The Visit

Die Dokumentation „The Visit“ stellt die hypothetische, aber seit jeher den Menschen so sehr faszinierende Frage, ob es noch anderes Leben im All gibt. Er lässt die führenden Experten zu dem Thema zu Wort kommen und spielt auf höchst geistreiche, audiovisuell beeindruckende Weise den Fall einer Erstkontaktaufnahme durch außerirdische Lebensformen durch. „The Visit“ fordert vom Zuschauer aber auch Interesse und den Willen ein, sich mit höchst komplexen Fragen sowie anspruchsvollen, vielschichtigen Themen zu befassen und sich auf das Gedankenexperiment voll und ganz einzulassen.

Webseite: www.thevisit-doku.de

Dänemark, Irland, Österreich, Finnland, Norwegen 2015

Regie: Michael Madsen

Drehbuch: Michael Madsen

Länge: 83 Minuten

Verleih: Farbfilm

Kinostart: 22.09.2016

FILMKRITIK:

Die  hypothetische Dokumentation „The Visit“ geht auf erzähltheoretische Weise der Frage nach, wie der Erstkontakt zwischen Mensch und Alien aussehen könnte. Die Möglichkeit, dass außer uns noch anderes Leben im All existiert, fasziniert uns seit jeher. Seit es technisch möglich ist, werden Signale in die Weiten der Galaxie ausgesandt und Science-Fiction-Filme sowie -Bücher entwickeln sich immer wieder zu Kassenschlagern. Extra-terrestrische Lebensformen im Allgemeinen, die Kommunikation oder auch Kriege zwischen Mensch und Alien wurden in Filmen wie „Contact“, „Independence Day“, „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und „Mission to Mars“ fiktional behandelt. Regisseur Michael Madsen versucht in „The Visit“ nun mit Hilfe führender Wissenschaftler rational zu ergründen, in welchen Schritten ein realer Erstkontakt ablaufen würde.

Für sein spannendes Gedankenexperiment reiste der dänische Filmemacher Michael Madsen zu den bekanntesten Experten und Fachleuten aus den Bereichen Raumfahrt, außerirdische Zivilisationen, Astrophysik und Weltraum: von der UNO über die NASA bis hin zur ISU (International Space University) mit Sitz in Frankreich. Seine Weltpremiere feierte „The Visit“ beim Sundance Film Festival, im Anschluss lief er erfolgreich auf weiteren Festivals, z.B. dem Londoner Sci-Fi-Festival, dem Filmfestival in Linz oder auch dem Münchner Filmfest. Für Regisseur Madsen ist es nach seiner Beteiligung an der episodischen Doku „Kathedralen der Kultur“ (2014) die zweite Kino-Dokumentation.

Man merkt dem Film zu jeder Zeit an, dass Michael Madsen auch als Konzeptkünstler tätig ist und sich stark vom Experimentalkino beeinflussen ließ. Demzufolge arbeitet er stark mit audiovisuellen Elementen, was auch einen großen Reiz von „The Visit“ ausmacht. Die besondere Bildsprache – zu sehen gibt es Zeitlupe, eingefrorene Bilder sowie Verfremdungen und CGI-Effekte – und der Einsatz außergewöhnlicher, oft meditativer Sound-Schnipsel und Toneffekte, machen „The Visit“ unkonventionell und heben ihn von thematisch ähnlich gelagerten Filmen ab. Erfreulich und erfrischend anders ist zudem, dass sich Madsen nicht nur mit einfachen Frage-Antwort-Spielchen in den Interviews zufrieden gibt, sondern die Wissenschaftler und Forscher immer wieder direkt in die Kamera sprechen und sich damit ganz unmittelbar an die potenziellen Außerirdischen wenden lässt.

Könnt ihr zwischen Gut und Böse unterscheiden? Woher kommt ihr? Seid ihr gekommen, um etwas über die Menschen zu lernen? Diese und andere Fragen sind es, die die Experten an die außerirdische Intelligenz richten (würden). Im Laufe des Films wird auch klar, dass die Möglichkeit der Erstkontaktaufnahme durch Aliens als so unrealistisch und weit hergeholt nicht angesehen wird, im Gegenteil: Behörden, Verteidigungsministerien und wissenschaftliche Einrichtungen haben schon lange Vorkehrungen für diese „Eventualität“ getroffen. Natürlich bleibt alles vage und unsicher, da die entsprechenden Erfahrungen und realen Ereignisse fehlen, aber man wüsste, wie man zu reagieren hätte. Dieser Umstand verleiht dem Film dann auch eine leicht bedrohliche, bedrückende Stimmung: mit der Möglichkeit eines Alien-Kontakts sind bei den Menschen nämlich Angst, Unsicherheit und auch Panik nicht weit. Auch das spricht „The Visit“ an und stellt die entsprechenden Fragen.

Nicht vergessen aber darf man, dass der ganze Film sowie seine ihm zugrunde liegende Idee letztlich aber immer noch sehr spekulativ sind und lediglich auf einem – zwar spannenden und  komplexen, aber auch fingierten – Gedankenspiel basieren. Dies erfordert vom Zuschauer den Willen, sich mit den schwierigen, komplizierten Fragen und Möglichkeiten zu befassen und sich auf  die anspruchsvolle Dokumentation voll und ganz einzulassen. Keine leichte Kost, aber eine höchst intellektuelle und reflektierende.  

Björn Schneider