The Neon Demon

Ein Film über die Oberflächlichkeit der Modeindustrie, der selbst aus reiner Oberfläche besteht. Allein diese brillante, atemberaubende Oberfläche macht Nicolas Winding Refns „The Neon Demon“ sehenswert, aber auch als von fast jeder konventionellen Handlung befreiter, fast schon experimenteller Film ein höchst ungewöhnliches, originelles und auch schockierendes Kinoerlebnis.

Webseite: www.24bilder.net

Dänemark/ Frankreich/ USA 2016
Regie: Nicolas Winding Refn
Buch: Nicolas Winding Refn, Mary Laws, Polly Stenham
Darsteller: Elle Fanning, Karl Glusman, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Keanu Reeves
Länge: 110 Minuten
Verleih: Koch Films, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 23. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Auf einem samtbespannten Barock-Sofa liegt ein wunderschönes Model, besser: sie räkelt sich, ein Arm über den Kopf ausgestreckt, aus ihrem Mund tropft Blut. Das erste Bild in Nicolas Winding Refns „The Neon Demon“ setzt den Ton, ist gleichermaßen atemberaubend perfekt und gleichermaßen ambivalent in seiner Verknüpfung von Schönheit und Tod. Das Model ist Jesse (Elle Fanning), junge, unschuldige 16, die für Fotos posiert, die ihr Zutritt in die Welt der Modeindustrie verschaffen sollen. Vom Land ist sie nach Los Angeles gezogen, ein glitzernder Moloch, in dem Film- und Pornoindustrie blühen, in dem Stars, Sternchen und solche, die es werden wollen, leben, in dem der schöne Schein im Glanz der kalifornischen Sonne noch schöner scheint.

Noch lebt Jesse in einem abgewrackten Motel, doch bald unterschreibt sie einen Vertrag bei einer großen Agentur, wird von Starfotografen abgelichtet, erregt mit ihrer unwirklichen Aura die Aufmerksamkeit von Designern – aber auch den Neid ihrer Model-Kolleginnen. Die mögen zwar die perfektere Haut, die perfekteren Körper haben, doch ihnen fehlt trotz aller Perfektion das gewisse Etwas, jene nicht zu identifizierende Qualität, die über äußerliche Schönheit hinausgeht.

Was sich durchaus auch als Stoff für einen konventionellen, handlungsreichen Film eignen würde, ist für den dänischen Provokateur Nicolas Winding Refn („Drive“, „Only God Forgives“) nur ein loses Gerüst. Statt um Handlung und Figuren geht es in „The Neon Demon“ um Ästhetik, um Zustände, um Oberflächen. In einer Szene steht Jesse etwa im Studio eines Fotografen von einer weißen Fotowand ohne Ecken und Winkel, die dadurch den Eindruck eines unendlichen Raums erweckt. Die komplette Leinwand ist weiß, allein Jesses Gesicht, dann ihr Körper ist zu sehen, wie eine Phantasiegestalt, ein ätherisches Wesen, das nicht von dieser Welt ist. Unmittelbarer Kontrast ist eine Szene in einem Club, in vollständiger Dunkelheit, in der andere Frauen für Sekundenbruchteile von Stroboskoplicht erleuchtet werden und sich wie Wesen der Nacht bewegen.

Den Verweis auf Vampirfilme, der schon in der ersten Szene gelegt wurde, zieht sich als unterschwellige Metapher durch den Film und wird in den exzessiven letzten 20 Minuten überdeutlich ausformuliert. Die Modeindustrie als Blutsauger, die ständig nach neuen, jungen, unverbrauchten Gesichter verlangt, nach frischem Blut, was hier durchaus wortwörtlich zu verstehen ist. Fasziniert, ja geradezu besessen von Schönheit ist die Welt, sind die Medien, die Mode- aber natürlich auch die Filmindustrie.

Lange Zeit scheint Nicolas Winding Refn sich ganz der Oberfläche hinzugeben, sich darin zu gefallen, ein atemberaubendes Bild ans andere zu reihen, ist dabei jedoch stets darauf bedacht, seinen Film so langsam, so traumwandlerisch zu inszenieren, das man fast geneigt ist zu denken, er würde bewusst Langeweile provozieren wollen. Wie er dann aber den schönen Schein entlarvt, seinen Film zu einem grotesken, überdrehten Exzess steigert, lässt keine Fragen über seine Haltung offen. Gewöhnliches Kino ist „The Neon Demon“ in kaum einem Moment, statt dessen ein Experiment der Oberfläche, der Oberflächlichkeit, dass die Mode (und im weiteren Sinne auch die Film-) Industrie, mit ihren eigenen Waffen entlarvt.
 
Michael Meyns