The Mule

Nach dem eher plumpen, enttäuschend ambitionslosen Tatsachendrama „15:17 to Paris“ legt Hollywood-Legende Clint Eastwood mit „The Mule“ eine zwar nicht runde, aber sehenswertere Regiearbeit vor und gibt sich in der Hauptrolle noch einmal selbst die Ehre. Die lässige, zuweilen erstaunliche amüsante Darbietung des bald 89-jährigen Schauspielers und Filmemachers gehört unbestreitbar zu den Stärken einer unaufgeregt inszenierten Mischung aus Roadmovie, Familienmelodram und Drogenthriller, die von der wahren Geschichte eines hochbetagten Rauschgiftkuriers inspiriert wurde.

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USA 2018
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Clint Eastwood, Bradley Cooper, Dianne Wiest
Länge: 116 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 31. Januar 2019

FILMKRITIK:

Sein Gang ist schwerfällig, seine Haltung leicht gebückt. Und doch scheint im Auftreten des greisen Lilienzüchters Earl Stone (Clint Eastwood) noch immer der coole, lakonische Mann ohne Namen durch, mit dem der Kinoaltmeister einst in Sergio Leones Italowestern „Für eine Handvoll Dollar“ seinen internationalen Durchbruch feierte. Wie damals schwingt der von Eastwood verkörperte Protagonist keine großen Reden. Und einmal mehr ist er ein Reisender, der sich vor allem über seine Arbeit definiert. Earls Ex-Frau Mary (Dianne Wiest) und seine Tochter Iris (Alison Eastwood) mussten immer hinten anstehen und bekamen seine lustige, wohlwollende Seite nur selten zu Gesicht, woran sie ihn auch heute noch erinnern.

Als Earl eines Tages eine Zwangsversteigerung bevorsteht und er alles zu verlieren droht, was ihm geblieben ist, erreicht den fast 90-Jährigen ein Wink des Schicksals. Nach einem Eklat im Familienkreis tritt ein junger Mann mit einem pikanten Angebot an ihn heran. Da Earl auf seinen jobbedingten Reisen von einer Blumenshow zur nächsten nie einen Unfall gebaut oder einen Strafzettel erhalten hat, taugt er bestens als Kurier – wobei in diesem Fall ein mexikanisches Kartell sein Auftraggeber ist.

Für das Verbrechersyndikat kutschiert der abgebrannte Gartenbauer schon bald erfolgreich große Rauschgiftmengen durch die Gegend. Um die immer wertvoller werdende Fracht nicht zu gefährden, schickt Gangsterboss Laton (Andy Garcia) seinen Vertrauten Julio (Ignacio Serricchio) aus, der die Touren des alten Mannes überwachen soll. Unterdessen bereiten der Drogenermittler Colin Bates (Bradley Cooper) und sein Kollege (Michael Peña) einen Schlag gegen das Kartell vor und werden dabei auf den neuen Boten aufmerksam.

Passend zum Alter der Hauptfigur schlagen Eastwood und Drehbuchautor Nick Schenk, die bereits bei „Gran Torino“ zusammenarbeiteten, ein gemächliches Tempo an. „The Mule“ –ein umgangssprachlicher Begriff für einen Rauschgiftkurier – spielt seine Thriller-Elemente bloß sporadisch aus und erzeugt durch die Ermittlungen der Beamten nur wenig Druck, lässt über seine fast zweistündige Laufzeit aber dennoch keine große Langeweile aufkommen.

Zu verdanken ist dies vor allem dem Darsteller Clint Eastwood, der nach seinem letzten Leinwandauftritt im 2012 veröffentlichten Sportlerdrama „Back in the Game“ eine geradezu ansteckende Spielfreude an den Tag legt. Souverän und stets ein bisschen augenzwinkernd zeichnet er das Bild eines knorrigen, politisch unkorrekten Mannes, für den so manche Errungenschaft der heutigen Gesellschaft unverständlich bleibt. Die digitale Technik etwa sieht Earl, wie ein Running Gag unterstreicht, äußerst skeptisch. Obwohl die Sehnsucht nach alten Gewissheiten unverkennbar ist, stattet ihn das Drehbuch auch mit einer sympathischen Gelassenheit aus. Dass er Veränderungen nicht per se von sich weist, wird unter anderem deutlich, als er seinen altersschwachen Wagen gegen ein nagelneues Auto eintauscht.

Begreifen muss Earl im Lauf der Handlung nicht zuletzt, welche Versäumnisse sein bisheriges Leben geprägt haben. Der familiäre Erzählstrang fällt nicht nur denkbar klassisch aus, sondern wirkt gegen Ende zudem arg mechanisch, was die emotionale Ausdruckskraft spürbar schmälert. Schade ist darüber hinaus, dass sich Earls Gewissen – immerhin arbeitet er skrupellosen, mordenden Gangstern zu – erst auf der Zielgeraden plötzlich regt. Ob ihn auch zwischendurch Zweifel plagen, erfährt man leider nicht.

Bei aller Freude über die regelmäßigen Humor-Einlagen, die sich häufig aus der absurden Grundkonstellation speisen, driften Eastwood und Schenk gelegentlich zu weit in den Klamauk-Bereich ab. Szenen wie die Party im Anwesen des Kartellchefs, bei der sich Earl mit einigen jungen Frauen vergnügt, könnten direkt aus einer grobschlächtigen Komödie stammen. Fehltritte wie dieser lassen „The Mule“ insgesamt etwas holprig erscheinen, werden jedoch halbwegs abgefedert durch die engagierte Performance Eastwoods, der eine zuweilen irritierende, manchmal gar abstoßende, gleichzeitig aber auch seltsam faszinierende Figur mit Ecken und Kanten zum Leben erweckt.

Christopher Diekhaus