Timbuktu

Gewiss kein gefälliges Thema – gleichwohl ein überwältigender Film! Fanatische Fundamentalisten, Gräueltaten selbsternannter „Gotteskrieger“ in Afrika – da hatten viele bei der Premiere in Cannes obligatorisches Pflichtprogramm erwartet. Dann die große Überraschung: Dieses Drama um eine bescheidene Hirten-Familie in den Fängen der religiösen Eiferer eroberte die Herzen im Sturm. Die grandios poetische Bildsprache, die anrührenden Figuren sowie eine wunderbar unprätentiöse, märchenhafte Erzählweise offenbaren regelrechte Klassiker-Qualitäten. Ein Meisterwerk über Würde, Widerstand und Toleranz!

Webseite: www.arsenalfilm.de

Mauretanien, Frankreich 2014
Regie: Abderrahmane Sissako
Darsteller: Ibrahim Ahmed, Toulou Kiki, Abel Jafri, Fatoumata Diawara, Hichem Yacoubi, Kettly Noel
Filmlänge: 96 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 11.12.2014

Preise/Pressestimmen:

Preis der Ökumenischen Jury Filmfestival Cannes 2014

"'Timbuktu' liefert uns ein Bild davon, was der radikale Islamismus anrichtet, wo er regiert. Und gleichzeitig ist dieses Filmjuwel ein Plädoyer für Menschlichkeit."
ARD Titel Thesen Temperamente

"Ein leiser, poetischer Film von großer Wucht."
ZDF Heute Journal

"Die Islamisten kämpften gegen Musik und Fußball, führten Zwangsehe und Ganzkörperschleier ein: Nach wahren Begebenheiten erzählt der Film "Timbuktu", wie der Terror in die Wüstenstadt kam."
Der Spiegel

FILMKRITIK:

„Musik ist verboten! Frauen müssen ab sofort Kniestrümpfe und Handschuhe tragen!“ per Megaphon-Durchsagen diktieren die neuen Machthaber die neue Ordnung. Die Gruppe bewaffneter Dschihadisten will mit Gewalt und Einschüchterung einen fundamentalistischen Gottesstaat installieren. Dabei lebt die Bevölkerung längst nach den Regeln des Islam – eines weisen und toleranten Islam, wie es der lokale Imam einfordert. Gegen die klugen Worte diese Geistlichen haben die einfältigen Eiferer keine Chance und müssen kleinlaut mit ihren Waffen aus der Moschee wieder abziehen. Im Alltag demonstrieren die selbsternannten Sittenwächter mit der MG im Anschlag umso krasser ihre Macht. „Unkeusche“ Liebende werden öffentlich gesteinigt, derweil die bigotten Vollstrecker unverholen verheirateten Frauen nachstellen oder junge Mädchen als Prämie mit „verdienten“ Kämpfern zwangsverheiraten – zur großen Empörung des besorgten Imam.
 
In diesem Schreckensszenario entwickelt sich eine ganz private Tragödie. Der Hirte Kidane führt mit Frau und Tochter ein friedliches Leben vor den Toren der Stadt. Als eine seiner Kühe von einem Nachbarn getötet wird, weil sie dessen Fischernetze zertrampelt, will Kidane den Mann zur Rede stellen. Dabei löst sich versehentlich ein tödlicher Schuss, der verzweifelte Hirte wird von den Milizen verhaftet und vor ein Schnellgericht gestellt. Vierzig Kühe soll er als Wiedergutmachung übergeben – die der arme Mann natürlich nicht besitzt. Im Angesicht des Todesurteils will Kidane noch einmal seine Tochter sehen, doch die neuen Richter kennen keine Gnade.
 
Auch bei den anderen Bewohnern zeigen die Besatzer keine Menschlichkeit. 20 Peitschenhiebe gibt es als Strafe für das verbotene Ballspielen oder Muszieren. Doch die Menschen verteidigen wacker ihre Würde. Eine resolute Fischverkäuferin erklärt, dass sie mit Handschuhen unmöglich noch länger ihre Arbeit verrichten kann – und blamiert ganz pragmatisch die bornierten Extremisten. Die Mutter, deren Tochter zwangsverheiratet werden soll, trotzt allen Einschüchterungen selbstbewusst: „Ich habe keine Angst vor euch. Ich fürchte nur Gott!“. Die jungen Kicker schließlich protestieren gegen das absurde Ballverbot, indem sie auf dem staubigen Bolzplatz eben ohne Fußball antreten und pantomimisch spielen.
 
Der in Mali aufgewachsene Regisseur Abderrahmane Sissako ließ sich für sein Drama von einer Schreckensmeldung aus seiner einstigen Heimat inspirieren, wo ein Elternpaar nach Scharia-Recht gesteinigt wurde, weil es nicht verheiratet war – eine ähnliche Szene ist sekundenkurz im Film zu sehen. Die reale Zerstörung von UNESCO-Welterbe im Mai 2012 durch die militanten Machthaber in Mali wird gleichfalls reflektiert, indem die Söldnertruppen im Film uralte Statuen blindwütig zerschießen.
 
Sissako gibt den Fanatikern durchaus menschliche Züge, mit bisweilen grotesken Effekten. Die Milizionäre, die den Jungs das Ballspiel verbieten, unterhalten sich eifrig über die Qualitäten von Zidane und Messi. Einem zur Video-Beichte gezwungen Rapper will der ambitionierte Dschihadisten-Regisseur erst noch Schauspielunterricht geben, derweil ein anderer Verbots-Vollstrecker privat dem heimlichen Rauchen frönt oder einen ekstatischen Tanz aufführt.
 
Neben der souverän erzählten, bewegenden Geschichte überzeugt das Drama durch seine visuelle Poesie. Sei es, in den ausdrucksstarken Gesichtern seiner würdevollen, resoluten Helden. Oder in jenen Panoramabildern der Wüste: Ob im beschaulichen Nomadenzelt oder jenem Fluss, an dessen Ufer der Hirte den verhängnisvollen Schuss abgibt: Kameramann Sofian El Fani findet, wie schon in „Blau ist eine warme Farbe“, eindrucksvolle Bilder von erlesener Schönheit.
 
Abderrahmane Sissako bietet eine wunderbare Perle im Arthaus-Kino. Bleibt zu wünschen, dass ihn das Publikum mehr honoriert als eine erstaunlich ignorante Jury in Cannes.
 
Dieter Oßwald