The Voices

Wenn ein an Schizophrenie erkrankter Serienkiller auf seine ahnungslosen Opfer trifft, dann klingt das zunächst nach einem düsteren Horrorthriller oder einem abgründigen Psychodrama. „The Voices“ ist weder das eine noch das andere. Stattdessen arbeitet die in bunten Farben, aus der Innensicht der Hauptfigur erzählte Geschichte mit den Mechanismen einer sehr schwarzen Komödie. „Persepolis“-Regisseurin Marjane Satrapi findet sichtlich Gefallen, moralische Abgründe mit ungewöhnlichen filmischen Mitteln auszuleuchten. Nichts für zart besaitete Gemüter!

Webseite: www.voices-derfilm.de

USA/D 2014
Regie: Marjane Satrapi
Drehbuch: Michael R. Perry
Kamera: Maxime Alexandre
Darsteller: Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Anna Kendrick, Jackie Weaver
Laufzeit: 103 Minuten
Verleih: Ascot Elite
Kinostart: 30.4.2015
 

FILMKRITIK:

Wenn wir die Wahl zwischen einer bunten, hellen, scheinbar etwas zu perfekten Welt hätten und einer, die auf uns grau, feindlich, kalt und düster wirkt – für welche dieser beiden Alternativen würden sich die meisten von uns vermutlich entscheiden? So nahe liegend die Antwort auch erscheinen mag, für den auf den ersten Blick unauffälligen Jerry (Ryan Reynolds) und seine Mitmenschen ergeben sich aus ihr durchaus unumkehrbare Konsequenzen. Denn Jerry leidet an Schizophrenie, einer psychischen Erkrankung, die zumindest mit den richtigen Medikamenten eigentlich recht gut behandelt werden kann. Dieser Meinung ist auch seine Psychotherapeutin Dr. Warren (Jackie Weaver). Leider lassen die Pillen Jerrys schöne Traumwelt wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Plötzlich erkennt er, wie allein und einsam er doch eigentlich ist. Also befolgt er den Rat seines gerissenen Stubentigers Mr. Whiskers, der ihn dazu auffordert, die Medikamente schnellstmöglich zu entsorgen.
 
Sprechende Haustiere sind nicht die einzige Besonderheit in „The Voices“, in dem Genregrenzen immer wieder überschritten und Stimmungen gebrochen werden. Am besten ließe sich die 2014 beim Sundance Filmfestival uraufgeführte US-Independent-Produktion als Mix aus sehr schwarzer Komödie, Serienkiller-Studie und Psychothriller umschreiben. Dabei überwiegen jedoch recht deutlich die humoristischen Einfälle im Drehbuch von „Paranormal Activity 2“-Autor Michael R. Perry. Denn auch wenn sich Jerry nicht als der liebe, unschuldige Junge von nebenan entpuppt, so hält seine Geschichte doch zugleich eine Vielzahl an bitterbösen Gags und Ideen bereit. Bei manchen kann einem durchaus das Lachen im Halse stecken bleiben. Vor allem Jerrys Kontakte mit dem weiblichen Geschlecht fallen mitunter äußerst blutig aus. Das bekommen sowohl seine Arbeitskollegin Fiona (Gemma Arterton) als auch die unscheinbare Lisa (Anna Kendrick) zu spüren.
 
Der tiefschwarze, unangepasste Humor in „The Voices“ erhält durch die Tatsache, dass die Hauptfigur eigentlich ein psychisch kranker Mörder ist, einen bitteren Beigeschmack. Das mag vom Film so beabsichtigt sein, und doch lässt es die Geschichte nicht immer rund und stimmig erschienen. Man könnte dem Drehbuch daher Unentschlossenheit vorhalten, vor allem als es uns etwas überhastet eine eigentlich überflüssige Erklärung für Jerrys Erkrankung vorsetzt. Deren Ursache liegt wieder einmal in einem Kindheitstrauma, das hier aber bestenfalls oberflächlich angedeutet wird. Stattdessen inszeniert „Persepolis“-Regisseurin Marjane Satrapi viel lieber Jerrys Wahrnehmung der Welt als irren Trip in grellen Farben und einer schaurig-perfekten Werbefilmästhetik inklusive sprechendem Haustierpersonal. Sogar auf eine rosarote Musicalnummer muss man auf dieser Reise nicht verzichten (vorausgesetzt man bleibt bis zum Abspann).
 
Die Erkenntnis, dass man in „The Voices“ eigentlich nur die Befindlichkeiten und Gefühle eines perfider weise unglaublich sympathischen, beinahe schon bemitleidenswerten Serienkillers erkundet, ist keine schöne. Gleichwohl schafft es Satrapi, kaum Langeweile oder Desinteresse aufkommen zu lassen. Das hängt einerseits mit der verspielten Optik ihres Films zusammen, der im übrigen ausschließlich in Berlin und Brandenburg gedreht wurde, andererseits an Hauptdarsteller Ryan Reynolds, dem es gelingt, aus seinem typischen Rollenbild des Superhelden und Frauenschwarms auszubrechen. Dabei setzt er dieses Image nun gekonnt für die Darstellung des eigentlich viel zu netten Jerrys ein, der fest davon überzeugt ist, stets sein Bestes zu geben und sich doch fast immer für das Falsche entscheidet. Die echte Tragik dieses durchtrainierten Norman Bates kann aber auch Reynolds nur in Ansätzen vermitteln. „The Voices“ überzeugt schließlich mehr als tiefschwarze Comedy denn als überzeichnetes Portrait einer psychischen Erkrankung.
 
Marcus Wessel