The Jungle Book

Eher ein Remake des klassischen Disney-Animationsfilms als eine Neuverfilmung von Rudyard Kiplings Roman ist Jon Favreaus "The Jungle Book", ein technisch atemberaubender Film, der zwar nie den Charme des Originals erreicht, mit seiner Betonung auf Abenteuer, Action und Familienwerten aber perfekt in unsere Zeit passt.

Webseite: http://filme.disney.de/the-jungle-book

USA 2015 – Animationsfilm
Regie: Jon Favreau
Buch: Justin Marks, nach den Romanen von Rudyard Kipling
Länge: circa 100 Minuten
Verleih: Walt Disney
Kinostart: 14. April 2016
 

FILMKRITIK:

Über die Geschichte braucht man nicht viele Worte zu verlieren, sie ist bekannt und wurde auch in diesen neuen "Jungle Book" nicht verändert: Mowgli, ein kleiner Junge, wird im Dschungel von Wölfen aufgezogen und lebt im Einklang mit der Tierwelt. Allein der Tiger Shere Khan stört sich an der Anwesenheit eines Menschen, so dass es der Panter Bagheera für sicherer hält, Mowgli dahin zurückzubringen wo er her kommt: Zu den Menschen.

Oft wurde diese Geschichte verfilmt, doch die beliebteste Version bleibt der Disney-Animationsfilm aus dem Jahre 1967, der allein in Deutschland sagenhafte 27 Millionen Zuschauer in die Kinos lockte, mehr als jeder andere Film! Die Macher dieser Neuauflage standen nun also vor der schwierigen Aufgabe, gleichzeitig dem Original Ehre zu erweisen, aber auch einen zeitgemäßen, modernen Film zu drehen. Ergebnis dieses Spagat ist zunächst ein Mowgli, der zwar wie eh und je im Lendenschurz im Dschungel lebt, sich aber verhält wie ein Kind der Gegenwart: Selbstbewusst bis an die Grenze zur Arroganz, fordernd und unbescheiden. 1967 hätte man ihn vermutlich als Rotzlöffel bezeichnet, nun ist er das einzige real gefilmte Element in einer ansonsten konplett animierten Welt.

Offiziell wird "The Jungle Book" zwar als Live-Action-Film vermarktet, also als Realfilm, doch eigentlich muss man ihn als Animationsfilm bezeichnen: Jedes Tier, aber auch jeder Baum, jede Pflanze, jeder Grashalm entstand im Computer und ist von atemberaubender Perfektion. Die technische Qualität der Bilderwelten, die Regisseur Jon Favreau und seine Hundert-, ach was, Tausendschaften an Computertechnikern hier auffahren ist von einer Qualität, wie man sie selten gesehen hat. In brillanten Farben erstrahlt der Dschungel, der hier eine stilisierte Phantasiewelt voller exotischer Pflanzen, mächtiger Baumriesen, Wasserfällen und dramatischer Landschaften ist, bevölkert von Tieren aller Art, von Wölfen und Elefanten, über Disneytypische knuffige Wesen, bis hin zu den bekannten Figuren aus dem Original: Die Schlange Kaa, der Bär Baloo und Louis, der Affenkönig.

Gerade den Auftritten dieser drei Wesen ist es zu verdanken, dass dieser ansonsten sehr Actionlastige Film (bei dem Mowgli, wenn er mal wieder über Stock und Stein durch den Dschungel rast, eher an Tarzan-Junior erinnert) zumindest im Ansatz den Charme und Witz des Originals erreicht. Nicht zuletzt dann, wenn Baloo sein berühmtes "Versuchs mal mit Gemütlichkeit" anstimmt und King Louis "Ich wäre gern wie du-hu-hu" singt. In der englischen Originalversion hat man hier das besondere Vergnügen, die unverwechselbare Stimme Christopher Walkens zu hören, der den Affenkönig wie einen New Yorker Mafiaboss klingen lässt.

Diese beiden Songs sind die einzigen, die übrig geblieben sind, denn meist ertönt moderne, bombastische Musik voller Pathos, wenn nicht gerade das Gesetz des Dschungels gepriesen wird und vor allem die Macht des Feuers und damit des Menschen. Dass hier an entscheidender Stelle das filmische Original variiert wird und stattdessen auf die literarische Vorlage zurückgegriffen wird, ist ideologisch aufschlussreich. Disney-Filme waren zwar im Kern stets konservativ, doch zumindest in Ansätzen war im 67er "Dschungelbuch" die Anarchie der Gegenkultur spürbar. Dass nun, 2016, wieder mehr auf ein vom kolonialen Denken geprägtes Buch zurückgegriffen wird, ist bezeichnend. Doch daran muss man sich nicht stören, dieses "Jungle Book" ist ein perfekter Film für die Gegenwart: Emotional bisweilen etwas kalt, dafür aber technisch makellos.
 
Michael Meyns