The King of Staten Island

Wie ein nicht mehr ganz junger Herumtreiber es endlich schafft, sein Leben in den Griff zu bekommen, beschreibt Judd Apatow in seinem neuen Film „The King of Staten Island“, der in typischer Apatow-Manier als oft grobschlächtige Komödie beginnt, dank seines Hauptdarstellers und Drehbuchautors Pete Davidson jedoch zu einer sehenswerten, nur am Ende etwas sentimentalen Selbstfindungsgeschichte entwickelt.

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USA 2020
Regie: Judd Apatow
Buch: Judd Apatow, Pete Davidson & Dave Sirus
Darsteller: Pete Davidson, Bel Powley, Ricky Velez, Bill Burr, Lou Wilson, Marisa Tomei, Nina Hellman.
Länge: 136 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 30. Juli 2020

FILMKRITIK:

Scott Carlin (Pete Davidson) trägt eine schwere Last: Sein Vater war Feuerwehrmann und starb in den Ruinen des World Trade Centers. Sieben Jahre jung war Scott damals, hatte seinen Vater idealisiert und ist nie über dessen Tod hinweggekommen. 17 Jahre ist das inzwischen her, Scott lebt immer noch im Haus seiner Mutter Margie (Marisa Tomei), hat die Schule geschmissen und steht vor einem Leben ohne Zukunft.
Mit seinen Kumpels hängt er im Keller ab, raucht Marihuana und überredet sie immer wieder, sich von ihm tätowieren zu lassen. Ziele hat er ebenso wenig wie Träume, ab und zu hat er Sex mit einer alten Freundin, doch mit dem Auftritt von Ray (Bill Burr) ändert sich alles.
Ray ist ebenfalls Feuerwehrmann, hat zwei Kinder, eine geschiedene Ehefrau und ist der neue Freund von Margie. Alles andere als begeistert ist Scott von dieser Veränderung, die zunehmend auch ihn betrifft. Erst soll er sich einen Job suchen, dann gar ausziehen! Doch wohin? Ohne Plan und Bleibe findet sich Scott schließlich in Rays Feuerwache wieder, wo er eine besondere Form der Gemeinschaft kennenlernt und erfährt, dass sein Vater nicht nur der strahlende Held war.
In den USA ist Pete Davidson ein Stand-Up-Comedian von wachsender Bekanntschaft, der seit einigen Jahren zur festen Besetzung der Kult-Comedy-Sendung „Saturday Night Life“ gehört. Aus dieser Truppe gelang im Lauf der Jahre Komikern wie John Belushi, Eddie Murphy, Mike Myers, Will Ferrell, Tina Fey oder Adam Sandlar der Sprung nach Hollywood, meist als Schauspieler, oft auch als Autoren.
In dieser Doppelfunktion ist nun auch Pete Davidson tätig, der in seinem Buch zu „The King of Staten Island“ seine eigene Lebensgeschichte verarbeitet, zumindest deren Anfänge. So wie Scott wuchs er auf Staten Island auf, einem der fünf Stadtteile New Yorks, das durch seine Randlage allerdings weit weg vom Glamour Manhattans liegt und dementsprechend oft als Insel der Versager und all derer gilt, die es nicht geschafft haben.
Mit Marihuana und Computerspielen verbringen Scott und seine Freunde ihre Zeit, sind also geradezu idealtypische Figuren aus dem Apatow Kosmos. Gerade zu Beginn steht dementsprechend der pubertäre Humor im Mittelpunkt, für den Apatow zu Beginn seiner Karriere vor allem bekannt war und den Davidson auch mit Leichtigkeit bedient. Doch mit dem Auftauchen von Ray verschiebt sich der Fokus und der Ton.
Dass diese langsame, aber am Ende doch problemlose Selbstfindung Scotts nicht allzu sentimental werden kann, liegt vor allem an Pete Davidson unverbrauchter, authentischer Persönlichkeit, und am zweiten Hauptdarsteller des Films: Staten Island. Ohne die keine Insel zu verklären, zeigt Apatow ihren Charme, ihre ganz besondere Aura, die sie im Schatten der Hochhäuser Manhattans zu so etwas wie einer Oase der Normalität macht. Und am Ende realisiert Scott genau das: Auch wenn er mit seinen vielen Tattoos aus der Masse heraussticht, so verkehrt ist es nicht, ein ganz normales Leben, auch ein bisschen durchschnittliches Leben zu führen.

Michael Meyns