The Look of Love

Der geniale Viel-Filmer Michael Winterbottom lässt in „The Look of Love“ mit seinem Lieblingsdarsteller und flottem Zeitkolorit die sagenhafte Karriere des legendäre Nachtclub- und Magazin-Besitzers Paul Raymond aufleben. Eine reizvolle Zeit- und Sittengeschichte, der das familiäre Drama Raymonds eine melancholische Note gibt.

Webseite: www.barnsteiner-film.de

Großbritannien 2013
Regie: Michael Winterbottom
Buch: Matt Greenhalgh
Darsteller: Steve Coogan, Anna Friel, Tamsin Egerton, Imogen Poots, Chris Addison, James Lance, Matthew Beard
Länge: 99 Minuten
Verleih: Alpenrepublik
Kinostart: 29. August 2013

PRESSESTIMMEN:

"Michael Winterbottom, virtuoser Chronist der angelsächsischen Popkultur ("24 Hour Party People"), präsentiert sein Raymond-Portrait als quicklebendig wirbelnde Zeitgeist-Revue und schenkt Steve Coogan eine aus Satire und Drama maßgeschneiderte Rolle."
Süddeutsche Zeitung

"Glitzernde Siebziger, britischer Humor und seriöse Biografie: Der neue Film von Starregisseur Michael Winterbottom "The Look of Love" erzählt die wahre Geschichte des Sex-Unternehmers Paul Raymond."
Stern

FILMKRITIK:

Der als Geoffrey Anthony Quinn geborene Paul Raymond (1925-2008) war eine mehr als schillernde Figur: Im London der wilden Fünfzigern reizte er in seinen Clubs die Grenzen dessen aus, was an Nacktheit erlaubt war, führte lebendige „Statuen“ vor und verdiente später mit privaten Strip-Clubs, die tausende „Mitglieder“ hatten. Dann stieg er als Verleger mit der gleichen Chuzpe in die Porno-Branche ein, machte aber gleichzeitig in seinem eigenen Windmill Theatre mit großen Revues auf Kultur. Zwischenzeitlich war Paul Raymond der reichste Mann Englands, besaß als "King of Soho" ganze Straßenzüge im Londoner Vergnügungs-Viertel.

Also ein gefundenes Film-Fressen für den umtriebigen Regisseur Michael Winterbottom und seinen Lieblingsdarsteller Steve Coogan: Die wilde Sitten-Geschichte Englands und vor allem des Londoner Bezirks Soho sucht trotz des exzessiven Sexuallebens seines Protagonisten Paul Raymond (Coogan) nicht den Skandal wie Miloš Formans Biographie von „Larry Flint“. Denn über Raymonds Rückblick nach dem Drogen-Tod der geliebten Tochter Debbie (Imogen Poots) im Alter von nur 36 Jahren liegt eine große Trauer. Zwischen der Euphorie über einen unglaublichen Aufstieg, den Spaß am gewitzten Finten, mit denen Raymond die prüde Justiz narrt, und dem Staunen über ein sehr intensives Sexleben wechselt Winterbottom immer wieder zum melancholischen Erzählrahmen, in dem Paul mit seiner Enkelin durch die Straßen Sohos fährt.

Paul Raymond sieht sich mit Glück und zu recht (auch wenn er vor Gericht nicht immer Recht bekommt) als moderner König Midas, dementsprechend ist sein Privatleben eine Katastrophe. Seine Ehefrau Jean (Anna Friel), mit der er sein Imperium gründete, betrügt er fast jede Nacht mit Revue-Girls. Mit dem Erfolg seiner Clubs hält der einer verlogenen Gesellschaft mit Lust den Spiegel vor, aber auch er selbst lässt kräftig Doppelmoral raushängen, wenn er auf seine Ehefrau eifersüchtig ist. Später verlässt er sie endgültig für die Tänzerin Fiona Richmond (Tamsin Egerton), die dann als seine Partnerin treibende Kraft eines seiner Erotik-Magazine wird.

