The Peanut Butter Falcon

So putzig verwunderlich der Titel, so bezaubernd und bewegend gerät diese amüsante Feelgood-Geschichte um Freundschaft, um Träume und weshalb man nicht zum Arzt sollte, wenn man Visionen hat – sondern bisweilen besser zu einem abgehalfterten Wrestling-Star! Nur mit einer großen Unterhose bekleidet begibt sich der 22-jährige Zak eines Nachts auf die Flucht. Zufällig trifft er auf den lokalen Outlaw Tyler, die zwei gehen gemeinsam ein Stück des Weges. Normal sind beide nicht. Der eine ist Mensch mit Down-Syndrom. Den anderen werfen alte Schuldgefühle aus der Bahn. Außenseiter haben im Kino traditionell das Zeug zu Publikumslieblingen und Oscar-Aspiranten. So auch hier! An solchen Buddys und ihren Abenteuern hätte gewiss auch Mark Twain seine Freude gehabt.

Webseite: www.ThePeanutButterFalcon.de

USA 2019
Regie: Tyler Nilson, Michael Schwartz
Darsteller: Shia LaBeouf, Zack Gottsagen, Dakota Johnson, Bruce Dern, John Hawkes, Jon Bernthal
Filmlänge: 97 Minuten
Verleih: Tobis Film Gmbh
Kinostart: 19.12.2019

FILMKRITIK:

„Wie lautet die erste Regel?“ – „Party!“. Das hatte sich Tyler (Shia LaBoeuf) etwas anders gedacht. Als erste Regel schärfte er seinem neuen Kumpel ein: „Sei mir kein Klotz am Bein!“, schließlich sind ihm zwei wütende Fischer auf den Fersen, deren Lager er aus Rache abgefackelt hat. Zak (Zack Gottsagen), ein 22-Jähriger mit Down-Syndrom, lässt sich von seltsamen Regeln freilich kaum beeindrucken, er lebt gern in seiner eigenen Welt. Dort steht seine Geburtstagsparty ganz oben. Dicht gefolgt vom Traum, ein Profi-Wrestler zu werden, so wie sein großes Vorbild „The Salt Water Redneck“, dessen Kämpfe er allesamt aus Videos kennt. Einmal Held sein, das wäre für Zak eine neue Erfahrung. Seine Familie hat das behinderte Kind früh abgeschoben. Die Behörden verwahren ihn in einem Altersheim mit vergitterten Fenstern, Pfleger nennen ihn Vollidiot. Allein Betreuerin Eleanor (Dakota Johnson) zeigt Einfühlungsvermögen. Opa Carl (Bruce Dern) kann das Leid seines jungen Zimmergenossen nicht länger ansehen und verhilft ihm zur Flucht. Lediglich mit einer großen, weißen Unterhose bekleidet, macht Zak sich in der Nacht davon.
 
Ein spontanes Versteck findet der Ausreißer im Boot von Fischer Tyler. Der ahnt nichts vom blinden Passagier als er hektisch Vollgas gibt, um zwei rabiaten Konkurrenten zu entkommen. Die Flucht gelingt, doch nun sieht sich Tyler mit einem jungen Begleiter konfrontiert, der nicht von seiner Seite weichen will. Widerwillig lässt der Fischer ihn gewähren – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Mit einem selbstgebauten Floß setzt das ungleiche Duo seine Reise fort. Zak lernt nicht nur schwimmen, sondern erstmals im Leben auch ein ganz neues Selbstwertgefühl. Sogar der Traum vom Wrestling-Kampf rückt näher, als sein großes Idol dem Fan ein paar Unterrichtseinheiten erteilt. Unter dem titelgebenden Namen und mit einem fantasievollen „PBF“-Kostüm steigt Zak in den Ring. Sein Gegner erweist sich jedoch gnadenloser als erwartet. Auch auf Tyler wartet eine böse Überraschung.  
 
Von „Unser Walter“ über „Am achten Tag“ bis zu „Glee“ standen Darsteller mit Down Syndrom mehrfach erfolgreich vor der Kamera. Zack Gottsagen setzt diese Tradition erfolgreich fort. Und lässt mit seinem unbekümmerten, gleichwohl ernsthaften Spiel seinen Partner Shia LaBeouf zu Hochform auslaufen. Der „Transformers“-Star hat nicht erst seit „Nymphomanic“ und „American Honey“ gezeigt, dass er mehr kann als Popcorn-Kino.
 
