The unknown Known

Vor gut zehn Jahren gelang Errol Morris in "The Fog of War" eine faszinierende Studie über die Gedankenwelt von Robert McNamara, amerikanischer Verteidigungsminister während des Vietnamkrieges. In "The Unknown Known" versucht Morris nun Donald Rumsfeld – Verteidigungsminister während der Bush-Administration – aus der Reserve zu locken.

Webseite: www.theunknownknown-derfilm.de

USA 2013 – Dokumentation
Regie: Errol Morris
Länge: 103 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 3. Juli 2014
 

FILMKRITIK:

Als einer der profiliertesten Dokumentarfilmer Amerikas genießt Errol Morris großen Respekt, was wohl auch erklärt, warum sich der konservative Donald Rumsfeld vom unzweifelhaft liberalen Morris zu einem 36stündigen Gespräch überreden ließ. Die lange Karriere Rumsfeld war dabei Thema, in erster Linie aber die Jahre, die Rumsfeld zwischen 2001 und 2006 als Verteidigungsminister der Bush-Administration agierte und als solcher für den Afghanistan-Krieg, den Irak-Krieg, das Folter-Gefängnis von Abu Ghraib und etliche andere zumindest umstrittene Entscheidungen verantwortlich war.
 
Warum sich Rumsfeld überhaupt auf dieses Interview einließ, bleibt auch nach 103 Minuten offen, zumal er im Gegensatz zu Robert McNamara augenscheinlich keinerlei Anlass sah, auch nur einen Zentimeter von seinen bekannten Ansichten abzuweichen. Vielleicht ist es der Eitelkeit Rumsfelds geschuldet, der sich selbst als Architekt der amerikanischen Außenpolitik sah und davon überzeugt ist, mit den Kriegen, den illegalen Entführungen mutmaßlicher Terroristen, den – vorsichtig ausgedrückt – harschen Verhörmethoden und all dem anderen, Amerika und die Wel, zu einem sichereren Ort gemacht zu haben.
 
Völlig unbeeindruckt von Morris' Fragen sieht man Rumsfeld da sitzen, mit geradem Rücken, einem schelmischen (oder sinistren) Lächeln auf den Lippen, die Haare glatt zurückgekämmt und ganz offensichtlich mit sich selbst im Reinen. Meistens hört man Morris Fragen nicht, doch manchmal kann sich der Regisseur offensichtlich nicht zurückhalten und lässt seiner Empörung freien Lauf. Zu absurd mutet es auch für einen neutralen Zuschauer an, wie Rumsfeld seine Politik verteidigt, abstreitet, dass in den amerikanischen Gefängnissen gefoltert wurde und auch die Frage nach den angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins (die immerhin als Grund für einen hunderttausende Opfer fordernden Krieg vorgeschoben wurden) auf die leichte Schulter nimmt.
 
Loser roter Faden von "The Unknown Known" sind dabei die legendären Memos, mit denen Rumsfeld seine Umgebung malträtierte. Rund 20.000 soll Rumsfeld während seiner Amtszeit geschrieben haben, die durch ihre teils kaum verständlichen Formulierungen Berühmtheit erlangt haben. Der Titel der Dokumentation dagegen rührt von einer ebenso legendären Pressekonferenz her, in der Rumsfeld über Dinge sinnierte, die man weiß und solchen, die man nicht weiß. Und schließlich auch über solche, die man zu wissen glaubt, die sich später jedoch als falsch herausstellen. Eigentlich ein ganz normaler Vorgang, erst Recht in der Politik: Man fällt Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen, nach Informationslage zu einem bestimmten Zeitpunkt, die sich aber in der Zukunft natürlich ändern kann. Doch für Rumsfeld scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, scheinen von nahezu allen Beobachtern als Fehlentscheidung eingestufte Entscheidungen immer noch Gültigkeit zu besitzen.
 
Doch hinter diese Fassade zu blicken, einen Eindruck davon zu vermitteln, warum Donald Rumsfeld so felsenfest von seiner Sicht der Dinge überzeugt ist, gelingt Errol Morris nicht. In seinem typischen Stil, voller Zeitlupenaufnahmen, betont metaphorischer Bilder und bombastischer Musik kreiert er einen Bilderreigen, der im Kern wenig Neues vermittelt. Wer in den letzten 15 Jahren gelegentlich Zeitung gelesen hat, wird sein Bild von Rumsfeld bestätigt sehen, aber dem Verständnis eines der umstrittensten Politiker jüngerer Vergangenheit nicht näher kommen. So bleibt von "The Unknown Known" vor allem der Eindruck zurück, dass es Menschen und Politiker gibt, die in einem Maße zur Selbstreflexion unfähig sind, das erschreckt – besonders bei einem Politiker, der das mächtigste Militär der Welt kontrollierte.
 
Michael Meyns