The Music never stopped

Wie der Titel bereits erahnen lässt, spielt in diesem Vater-Sohn-Drama die Musik eine entscheidende Rolle. Um die Nähe und das Vertrauen seines schwer erkrankten, inzwischen längst erwachsenen Kindes zurückzugewinnen, wählt ein verzweifelter Vater einen ungewöhnlichen Weg…
Ein großartiger J.K. Simmons und ein Soundtrack mit bekannten Rock- und Pop-Songs der sechziger und siebziger Jahre sind die größten Trümpfe dieses trotz seiner tragischen Geschichte durchaus optimistischen Feel-Good-Movies.

Webseite: themusicneverstopped-movie.com

The Music never stopped
USA 2011
Regie: Jim Kohlberg
Produktion: Julie W. Noll, Peter Newman, Greg Johnson
Drehbuch: Gwyn Luie, Gary Marks
Darsteller: J.K. Simmons, Lou Taylor Pucci, Julia Ormond, Cara Seymour, Mia Maestro
Laufzeit: 105 Minuten
Kinostart: 29.3.2012
Verleih: Senator

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Manchmal reichen bereits wenige Takte eines Songs, um in uns ganz bestimmte Erinnerungen, Bilder und Gefühle zu erzeugen. Wir verbinden mit ihm vielleicht ein besonderes Ereignis unserer Kindheit, den ersten Kuss oder eine schmerzhafte Trennung. Die große Bedeutung von Musik, ihre Wirkung und fast schon heilsamen Kräfte feiert „The Music never stopped“. Basierend auf den Erfahrungen des britischen Neurologen Dr. Oliver Sacks erzählt der Film, wie ein Vater zu seinem entfremdeten, kranken Sohn allmählich wieder eine Beziehung aufbaut. Hierzu nutzt er die Lieblingsmusik seines Sohnes, der wie viele seiner Generation gegen den Vietnamkrieg, das konservative Elternhaus und eine aus seiner Sicht ungerechte Gesellschaft rebellierte.

Henry (J.K. Simmons) und Gabriel (Lou Taylor Pucci) sind Vater und Sohn. Und beide lieben sie die Musik. Doch während Henry vor allem Bing Crosby hört, verehrt sein Sohn die Beatles, die Stones, Bob Dylan und The Grateful Dead. Eines Tages, Gabriel ist noch ein Teenager, kommt es zum Streit und schließlich zum Zerwürfnis. Gabriel verlässt nicht nur sein Elternhaus, er bricht auch mit seinem Vater. Zwanzig Jahre später ereilt die Eltern ein Anruf aus dem örtlichen Krankenhaus. Die Ärzte haben bei Gabriel einen gutartigen Gehirntumor entdeckt. Dieser kann in einer aufwändigen Operation zwar entfernt werden, allerdings bleibt die Erkrankung nicht ohne Folgen. So hat Gabriels Kurzzeitgedächtnis und sein Erinnerungsvermögen schweren Schaden genommen. Um wieder einen Zugang zu seinem Sohn zu finden, geht Henry einen ungewöhnlichen Weg. Er engagiert die Musiktherapeutin Dr. Dianne Daly (Julia Ormond). Ihr gelingt es in mühsamer Arbeit, einige von Gabriels verloren geglaubten Erinnerungen zurückzuholen und schlussendlich sogar sein Kurzzeitgedächtnis zu trainieren.

„To live without my music would be impossible to do“ sang einst John Miles in seiner weltberühmten Pop-Hymne „Music“. Wer würde ihm da ernsthaft widersprechen wollen? Henry und Gabriel vermutlich am allerwenigsten. Es ist eine langsame, vorsichtige Annäherung nicht ohne Rückschläge, die am Ende doch erfolgreich verlaufen wird. Damit ist „The Music never stopped“ trotz seiner tragischen Geschichte ein klassisches Feel-Good-Movie, das den Zuschauer nachdenklich aber auch mit einem Glücksgefühl entlässt. Gleichzeitig hält sich Regisseur Jim Kohlberg in seinem Erstlingswerk mit inszenatorischen Einfällen sehr zurück. Sein Stil ist unaufgeregt, leise und manchmal auch etwas bieder. Zumindest fällt es schwer, aus der Art der Präsentation eine besondere Handschrift herauszulesen. Stattdessen rückt Kohlberg seine Schauspieler und die Musik in den Mittelpunkt. Beides findet hier gleichberechtigt auf einer gemeinsamen Bühne Platz.

