The Human Scale

Stadtentwicklung ist nicht unbedingt ein Thema, das sich unbedingt für eine spannende Dokumentation eignet. Doch dem dänischen Regisseur Andreas M. Dalsgaard gelingt es in seinem hervorragendem Film „The Human Scale“ die Frage, wie die Menschheit in den zunehmend wachsenden Städten leben will und kann, auf ansprechende Weise in Bilder zu fassen.

Webseite: www.thehumanscale-derfilm.de

Dänemark 2012 – Dokumentation
Regie, Buch: Andreas M. Dalsgaard
Länge: 83 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart neu: 31. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:

„Ein beeindruckendes, lustiges und mitreißendes Plädoyer für eine grünere, ruhigere, nettere Stadt – für mehr Kopenhagen und weniger Los Angeles.“
Süddeutsche Zeitung

„Sehenswert – Ein Plädoyer für lebenswerten öffentlichen Raum.“
Tip Berlin

„Der Kinofilm THE HUMAN SCALE zeigt bilderstark und berührend die Städteplanung von Jan Gehl.“
Deutsches Architektenblatt

FILMKRITIK:

„Erst formen wir die Städte, dann formen die Städte uns“ heißt es an einer Stelle von Andreas M. Dalsgaard herausragender Dokumentation. Ein Satz, der das Problem von Metropolen, wie sie in den letzten hundert Jahren weltweit in praktisch identischer Form entstanden sind, auf den Punkt bringt. Das entscheidende Merkmal der modernen Stadt ist, dass sie nicht in erster Linie für Menschen gemacht sind, sondern für eine der Grundpfeiler des Kapitalismus: das Auto. Immer mehr, immer größere Straßen und Stadtautobahnen durchziehen die Städte, doch der Verkehr will einfach nicht weniger werden. Im Gegenteil: Wie Untersuchungen zeigen, sorgen zusätzliche Straßen nicht etwa für ein gleichmäßiges Verteilen von Verkehr, sondern für ein Anwachsen von Verkehr.

Das Prinzip, dass Menschen vorgegebene Bedingungen auch nutzen, ist in gewisser Weise die Grundthese der Arbeit des dänischen Architekten und Stadtplaners Jan Gehl. In den 60er Jahren begann Gehl mit einer revolutionären Arbeit: Er untersuchte, wie sich Menschen im öffentlichen Raum verhielten, sich bewegten, wo sie verweilten, welche Orte sie mieden. Die aus den langjährigen Studien gezogenen Erkenntnisse versuchte Gehl dann in aktive Eingriffe in die Stadtplanung umzusetzen, die das Ziel hatten, Städte lebenswerter und vor allem menschenfreundlicher zu machen.

In Andreas M. Dalsgaards Dokumentation kommt zwar auch Jan Gehl zu Wort, dazu etliche junge Architekten, die seine Ideen auf unterschiedliche Weise in verschiedenen Metropolen der Welt anwenden, doch im Kern ist „The Human Scale“ nicht das Porträt eines Mannes, sondern der modernen Metropole. Von Chongqing in China, über Dhaka, die Hauptstadt Bangladeshs, Melbourne, Christchurch in Neuseeland bis zum legendären Times Square in New York geht die Reise, auf der Dalsgaard seine These entwickelt. Die lautet zwar im Kern, dass die Menschheit angesichts zunehmender Verstädterung (schon jetzt leben 50% der Weltbevölkerung in Städten, 2050 werden es an die 80% sein) Methoden finden muss, um dem Verkehrskollaps zu entgehen, doch ein ökologisches Manifest ist „The Human Scale“ nicht.

Angenehm undogmatisch ist Dalsgaards Tonfall und der seiner zahlreichen Interviewpartner, die über Methoden berichten, mit denen auf positive Weise in die Stadtplanung eingegriffen wird. Kaum war zum Beispiel der einst von Autos, vor allem Taxis, dominierte Times Square für den Verkehr gesperrt, einige Sitzgelegenheiten aufgestellt, entwickelte sich der Platz zum beliebten Aufenthaltsort für Einheimische und Touristen gleichermaßen. Ähnliche Erfolge wurden in chinesischen Städten erzielt, die Stadtentwicklungen, die im Westen Jahrzehnte dauerten, in wenigen Jahren durchlaufen.
 
Von den Fehlern des Westens lernen ist gerade für eine Metropole wie Dhaka, in einem der ärmsten Länder der Welt zwingend notwendig. Sagenhafte 1000 neue Bewohner pro Tag ziehen in die weltweit am schnellsten wachsende Stadt, was das Verkehrsproblem ständig verschärft. Was passieren würde, wenn sich auch nur ein Bruchteil dieser Menschen ein Auto zulegen würde, mag man sich gar nicht vorstellen.

Angesichts von unzähligen gravierenden Problemen, vor denen die Welt in Zukunft steht, mutet „The Human Scale“ mit seinem Fokus auf angenehmeres Leben und Wohnen in Städten zwar bisweilen etwas utopisch an. Doch wie Andreas M. Dalsgaard auf überzeugende Weise darstellt, sind Lebensqualität und letztlich auch Gesundheit in entscheidendem Maße vom städtischen Umfeld ab. Und wie dies verbessert werden kann, zeigt seine unbedingt sehenswerte Dokumentation auf überzeugende Weise.

Michael Meyns