Sehr hart schneidet Winterbottom Bett-Szenen von Paul gegen solche mit der vernachlässigten Tochter, die nebenan von seinem Chefredakteur mit Koks „getröstet“ wird. Und Pauls fast erwachsener Sohn, von dem er viele Jahre nichts wusste, wird am Telefon abgewimmelt. Für TV-Kameras inszeniert der Selbstdarsteller ein gutes Verhältnis mit Tochter Debbie, danach bleibt ihr einsam nur die Droge. In dieser persönlichen Tragödie rückt die Zeitstimmung, die der geniale Regisseur etwa bei „24 Hour Party People“ (2002) auch schon mit Steve Coogan einfing, in den Hintergrund. Der grelle Spaß am exzessiven Leben klingt beim alten, einsamen Paul Raymond in Moll aus.

Milde, berührend melancholisch und nachdenklich wirkt dieser Winterbottom-Film nach. Ganz wie der Titel-Song „The Look of Love“, komponiert von Burt Bacharach und Hal David, gesungen von Dusty Springfield. Dies ist einer der vielen zeitgemäßen Songs vom Feinsten und man kann „The Look of Love“ wie schon Winterbottoms „I want you“ ins Regal sehr schön verfilmter Popsongs stellen. Dabei ist das stillere Drama nicht nur in den Hauptrollen hervorragend besetzt, am Rande macht sich etwa Stephen Fry als Ankläger vor Gericht über selbiges und die Verlogenheit der Gesellschaft lustig. Klüger als seine Hauptfigur konzentriert sich der Film „The Look of Love“ mehr auf die persönlichen Beziehungen und Tragödien als um den provokativen Exzess.

Günter H. Jekubzik

Mit Stripclubs und Männermagazinen wurde Paul Raymond zum reichsten Briten und führte nicht nur in den Swinging Sixties ein hedonistisches, promiskuitives Dasein. Aus diesem Leben formt Michael Winterbottom das Biopic „The Look of Love“, das munter und mit viel nackter Haut erzählt ist, aber nicht über bloße Oberflächenreize hinauskommt.

Ende der 50er Jahre war auch die britische Gesellschaft noch durch und durch prüde und konservativ. Ideales Pflaster also, um mit nackter Haut Geld zu verdienen – sehr viel Geld. Dieser Inspiration folgend, eröffnete der umtriebige Paul Rymond (Steve Coogan) 1958 im Londoner Stadtteil Soho seine erste „Revue-Bar“, die zum Grundstock eines erstaunlichen Vermögens wurde. Immer mehr Clubs öffnete Raymond, der einst mittellos aus Liverpool in die Metropole gekommen war, investierte den Gewinn in Immobilien und wurde schließlich gar zum reichsten Briten.

Möglicherweise lag der Grund für Raymonds Erfolg auch darin begründet, dass er das Leben, das seine Clubs versprachen, tatsächlich selbst lebte: Zwar war er mehrere Male verheiratet und zeugte diverse Kinder, doch in erster Linie war er ein libertärer Hedonist, der die sexuelle Freiheit der legendären Swinging Sixties in vollen Zügen auskostete. Spätestens als Raymond begann, auch Männermagazine zu verlegen, wurde er zu einem britischen Hugh Hefner oder Larry Flynt.

Doch so erstaunlich Raymonds Leben auf dem Papier auch sein mag, für einen biographischen Film ist die Geschichte doch ein wenig ereignislos, zumal es offenbar keine großen Hindernisse gegeben hat, keine Skandale oder sonstigen Probleme. So versuchen Regisseur Michael Winterbottom und Drehbuchautor Matt Greenhalgh die Geschichte eines Hedonisten mit tragischer Note zu überziehen. Immer wieder wird angedeutet, dass Raymond bei allem Reichtum, all den Frauen, all den Drogen, doch nie wirkliche Nähe zu den ihm umgebenden Menschen gespürt hat. Materialismus statt Liebe soll er gelebt haben, so behauptet es der Film, der in Rückblenden erzählt ist und nach dem Drogentod von Raymonds geliebter Tochter Debbie beginnt.

