There Will Be Blood

Angesiedelt im Kalifornien des frühen 20. Jahrhunderts erzählt Paul Thomas Anderson von der Gier nach Öl, Erfolg und Macht. Stilistisch ist „There Will Be Blood“ einer der bemerkenswertesten Filme der jüngeren Zeit, Daniel Day-Lewis zentrale Darstellung dürfte dem Schauspieler seinen zweiten Oscar einbringen, allein inhaltlich bleibt bei aller Brillanz ein zwiespältiges Gefühl und die Frage zurück, ob der Film wirklich so komplex ist, wie er vorgibt.

Webseite: www.movie.de

USA 2007
Regie: Paul Thomas Anderson
Buch: Paul Thomas Anderson, nach dem Roman “Oil” von Upton Sinclair
Kamera: Robert Elswit
Schnitt: Dylan Tichenor
Musik: Johnny Greenwood
Darsteller: Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Ciaran Hinds, Martin Stringer, Dillon Freasier, Kevin J. O`Connor, Coco Leigh
158 Minuten, Format 1:2,35 (Scope)
Verleih: Walt Disney Studios
Kinostart: 14. Februar 2008
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Angesichts der Klasse von „Boogie Nights“, „Magnolia“ und „Punch-Drunk Love“ war vom neuen Film von Paul Thomas Anderson einiges zu erwarten. Doch nichts konnte für die stilistische Brillanz von „There Will Be Blood“ vorbereiten. Konnte man in den frühen Filmen des immer noch jungen Regisseurs jederzeit erkennen, welche Vorbilder zitiert wurden, hat Anderson nun eine originäre Handschrift entwickelt. Allein der 15 minütige Prolog ist atemberaubend. Kaum ein Wort fällt, während man Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) dabei beobachtet, wie er Ende des 18. Jahrhunderts nach Eisenerz schürft. In finsteren Stollen, die Robert Elswits Kamera in fast völliger Dunkelheit filmt, gräbt Plainview teils mit bloßen Händen und hält schließlich einen Klumpen in der Hand. Doch der Erfolg ist teuer erkauft: Plainview bricht sich das Bein und wird fortan humpeln, aber auf dem Weg zum Erfolg lässt er sich von solch kleinen Hindernissen nicht aufhalten.

Diese Sequenz deutet alle Motive des Films an: Die Gier nach Erfolg und Geld und der damit verbundenen Macht, die Plainview antreibt, die sein einziges Ziel, sein Lebenszweck ist. Daniel Day-Lewis spielt diese Figur mit kaum fassbarer Intensität. Nie erhebt er die Stimme, wird er laut oder ausfallend. Und doch, in seiner Sprache, seiner Körperhaltung, seinem Blick schwebt jederzeit das Misstrauen eines Mannes mit, der nach Anerkennung strebt. Einige Jahre später ist Plainview seinem Ziel näher. Zusammen mit dem Waisenkind H.W. (Dillon Freasier), das Plainview in einem Moment der Menschlichkeit aufgenommen hat, jedoch nicht ohne Hintergedanken, bohrt er nach Öl. Und versucht Farmbesitzer davon zu überzeugen, ihm ihr Land zur Verfügung zu stellen. Dank H.W. und einer angeblichen im Kindbett gestorbenen Frau, kann Plainview den einfachen Menschen eine Familienidylle verspielen, die nicht existiert, ihm bei der Verwirklichung seiner Ziele aber enorm hilfreich ist. In Little Boston, einem kargen Nest, kommt er der Verwirklichung seines Strebens nach Ruhm Nahe. Ein riesiges Ölvorkommen liegt unter der Stadt und Plainview erkämpft sich die Bohrrechte. Doch hier erwächst ihm auch ein Konkurrent. Nicht um das Öl, aber um die Seelen der Menschen. Der junge Prediger Eli (Paul Dano) wird zu Plainviews Antagonist, zu einem Doppelgänger, der mit ähnlichen Methoden andere Ziele verfolgt.