Dabei ist es vornehmlich J.K. Simmons zu verdanken, dass Kohlbergs braves Vater-Sohn-Drama länger im Gedächtnis bleibt. Der viel zu lange nur für Nebenrollen und in TV-Serien besetzte Schauspieler – den meisten dürfte er aus „Law & Order“ bekannt sein – ist die Seele dieses Films. Seine Darstellung des um die Liebe und Anerkennung seines Sohnes kämpfenden Vaters geht unter die Haut, ist ehrlich und mitreißend. Lou Taylor Pucci mag man hingegen nicht immer gleich jedes Gefühl abnehmen. Bei ihm ist die Rolle sichtbar mit mehr Arbeit und Anstrengung verbunden. Die fehlende Leichtigkeit ersetzt in diesem Fall der wunderbare Soundtrack. Kohlbergs Songauswahl, die den rebellischen Geist der sechziger und siebziger Jahre beschwört, funktioniert als Blick in die Seele einer ganzen Generation.

Marcus Wessel

New York 70er Jahre. Henry ist der Vater, Gabriel der noch junge Sohn, Helen die Mutter. Sowohl Gabriel als auch Henry sind Musikfans. Allerdings haben sie völlig unterschiedliche Geschmäcker und Richtungen. Gabriel steht auf die neue Rockmusik der Beatles-Zeit, Henry auf den mehr klassischen Song à la Sinatra oder Bing Crosby.

Gabriel ist von seiner Musik begeistert, Henry bleibt stur. Der Junge spielt in seiner Band „Black Sheep“ und geht lieber ins Rockkonzert als ins College. Henry hängt seine Erziehungsgewalt heraus. Es kommt zum Streit und zum Bruch, als der Vater Gabriel sogar verbietet, seine Freundin wieder zu treffen. Helen steht all dem meist machtlos gegenüber. Nur einmal begehrt sie auf.

20 Jahre später. Gabriel taucht obdachlos und verwahrlost wieder auf. Er leidet an einem Gehirntumor, muss operiert werden. Der Eingriff gelingt, doch Gabriel hat dadurch einen großen Teil seines Gedächtnisses verloren. Die Folge: ein Heimaufenthalt.

Gabriel ist lange völlig apathisch. Dann hört er ein Musikstück, das er in einem bestimmten Zeitraum seines Lebens liebte. Erste Regungen zeigen sich. Könnte vielleicht Musik heilsam sein?

Die verzweifelten Eltern engagieren eine Musiktherapeutin. Geduldig und immer wieder geduldig übt sie mit Gabriel, findet mühsam die richtigen zeitlichen Verbindungen und musikalischen Verknüpfungen heraus – und erzielt Fortschritte. Gabriel findet zu einem Minimum an Kommunikation zurück.

Henry bleibt lange skeptisch und ungläubig. Umso emotionaler reagiert er, als er schließlich überzeugt ist. Vater und Sohn können sich nach dem gemeinsamen Besuch eines Konzerts von Gabriels Lieblingsband wieder umarmen.

Und doch ist das Unglück nicht zu Ende.

Die Zusammenfassung mag sich nüchtern anhören, der Film ist es ganz und gar nicht. Er ist mit größter Sensibilität und unsentimental im Kammerspielstil geschrieben und inszeniert – und hat außerdem etwas zu sagen. Die richtige Nachsicht und Pädagogik siegt, die Sturheit stellt sich als zurückgeblieben, boshaft und lächerlich heraus. Schön und bewegend wird das zwischen Vater und Sohn gezeigt. Eine tatsächliche Begebenheit liegt zum Teil zugrunde. Die populäre Musik der siebziger Jahre spielt eine absolut zentrale Rolle.

J. K. Simmons als lange versagender Vater, Cara Seymour als still leidende Mutter, Julia Ormond als liebevolle und
erfolgreiche Therapeutin, Mia Maestro als von Gabriel verehrte Celia, sie alle spielen fabelhaft.

Den Vogel allerdings schießt Lou Taylor Pucci zuerst als Rebell und dann als Kranker ab. Wie er den Gabriel verkörpert, das muss ihm erst einmal einer nachmachen.

Thomas Engel