Wirklich glauben mag man die späten Selbstzweifel allerdings nicht wirklich: Allzu beschwingt und selbstbewusst bewegt sich Raymond durch sein Leben, ebenso wie der Film selbst, den Vielfilmer Winterbottom (dies ist sein 22. Film in 18 Jahren) gewohnt souverän in Szene setzt. Der in England sehr beliebte Steve Coogan verleiht seiner Figur viel Charme und einigen Witz, doch als Zuschauer, der nicht mit dem wahren Paul Raymond vertraut ist, stellt sich irgendwann die Frage ein, was „The Look of Love“ eigentlich erzählen will.

Denn weder der schon erwähnte Gegensatz zwischen Geld und Gefühlen, noch die Gesetze und Zensurmaßnahmen, die Paul Raymond auf geschickte Weise umschiffte, noch das sich durch zunehmenden Drogenkonsum verändernde Nachtleben spielen eine wirkliche Rolle. Gerade ein Vergleich mit Milos Formans brillantem Film „Larry Flynt-Die nackte Wahrheit“ spricht Bände: Während Forman es schafft, dass Leben des Hustler-Verlegers zu einer Parabel über Meinungsfreiheit zu überhöhen, fehlen in Winterbottoms Film solche Subtexte völlig. Penibel werden die Ereignisse eines Lebens abgehakt, aber mehr als ein leidlich unterhaltsames Biopic über einen nur in seiner Heimat bekannten Mann ist „The Look of Love“ nicht.

Michael Meyns

aul Raymond wurde 1925 in Liverpool zwar als Geoffrey Quinn geboren, hat sich also umgetauft, war aber sehr wohl eine schillernde historische Figur.

Schon mit gut 25 Jahren begann er mit seiner Frau Jean im Londoner Stadtviertel Soho etwas Besonderes: Er betrieb etliche Lokale mit Stripteasetänzerinnen und unbekleideten Mädchen, damals in England zugleich eine Sensation und ein Skandal. Jean machte Pauls (was Frauen betrifft) äußerst lockere Art lange mit. Bis es ihr dann zu bunt wurde, als der Gatte zu großes (nächtliches) Interesse an Amber zeigte. Trennung. Scheidung.

Amber, 20 Jahre jünger, rothaarig und gut aussehend, arbeitete an Paul Raymonds Softporno-Zeitschriften als Fiona Richmond fleißig mit – an die sieben Jahre lang. Dann war auch das zu Ende.

Die nächste Gefährtin war eine langbeinige blonde Schönheit.

Das Hauptinteresse Pauls jedoch galt der Tochter Debbie. Er liebte sie innig, nahm sogar beachtliche geschäftliche Risiken in Kauf, als Debbie Sängerin werden wollte – aber keinen Erfolg hatte.

Debbie, die später lange die Geschäfte ihres Vaters managte, starb früh, denn ihre Hauptnahrung war Koks. Von da an keimte in Paul keinerlei Ehrgeiz mehr auf, denn die Trauer über den Verlust der Tochter war zu groß.

Michael Winterbottom ist der Regisseur. Das verspricht von vornherein etwas Außergewöhnliches – und das trifft dann auch ein.

Die Zeit – zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts – wird festgehalten; das „Skandal“-Milieu ist ausführlich geschildert; der sozialmoralische Zustand des Landes scheint auf; der Mensch Paul Raymond mit seinem Ehrgeiz, seinem Reichtum, seinem Luftikus-Charakter, seiner sexuellen Freizügigkeit, seiner Liebe zu Tochter Debbie, seinem unspektakulären Ende, all das steht lebendig vor einem.

Eine Inszenierung von Wert.

Für diese schillernde Persönlichkeit brauchte Winterbottom natürlich einen Spitzendarsteller. In Steve Coogan hat er ihn wahrlich gefunden. Der liefert eine Leistung ab, die Achtung abnötigt. Die Damen Anna Friel als Ehefrau Jean, Tamsin Egerton als selbstbewusste Fiona und Imogen Poots als geliebte Tochter Debbie lassen aber schauspielerisch ebenfalls absolut nichts anbrennen.

Thomas Engel