The True Cost – Der Preis der Mode

Der Titel von Andrew Morgans engagierter, empörter Dokumentation „The True Cost – Der Preis der Mode“ suggeriert zwar einen Blick auf die internationale Modeindustrie, doch in Wirklichkeit geht es hier um viel mehr: um den auf immer schnelleren Konsum basierenden Kapitalismus, der auf gedankenlosem Wachstum basiert.

Webseite: http://grandfilm.de/the-true-cost

USA 2015 – Dokumentation
Regie, Buch: Andrew Morgan
Länge: 92 Minuten
Verleih: Grand film
Kinostart: 21. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Fast Fashion, schnelle Mode, wird im angelsächsischen Raum die Tendenz bezeichnet, in immer kürzeren Zyklen neue Kleidungsstücke zu kaufen, unabhängig davon ob diese wirklich benötigt werden oder nicht. Früher hatte man kaum mehr im Schrank, als man am Leib tragen konnte, da reichte es, für jede Jahreszeit ausgerüstet zu sein. War eine Hose, ein Hemd verschlissen wurde ein neues Stück gekauft, allerdings erst, wenn das alte nicht mehr zu flicken war. Von diesen Zeiten sind wir weit entfernt, in der westlichen Welt Anfang des 21. Jahrhunderts (und zunehmend auch in den Schwellenländern) gilt das Motto: Ich shoppe, also bin ich.

Fußgängerzonen und Einkaufszentren platzen nicht mehr nur an verkaufsoffenen Samstagen oder zur Weihnachtszeit aus allen Nähten, eigentlich ist in den dutzenden Filialen von H&M, Mango, Zara und wie sie alle heißen jeden Tag die Hölle los. Das Kaufen von Kleidungsstücken ist zur beliebten Freizeitbeschäftigung geworden, was zur Folge hat, dass mehr als die Hälfte der gekauften Kleidung gar nicht mehr getragen wird. Aber was ist problematisch daran, zu konsumieren und damit das kapitalistische System am Laufen zu halten? Diese Frage stellt sich auch der Filmemacher Andrew Morgan und macht sich in seiner Dokumentation „The True Cost“ auf die Suche nach den versteckten Kosten der Mode.

Dass es absurd ist, wenn ein T-Shirt oder eine Hose nur ein paar Euro kostet ist eigentlich offensichtlich, aber welche Folgen diese Dumpingpreise haben, macht man sich selten bewusst, wenn man wieder ein vermeintliches Schnäppchen aus dem Laden trägt. In Bangladesch und anderen Billiglohnländern, aber auch auf den Baumwollplantagen Amerikas stößt Morgan auf die Folgen dieses Handelns: Für geringste Löhne wird in den Fabriken gearbeitet, unter Missachtung jeglicher Umweltstandards nicht nur in Indien Leder gegerbt sondern auch in Amerika Baumwolle angepflanzt. Die Folgen dieses Handeln, das notwendig ist, um immer günstiger produzieren zu können, halten die Konsumspirale am Laufen, die wiederum von der Werbung gefüttert wird. Rund um die Uhr werden wir in allen Medien mit derselben Botschaft bombardiert: Konsum ist der Weg zur Zufriedenheit.

Sich diesem Zyklus zu entziehen ist nicht leicht, wäre aber der einzige Schritt, um eine Katastrophe zu verhindern. Denn auch wenn Morgan sich vordergründig auf die Modeindustrie konzentriert geht es eigentlich doch um viel mehr: Um die Strukturen des Kapitalismus als Ganzem. Denn natürlich trifft seine Analyse nicht nur auf die Modeindustrie zu, sondern auf alle Bereiche des Kapitalismus, der von immer kürzeren Produktzyklen abhängig ist, um seinem Verlangen nach ständigem Wachstum zu genügen. Warum es notwendig oder gar sinnvoll sein sollte, alle anderthalb, zwei Jahre ein neues Smartphone zu kaufen, alle paar Jahre einen neuen, noch moderneren, noch flacheren Fernseher oder eben nicht nur zehn Hosen im Schrank hängen zu haben, sondern zwanzig, diese Fragen müssten viel häufiger gestellt werden.

Andrew Morgan konzentriert sich in „The True Cost – Der Preis der Mode“ zwar auf die Modeindustrie, die eine der Arbeitsintensivsten der Welt ist. Doch seine Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann, wenn die Menschheit die Ressourcen der Erde nicht bald erschöpfen will, ist viel universeller. Sich in Paris auf der Weltklimakonferenz für strengere Gesetze einzusetzen ist fraglos sinnvoll, doch wenn man in den Pausen bei Starbucks Kaffee trinkt oder zur Entspannung bei H&M shoppt ist das dem Klima ebenfalls nicht wirklich förderlich.
 
Michael Meyns