Dem Regie- und Autoren Duo Tyler Nilson und Michael Schwartz gelingt mit seinem Kinodebüt ein veritabler Coup. Sie erzählen ihre warmherzige Tragikomödie ohne überflüssige Kitsch-Kalorien, dafür mit viel Empathie für ihre Figuren. Die emotionalen Momente gelingen plausibel, etwa wenn der 22-Jährige von den schlechten Erfahrungen und Diskriminierungen in seinem Leben erzählt. Oder wenn die idealistische Betreuerin vom Vorgesetzten erfährt, dass ihr Schützling fortan in einem Heim für Junkies fluchtsicher verwahrt werden soll. Fast minimalistisch wird mir kurzen Rückblenden das Trauma von Tyler skizziert. Ähnlich effizient fällt das flotte Finale aus. Visuell überzeugt das Buddy-Abenteuer durch oft poetische Bilder. Ob bei ruhigen Floßfahrten oder lautem Getöse, mit dem die Wrestling-Figur dank Erdnuss-Butter am Lagerfeuer kreiert wird. Komische Einlagen sorgen regelmäßig für die nötige Auflockerung. Der erste Schießversuch von Zak hat ähnliche Slapstick-Qualitäten wie dessen Flucht durch ein enges Fenstergitter. Die grandiose Antwort eines Blinden auf die Frage, ob er die Person auf dem Suchbild schon einmal gesehen hätte, bietet gleichfalls bestes Pointen-Gold.  
 
Das bewegende Buddy-Abenteuer erweist sich als amüsantes Feelgood-Movie, das stets die richtigen Töne trifft. Eine schöne Bescherung, nicht nur zu Weihnachten. Wie Zak sagen würde: „Party!“.
 
Dieter Oßwald

Diese zwei muss man im Auge behalten: Für Tyler Nilson und Michael Schwartz ist „The Peanut Butter Falcon“ nicht nur der erste gemeinsame Spielfilm, die beiden schrieben dafür auch zusammen ihr erstes fiktionales Drehbuch. Das Ergebnis ist ein im besten Sinne an Filme wie „Swiss Army Man“ erinnernder Roadtrip, in dessen Mittelpunkt mal keine Lovestory, sondern eine tief zu Herzen gehende Freundschaft steht.

Zak (Zack Gottsagen) ist glühender Wrestling-Anhänger und träumt von nicht mehr, als einmal die Wrestling-Schule seines großen Idols zu besuchen. Das Problem: Er hängt in einem Pflegeheim fest. Da Zak das Down Syndrom hat, traut ihm seine Umwelt nämlich nicht zu, für sich allein zu sorgen. In seinem langen Weggefährten Carl (Bruce Dern) findet er jedoch einen Verbündeten. Dieser hilft ihm eines Nachts, aus dem Pflegeheim auszubrechen. Auf seiner Reise in Richtung Florida trifft Zak zufällig auf Tyler (Shia LaBeouf), einen Kriminellen, der eigentlich gerade ganz andere Probleme hat, als einem dahergelaufenen Mann bei seiner Odyssee nach Florida zu helfen. Doch aus irgendeinem Grund sind sich die zwei auf Anhieb sympathisch und bestreiten den Weg gemeinsam. Als sich eines Tages auch noch Zaks Pflegerin Eleanor (Dakota Johnson) an ihre Fersen heftet, wird die Reise dieses ungleichen Trios zu einem Abenteuer, das keiner von ihnen jemals vergessen wird…
 
Shia LaBoeuf hat innerhalb weniger Wochen mit zwei neuen Filmen Aufsehen erregt und beide wurden von der Kritik mit äußerst wohlwollenden Besprechungen bedacht. Da kann man schon mal durcheinanderkommen. Daher noch einmal rasch zur Einordnung: „Honey Boy“ lief auf Filmfestivals wie Toronto, Sundance und Woodstock. Darin spielt LaBoeuf („Nymph()maniac“) quasi sich selbst. Der Film zeichnet grob das Leben des umstrittenen Schauspielers nach. In den Hauptrollen finden sich unter anderem Lucas Hedges („Manchester by the Sea“) und Noah Jupe („Le Mans 66 – Gegen jede Chance“). Offiziell in die Kinos kommt „Honey Boy“ im November, dafür mit ordentlich Vorschusslorbeeren. In „The Peanut Butter Falcon“ dagegen mimt LaBoeuf dagegen einen Kriminellen, der sich mit einem jungen Mann mit Down Syndrom anfreundet. Angelehnt an Filme wie „Swiss Army Man“ verzaubert die erste rein fiktionale Regiearbeit von Tyler Nilson und Michael Schwartz nun schon seit einer ganzen Weile auch das reguläre Kinopublikum. Genauer: „The Peanut Butter Falcon“ hat bereits in der Startwoche das Dreifache seines Budgets wieder eingespielt und beweist neben Filmen wie „Downton Abbey“, „Good Boys“, „Overcomer“ und „Hustlers“, dass das Boxoffice aktuell nicht (mehr) zwingend von den Big-Budget-Blockbustern dominiert wird.
 
