The Whispering Star

Nur selten kommen Filme des japanischen Regisseurs Sion Sono in die deutschen Kinos, kein Wunder, neigt Sono doch meist zum Exzess aus Gewalt und Sex, der oft schnell ermüdet. Daher überrascht sein neuer Film "The Whispering Star" um so mehr, der in geradezu meditativen Bildern eine dystopische Vision entwickelt, die nicht zufällig in den Ruinen um Fukushima gedreht wurde.

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OT: Hiso hiso boshi
Japan 2015
Regie & Buch: Sion Sono
Darsteller: Megumi Kagurazaka, Kenji Endo, Yuto Ikeda, Kouko Mori
Länge: 100 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 26. Mai
 

FILMKRITIK:

Einsam und allein reist Yoko Suzuki (Megumi Kagurazaka) durchs All, im Auftrag eines interplanetarischen Lieferservice, für den sie Pakete in fremde Galaxien bringt. Da diese Lieferungen schon mal Jahre dauern, ist Yoko kein Mensch, sondern ein Android, der frei von Emotionen und sonstigen menschlichen Regungen seine Arbeit verrichten soll. Doch bei all der Zeit, die Yoko in ihrem Raumschiff verbringt – das von innen wie eine ganz normale japanische Wohnung aussieht – beginnt sie, sich Gedanken über die Pakete zu machen, die sie ausliefert. Nicht zuletzt deswegen, da längst die Teleportation möglich ist, die das Verschicken auf diese altertümliche Methode eigentlich überflüssig gemacht hat.

Doch irgendwas scheint die Menschen am persönlichen Kontakt zu berühren, wie Yoko auch bei ihren Auslieferungen erfährt. Diese führen sie in verfallene Städte, durch karge Landschaften und andere Zeichen der Zerstörung, die die Menschheit fast bis zur Auslöschung geführt hat. Nur einzelne Personen hausen noch in den Resten der Zivilisation, Menschen mit denen Yoko kurzzeitig in Kontakt kommt und von denen sie nach und nach lernt, was es ausmacht, Mensch zu sein.

Normalerweise dreht Sion Sono exzessive Filme voller Sex und Gewalt, gern im Yakuza-Millieu spielend, oft mit Musicalnummern durchzogen, immer laut und grell. Da überrascht es umso mehr, dass zwischen diversen anderen Filmen (2015 drehte Sono sagenhafte sechs Langfilme) auch dieses minimalistische Werk entstand, in kargem Schwarzweiß und ganz ohne Exzess.

Seit Jahren hatte Sono die Idee im Kopf, doch erst die Katastrophe von Fukushima machte den Film möglich und verleiht ihm zusätzliche Bedeutung. Denn nicht etwa in künstlichen Sets entstanden die Szenen der Zerstörung, sondern in den Ruinen Fukushimas: dank einer Sondererlaubnis konnte Sono (ähnlich wie unlängst Doris Dörrie für ihren "Grüße aus Fukushima") in den verlassenen Ortschaften um den Reaktor drehen, in fast menschenleeren Siedlungen, die zunehmend verfallen und in denen nur noch wenig Leben zu finden ist. Diese letzten Bewohner Fukushimas hat Sono für seinen Film engagiert, sie Variationen ihrer selbst spielen lassen und stellt ihnen seine fiktive Figur Yoko gegenüber.

Gerade diese Verknüpfung der Realität mit einer fiktiven Geschichte verleiht "The Whispering Star" seine Kraft. Mit erstaunlich feinsinnigem Humor beschreibt Sono Yokos Reise, ihr Entdecken der Eigenarten der Menschheit, die sie, als künstliches Wesen, kaum nachvollziehen kann. Dass für Yoko die Zeit irrelevant ist, sie nur die Batterien in ihrem Körper austauschen muss, um länger zu leben, macht die Melancholie nur noch frappierender.  Wie jede gute dystopische Science-Fiction reflektiert auch "The Whispering Star" die Gegenwart der Erde, die Probleme unserer Zeit, die durch menschliche Nachlässigkeit und Unachtsamkeit immer frappierender werden. Dass es im Film ausgerechnet ein Android ist, der die menschlichen Eigenarten kennen und schätzen lernt, macht Sion Sonos ungewöhnlichen, nachdenklichen Film umso eindrucksvoller.
 
Michael Meyns