel der unverheirateten alten Jungfer rettet.

Tommy Lee Jones zweite Regiearbeit zeigt Anklänge an den subtilen Geschlechterkampf in John Hustons Hollywoods Klassiker „African Queen“ erzählt als schnörkellos inszenierten Western. Vor allem die zweifache Oscarpreisträgerin Hilary Swank erinnert mit ihrer herben trotzdem feinfühligen und gelassenen Selbstsicherheit an Hollywoods eigenwillige letzte Herrscherin und Heroine Katharine Hepburn. Nicht umsonst ist die willensstarke Brünette inzwischen die Leistungssportlerin unter Hollywoods großen Schauspielerinnen: unermüdlich auf der Suche nach Herausforderungen – und nie zimperlich mit sich selbst. Kein Wunder also, dass die unprätentiöse Amerikanerin aus dem Mittleren Westen auch in ihrem neuen Film zu absoluter Bestform aufläuft.

Aber auch der 67jährige Tommy Lee Jones beweist erneut sein Talent, in kraftvollen Szenen die Handlung voranzutreiben. Dabei gönnt sich der Oscarpreisträger die eine oder andere Großaufnahme. Schließlich hat der kantige Texaner seinen stoischen Gesichtsausdruck nicht umsonst zu seinem Markenzeichen gemacht. Bewegend wenn das Image des ewig coolen Rauhbein Risse zeigt und er am Ende hilflose Trauer zulässt. Selbst wenn aus der Adaption des Buches von Glendon Swarthout nicht unbedingt der ultimative feministische Neonwestern wurde, behandelt er als Regisseur seine Figuren sehr feinfühlig. In wiederkehrenden Rückblenden schildert sein kraftvolles Road-Movie das Schicksal der überforderten Pioniersfrauen sowie deren Flucht in den Wahn. Und bis zum Schluss, als er sie an die Pastorin (Meryl Streep) in Iowa übergibt, denunziert er seine Protagonistinnen nicht.

Luitgard Koch