„The Peanut Butter Falcon“ entstand mit einem Budget von gerade mal 6 Millionen US-Dollar. Darüber lachen die großen Hollywood-Studios, die mitunter mehrere Hundert Millionen ausgeben, um Filme wie „Der König der Löwen“ oder die derzeit angesagten Superheldenfilme zu inszenieren. Doch an dieser zurückhaltend gedrehten Roadmovie-Komödie ist bewusst alles eine Spur kleiner, intimer. Denn letztlich es trotz der berauschenden Kulissen, die vornehmlich aus der Sumpfgegend des US-amerikanischen Hinterlandes bestehen, vor allem die Interaktion der Figuren, die den Film dominieren. Unter Zuhilfenahme einiger fantastischer Elemente (vor allem das Ende sagt sich etwas vom ansonsten bodenständigen Tonfall los) erinnert „The Peanut Butter Falcon“ damit vornehmlich an „Swiss Army Man“ von Daniel Kwan und Daniel Schreinert, aber auch Anleihen an Andrea Arnolds Indie-Meisterwerk „American Honey“ werden sichtbar – nicht zuletzt, weil sich auch in „The Peanut Butter Falcon“ ein Shia LaBoeuf einem Szenario flirrender Menschennähe stellen muss, in dessen Zusammenhang immer wieder die Frage nach dem Sinn und Zweck von Freundschaft gestellt wird. Und die beantworten sowohl er als auch Newcomer Zack Gottsagen mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit mit einem aufrichtigen Plädoyer dafür, dass Zusammenhalt Grenzen überwindet und im jeweils anderen die bestmögliche Version von einem selbst freikitzeln kann.
 
Nach „Die Goldfische“ ist „The Peanut Butter Falcon“ nun schon der zweite Film, in dem ein Mensch mit geistiger Behinderung einen Menschen mit geistiger Behinderung spielt. Dadurch entsteht eine authentische Nähe zum Geschehen; Tyler Nilson und Michael Schwartz heucheln nie falsches Mitleid, sondern betrachten jeden ihrer Filmcharaktere gleichwertig und sind dabei mitunter äußerst entwaffnend. Mit dem Auftreten von Dakota Johnson („Suspiria“) erweitern sie diese „Bromance“ (eine Wortschöpfung aus „Brothers“ und „Romance“) noch um eine weitere Figur, die zunächst nur von außen auf das durchaus fragwürdige Geschehen schaut – schließlich will sie für ihren Schützling ja nur das Beste. Doch mit der Zeit begreift auch Eleanor, dass man den Geschehnissen eben einfach mal trauen sollte. Mit viel Witz, Herz und leiser Melancholie führen die Filmschaffenden ihre Odyssee schließlich zu einem emotionalen Abschluss. Vorbei sind eineinhalb Stunden pures Wohlfühlkino, in dessen Hände man sich am liebsten umgehend noch einmal begeben würde. Und so konstruiert die Geschehnisse hier bisweilen auch wirken mögen, so optimal lösen die Kreativen sämtliche Handlungsstränge letztlich auf. „The Peanut Butter Falcon“ ist schon jetzt ein heißer Award-Anwärter.

„The Peanut Butter Falcon“ ist eine herzliche Tragikomödie darüber, dass wir jedem Menschen vorurteilsfrei begegnen sollten. Das Hauptdarstellertrio spielt famos auf, das Setting besticht durch berauschende Landschaftsaufnahmen und trotz der Gefahr, hin und wieder in Kitsch abzudriften, behalten die Macher abseits einiger fantastischer Elemente die betonte Verwurzelung in der Realität bei. Bei diesem Trip wär man selbst nur zu gern dabei!
 
Antje Wessels