Tokyo Tribe

Im neuen Film von Avantgarde-Regisseur Shion Sono ("Guilty of Romance") kämpfen rivalisierende, rappende Straßengangs um die Vorherrschaft im futuristischen, grellen Tokio. "Tokyo Tribe" ist eine schrille, dröhnende aber auch kunstvoll-ästhetische Mixtur aus Rap-Einlagen, Action, Martial-Arts und Yakuza-Ästhetik. Eine Art schallendes, radikales Rap-Musical mit deftigen Wortfetzen und Gewaltszenen. Wie die meisten Filme von Sono wird auch "Toyko Tribe" wieder stark polarisieren. Dabei geht es dem Filmemacher unter der lauten, glitzernden Oberfläche und Fassade aber um ganz universelle Themen wie Liebe, Freundschaft, Akzeptanz und Anerkennung.

Webseite: www.tokyotribe-film.de

Japan 2014
Regie: Shion Sono
Drehbuch: Sion Sono, Santa Inoue
Darsteller: Ryohei Suzuki, Riki Takeuchi, Young
Dais, Hitomi Katayama, Kokone Sasaki
Länge: 116 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 16. Juli 2015

FILMKRITIK:

Das futuristische Japan, in nicht allzu ferner Zukunft: Die Macht in der Weltmetropole teilen sich die so genannten "Tokyo Tribes", eine Reihe von rappenden Banden, die durch die dunkelsten Ecken, Slums und Ghettos ziehen, um ihren Machtbereich zu vergrößern. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ihnen fast jedes Mittel recht. Ein Krieg zwischen den Gangs liegt in der Luft, als der Kampf um die Vorherrschaft in den Sex- und Nachtclubvierteln immer härter wird. Der dem brutalen Wu-Ronz-Clan vorstehende Mera (Ryôhei Suzuki) hat das Ziel, Tokio komplett unter seine Kontrolle zu bringen. Ein Vorhaben, dass der konkurrierende Musashino Saru-Clan um Meras ehemaligen Schulkameraden Kai (Young Dais), unbedingt verhindert will. Kann eine Eskalation der Situation, die die ganze Stadt erfassen würde, noch verhindert werden?

Der Film "Tokyo Tribe" basiert auf der erstmals 1993 erschienenen, gleichnamigen Manga-Reihe des Comic-Künstlers Santa Inoue, der auch am Drehbuch mitwirkte. Ebenso wie der Film, sind auch die Comics durch eine farbenprächtige, wilde Mischung aus verschiedensten Genres und Einflüssen geprägt. "Tokyo Tribe" ist der neue Film des Enfant Terribles des japanischen Kinos, Shion Sono, dessen Werke aufgrund ihres surrealen Anteils und der drastischen Gewaltdarstellungen seit jeher polarisieren. In Deutschland ist Sono vor allem durch seine "Hass"-Trilogie bekannt, zu der die Filme "Love Exposure", "Cold Fish" und "Guilty of Romance" zählen. 

Zugegeben: es dauert eine Weile, bis man sich an das hohe Tempo des Films, die Flut an popkulturellen Referenzen, die unzähligen Elemente der Hip-Hop-Kultur sowie die hohe Anzahl an verschiedenen Darstellern und Handlungssträngen gewöhnt hat. Einen Film wie "Tokyo Tribe" bekommt man nicht allzu oft zu sehen: ein Film, der als bizarr-groteskes, knalliges Martial-Arts-Rap-Musical mit Bezügen zu Mafia- und Gang-Filmen angelegt ist. Mit seiner quietschbunten, poppigen Bildsprache, den fast ausschließlich im Sprechgesang dargebotenen, mitunter radikalen Äußerungen und den dröhnenden Beats könnte der Film auf europäische Augen und Ohren zunächst ein wenig verstörend, auf jeden Fall aber ungewohnt, wirken. Lässt man sich aber voll und ganz auf den extravaganten, wild ausschweifenden Stil des Films ein und gibt ihm ein wenig Zeit, erlebt man kunstvolles Exzess-Kino, das in Staunen versetzt.

Blickt man zudem hinter die glitzernde, berauschende Fassade, entdeckt man, dass Regisseur Sono hier doch auch Problemfelder und gesellschaftliche Themen anspricht, die uns allen bekannt vorkommen dürften: es geht um Akzeptanz, Anerkennung, Liebe, Freundschaft und (vor allem) das Recht der Jugend und jungen Erwachsenen, Gehör und Respekt zu finden in einer Welt, die von Normen und Regeln durchzogen ist. Und: es geht darum, aufzufallen und aus der Masse heraus zu stechen, bevor man untergeht und auf der Strecke bleibt.

Nur nutzt Sono eben keine gängigen Erzählmuster und allseits bekannten filmischen Herangehensweisen, um darauf aufmerksam zu machen. Das macht den Film zu etwas außerordentlich Besonderem. Besonders ist auch, dass die meisten Darsteller in "Tokyo Tribe" der japanischen Hip-Hop-Szene angehören. Sie verstehen ihr Handwerk, weshalb deren Rap- und Tanz-Einlagen auch zu jedem Zeitpunkt glaubwürdig, dringlich und mitunter durchaus auch einschüchternd wirken.

Schauspielerisch sticht  der Ex-Sumo-Ringer Riki Takeuchi mit seiner körperlichen Präsenz und seinem mitreißenden Spiel heraus, der ein wahnsinniges Yakuza-Mitglied verkörpert und sich selbst bzw. seiner Karriere treu bleibt: in den meisten seiner Filme spielt er zwielichtige Kriminelle, nicht selten sogar in bis zu 20 Filmen innerhalb eines Jahres. Auch Regisseur Sono bleibt sich treu, wenn er auf brutale Gewalteinlagen, blutige Kampfszenen im schwindelerregenden Martial-Arts-Stil und eine drastische Wortwahl seiner Protagonisten setzt, die diese in gepfefferte Reime verpacken, die es in sich haben. Zart Besaitete sollten wenn möglich einen Bogen um den Film machen, auch sollte der Kinobesucher einen starken Hang zur Hip-Hop-Musik, Rap-Kultur und zu Martial-Arts-Filmen haben, sonst könnte die Freude beim Betrachten deutlich getrübt sein.

Björn Schneider