The King – Mit Elvis durch Amerika

Der fesselnde Road Trip führt in Elvis Presleys Rolls Royce durch die USA, immer auf den Spuren des King of Rock’n‘Roll und mit vielen Gästen aus der Kultur- und Musikszene, die in den Polstern des Wagens Platz nehmen. Elvis‘ Leben dient als roter Faden und wird immer mehr und immer offensichtlicher zum Gleichnis für den Aufstieg und den Niedergang eines ganzen Landes. Schließlich entwickelt sich der Film zur intelligenten Bestandsaufnahme. Die Dokumentation wird zusätzlich interessant durch aktuelle Bezüge: Sie spielt in der entscheidenden Phase der letzten Präsidentschaftswahl und wirkt dadurch beinahe prophetisch in ihrer kritischen Sicht auf den Zustand der USA. Dabei ist der Film hochgradig unterhaltsam und neben allem anderen auch ein musikalischer Hochgenuss.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Dokumentarfilm, OmU
USA/Deutschland/Frankreich 2017
Regie: Eugene Jarecki
Drehbuch: Eugene Jarecki, Christopher St. John
mit: Ethan Hawke, Ashton Kutcher, Alec Baldwin, Emmylou Harris, Chuck D und vielen anderen
109 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 19.04.2018

FILMKRITIK:

Viele fahren mit im Rolls Royce – manche sind oder waren prominent, einige kannten Elvis Presley, andere sind mehr oder weniger zufällig Vorbeikommende – gemeinsam machen sie aus der Reise zu den Stationen seines Lebens viel mehr als ein übliches Biopic, sondern eher das essayistische Statement einer kulturpolitischen Auseinandersetzung mit Musik, hier: Rock’n‘Roll. Der Wagen selbst spielt eine wichtige Rolle, und sein Fond wird immer wieder zur Bühne, aber auch zum Platz für intensive Reflexionen. Ein alter Blues-Musiker beginnt erstmal zu weinen, als er einsteigt. Zu groß ist die Rührung, im selben Wagen und auf denselben Polstern zu sitzen wie seinerzeit der King persönlich. Manchmal ist der Fond vollgestopft mit Musikern samt Ausrüstung, die mit großer Begeisterung performen. Dabei wird sehr schnell klar: Dies ist nicht die x-te Elvis-Biographie, auch wenn sehr gut recherchiertes, bisher kaum oder gar nicht bekanntes Bild- und Filmmaterial gezeigt wird. Schon auf der ersten Station des Films in Tupelo, Elvis‘ Geburtsort, zeigt sich, dass es hier um mehr geht, nämlich um die Parallelen zwischen Elvis und der Geschichte der USA. Da berichten die Bewohner von Tupelo, dass ihre kleine Stadt eigentlich längst kaputt ist und viele hier vom Nachruhm des King profitieren. Über Tupelo geht es weiter nach Memphis und Nashville – Elvis Presleys Aufstieg wurde in den 50er Jahren zum Sinnbild für den amerikanischen Traum. Seine Musik prägte nicht nur eine ganze Generation, sondern wirkt bis heute nach. Und weil das so ist, geht es nicht nur um den Menschen und um den Künstler Elvis Presley, sondern auch um den Rock’n‘Roll und seine Wurzeln ebenso wie um die Veränderungen in den USA zwischen den 50er und 70er Jahren. Später kristallisiert sich noch etwas anderes heraus: Kultur als Spiegel der Politik und Musik als Vehikel für gesellschaftliche Entwicklungen. Sinnbildlich für den Abstieg des Künstlers und des Landes führen die letzten Stationen nach Hollywood, Las Vegas und zurück nach Memphis/Tennessee, wo Elvis Presley 1977 starb.
 
Eugene Jarecki hat eine essayistische Form für seine Dokumentation gewählt. Die Passagen im Rolls Royce und drum herum wechseln sich mit Original-Filmaufnahmen ab, die manchmal ganz kurz, beinahe flashmäßig, eingesetzt werden, ebenso wie die zahlreichen Bilder aus Konzerten, Filmen und TV-Auftritten. Zusätzlich wurden Interviewszenen gedreht, in denen sich beispielsweise der Rapper Chuck D. oder der Jurist Van Jones über ihr Verhältnis zu Elvis Presley und seinem Vermächtnis äußern, aber auch zur Situation der USA allgemein. Ashton Kutcher steigt in den Wagen und spricht mal eben ganz locker über die ambivalente Beziehung zwischen Kunst, Prominenz und künstlerischer Bedeutung. Dazu gibt es jede Menge Musik. Das ist alles sehr flott montiert und hält, bei aller Seriosität, eine gewisse Leichtigkeit, die zum einen mit der Musik harmoniert und zum anderen dafür sorgt, dass der Film von der ersten bis zur letzten Sekunde unterhaltsam ist.
 
Eugene Jarecki serviert, mehr nebenbei als mit dem akademischen Zeigestock, ein paar Thesen, die nicht unbedingt neu, aber in sich interessant sind: Da wird Elvis als Star bezeichnet, dessen Karriere auf Kosten des schwarzen Amerika ging. Er habe als Weißer den Rock’n‘Roll salonfähig gemacht und damit für andere Weiße zugänglich. Inwiefern Elvis daran tatsächlich Anteil hatte, wird ebenso diskutiert wie die Frage, ob Elvis freiwillig oder aufgrund äußerer Einflüsse stets und ständig betont hat, dass er sich nicht in die Politik einmischen wollte. Sein Aufstieg geht einher mit dem Aufstieg der USA, sein Abstieg steht für eine fatale Entwicklung, die – nach Jarecki – nunmehr, 40 Jahre nach Elvis Presleys Tod, ihren Tiefpunkt erreicht hat.
 
Für sein anspruchsvolles Filmprojekt nutzt Eugene Jarecki viele einzelne Elemente, die erst im Zusammenspiel ihre volle Wirkung entfalten und dafür sorgen, dass der Film immer abwechslungsreich bleibt. Das Fahrzeug, der majestätische Roll’s Royce, wird innen für Aufnahmen mit den zahlreichen Gästen genutzt, von außen ist er so etwas wie ein Fixpunkt auf der langen Reise von Station zu Station. Beinahe komisch wirkt dann eine Autopanne, die – als wäre sie bestellt – die Verletzlichkeit des King und der USA dokumentiert, wobei es beinahe naheliegender wäre, hier die vielbeschworene, aber durchaus brüchige Freundschaft zwischen den USA und Großbritannien aufzurufen. Die zahlreichen Stars, Elvis‘ ehemalige Weggefährten, Freundinnen und Freunde sowie Performer unterschiedlicher Musikrichtungen bringen mal kurze, mal längere Einlagen. Sie sind kunstgerecht geschnitten und verteilen sich oft über mehrere Passagen, so dass keine Interviewsituation länger als ein paar Minuten dauert. Das bringt zusätzlichen Pep in einen Film, der neben großartigen Bildern auch viel Stoff zum Nachdenken und für Diskussionen bietet.
 
Gaby Sikorski