The Look of Silence

Fortsetzungen zu Dokumentarfilmen sind eher selten, genau das ist jedoch Joshua Oppenheimers „The Look of Silence“, der das Thema seines Erfolgsfilms „The Act of Killing“ – die Ermordung hunderttausender Indonesier Mitte der 60er Jahre – vertieft und erweitert. Dass er dabei weniger spektakulär, plakativ und vor allem manipulativ vorgeht, macht den Film umso besser.

Webseite: http://thelookofsilence.com

The Look of Silence – Dokumentation
Dänemark/ Indonesien/ USA/ Deutschland 2014
Regie: Joshua Oppenheimer
Länge: 103 Minuten
Verleih: Koch Media, Vertrieb: Neue Visionen
Kinostart: 1. Oktober 2015
 

FILMKRITIK:

Nur selten werden Dokumentarfilme so gefeiert, wie Joshua Oppenheimers „The Act of Killing“, der dutzende Preise auf Festivals in aller Welt gewann. Thema des Films war die Ermordung hunderttausender Kommunisten, die Mitte der 60er Jahre auf unvorstellbar grausame Weise getötet wurden. Geht es hier vor allem um die Täter, konzentriert sich „The Look of Silence“ auf die Opfer, genauer gesagt eine Opferfamilie. 1966 wurde ein Mann Namens Ramli ermordet, was zu dieser Zeit nicht weiter bemerkenswert gewesen wäre. Eine fast einzigartige Stellung in der Geschichte Indonesiens nahm dieser Mord durch die Tatsache ein, dass es Zeugen gegeben hat, die Tat also nicht wie die meisten anderen negiert werden konnte. Bei seinen langjährigen Recherchen in Indonesien stieß der amerikanische Regisseur Joshua Oppenheimer immer wieder auf den Namen Ramli, auf Menschen, die ihn gekannt hatten oder Geschichten gehört hatten. Irgendwann führte ihn seine Suche schließlich auch zur Familie von Ramli, der greisen Mutter, dem noch älteren Vater und dem inzwischen 47jährigen zweiten Sohn Adi.

Dieser viel jünger wirkende Mann arbeitet als Optiker und reist in dieser Funktion durch ländliche Regionen, wo er der Landbevölkerung die Augen vermisst – und sie über die Vergangenheit ausfragt. Dabei beobachtet ihn Oppenheimer, der die spezielle Situation geschickt benutzt: Das Reden während einer Untersuchung, praktisch beiläufig, gepaart mit der ruhigen Art Adis, der trotz all der Grausamkeiten, die er hört und die ihn und seine Familie unmittelbar betreffen, nie die Contenance verliert, machten den Film erst möglich. Nur dadurch gerieten die Gesprächssituationen nie außer Kontrolle, auch wenn es oft wohl das erste Mal war, dass Täter oder Familienangehörige von Tätern mit lange zurück liegenden Verbrechen konfrontiert wurden.

Im Laufe des Films nähern sich Adi und Oppenheimer langsam dem Kern, der Ermordung Ramlis, treffen Bekannte des Bruders, Arbeitskollegen, schließlich Menschen, die unmittelbar an seiner Ermordung beteiligt waren. Was dabei herauskommt ist oft schwer zu ertragen, ist von einer Nonchalance geprägt, die sprachlos macht. Als würden sie von alltäglichen Tätigkeiten berichten, beschreiben manche Täter die Methoden, mit denen sie ermordeten, aufschlitzen, Gliedmaßen abschnitten und Gedärme rausrissen. Keine Grenzen scheint die Gewalt gekannt zu haben, die nie wirklich gesühnt wurde, die unter einem Mantel des Schweigens und unter abstrusen Propagandalügen begraben ist: Selbst schuld seien diese so genannten Kommunisten gewesen, teils hätten sie ihre „Fehler“ selbst eingesehen und sich freiwillig zur Ermordung gemeldet. Selbst in der Schule werden diese bizarren Lügen verbreitet, der Eindruck erweckt, dass das Regime angegriffen wurde und sich nur verteidigte, um die Demokratie zu erhalten.

Bis in die Dorfgemeinschaften hat sich diese Omerta erhalten, die von den Täterfamilien als Notwendigkeit dargestellt wird, wenn man in Frieden miteinander leben will. Immer wieder muss sich Adi – ebenso wie Oppenheimer in Teilen der indonesischen Medien – vorhalten lassen, alte, längst verheilte Wunden zu öffnen. Wie notwendig dies ist, wird im Laufe des Films deutlich. Die Verdrängung unvorstellbarer Grausamkeiten, die Lügen, mit denen die Nachkommen von Opfern wie Tätern ein halbes Jahrhundert nach den Taten noch leben, belasten das Land, zumal die Täter immer noch die Zügel von Staat und Gesellschaft in den Händen halten. Wie sehr, dass wird im Abspann eines ebenso erschütternden wie notwendigen Films deutlich: Die meisten indonesischen Mitarbeiter der Produktion werden namentlich nicht genannt, sondern müssen anonym bleiben: Die Angst vor Repressalien ist auch heute noch zu groß.
 
Michael Meyns