Dieses Doppel, der ungezügelte Kapitalismus und die heuchlerische, manipulative Welt der Laienprediger zieht sich fortan durch den Film. Mehrere Mal stehen sich Plainview und Eli gegenüber, wie zwei wilde Tiere, die sich selbst im jeweils Anderen erkennen. Doch die Intensität, die diesem Konflikt anhaftet führt letztendlich ins Leere. Das Plainview ein gefühlstoter Mann ist, der nur für seinen Erfolg lebt und dabei auch seinen Adoptivsohn verstößt, als dieser nach einem Unfall taub und damit nutzlos geworden ist, ist nach den ersten Minuten offensichtlich. Und eine weitere Entwicklung findet nicht statt. So beschreibt „There Will Be Blood“ letztendlich einen Zustand, der ohne große Hindernisse abläuft. Dass er dies auf atemberaubende Weise tut, mit brillanten Bildern, experimentellem Ton, einer außerordentlichen Musik von Johnny Greenwood (im Hauptberuf Gitarrist der Rockband Radiohead, aber auch ausgebildeter klassischer Komponist) und einer überragenden zentralen Darstellung, lässt allzu leicht übersehen, dass bei aller Klasse doch etwas fehlt. Zwar bietet die Geschichte zahllose Ansatzpunkte, die zu vielfältigen Interpretationen einladen, von der politischen Konnotation des Ölgeschäft, über die Gier an sich, bis zur komplizierten Vater-Sohn Beziehung. All diese Themen sind fraglos da, aber wirklich ausgeführt wird keins. Letztlich hat „There Will Be Blood“ einen entscheidenden Makel: Es fehlt ihm an der Seele, am Herz, an den Emotionen, die frühere Anderson Filme wie „Magnolia“ zu mehr gemacht haben, als stilistisch außerordentlich.

Michael Meyns
 

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Kalifornien, Ausgang des 19.Jahrhunderts. Das Land ist zwar noch weitgehend unerschlossen, aber dass mit Öl Aufstieg zu bewirken und Geld zu machen wäre, wird spürbar.

Daniel Plainview ist so einer, der den Braten gerochen hat. Er erfährt von einer abgelegenen der Familie Sunday gehörenden Farm, unter der viel Öl liegen soll. Für eine bescheidene Summe kauft er das Gelände und organisiert die ersten Bohrungen. Das Geschäft ist mühsam, denn eine Infrastruktur zur Herbeischaffung des Materials ist kaum vorhanden. Das Land ist weit, wüstenhaft und leer. Die erste Ölförderung ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. Es gibt Unfälle, Tote. Der Bohrturm explodiert. Plainviews Sohn H.W. wird schwer verletzt – für sein Leben lang wird er taub bleiben.

Plainviews härtester Gegner aber ist der Sunday-Sohn Eli, ein Prediger, Bibelfanatiker, sich bis zur Trance steigernder Geistheiler. Er sammelt Gläubige und nicht wie andere Geld. Er weiß auch, dass sein Vater Abel die Sunday-Farm viel zu billig weggegeben hat. Er wird ständig ein erbitterter Feind Plainviews sein.

Der setzt sich mit seiner Verschlagenheit, seiner Geldgier, seinem Jähzorn, seinem Ehrgeiz, der Gegnerschaft zu seinem Sohn und seiner nimmermüden Arbeit durch – bis zum erfolgreichen, herrschsüchtigen Tycoon. Seine Seele wird dabei sozusagen schwarz, doch er bringt dem Land auch Blüte und Reichtum.

Paul Thomas Anderson hat jahrelang Quellen erforscht, Literatur bewältigt, Fotos gesichtet und dann mit einem riesigen Menschen- und Materialaufwand einen epischen, zeitnahen, milieuechten, rhythmisch getragenen Film mit vielen dramatischen Höhepunkten auf die Beine gestellt. Außer dem reinen Handlungsablauf geht es neben dem Hass auch um den Versuch zu lieben, um religiöses Charisma, um Übermäßigkeit, um Hoffnung und Enttäuschung und nicht zuletzt um Korruption.

Die Szene wird beherrscht von der schauspielerischen Kraft des Daniel Day-Lewis als Plainview, der allgegenwärtig ist, der bis zum Äußersten, zum Ekstatischen geht und der den Film wesentlich trägt. Eine trotz einiger Übertreibungen absolut preiswürdige Leistung. Die Mitspieler ordnen sich unter, agieren aber auch sehr gut.

Epos um Aufstieg und Fall eines kalifornischen Ölmagnaten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein in mehr als einer Hinsicht beeindruckendes Meisterstück.

Thomas Engel