Tolkien

John Ronald Reul Tolkien erschuf mit Mittelerde nicht nur die Welt von „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“, sondern eine, die auf eine jahrtausendelange Historie zurückblickt und über eigene Sprachen verfügt. So phantastisch wie seine Schöpfung war sein Leben jedoch nicht – und dennoch wird es in „Tolkien“ nun in den Mittelpunkt gerückt. Erzählt wird die Geschichte des jungen Tolkien, der zur Waise wird, sich zwischen Studium und Liebe entscheiden muss und schließlich auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs zieht. Das ist schön gemacht, aber auch reichlich konventionell – und ein bisschen trocken.

Webseite: www.fox.de/tolkien

USA 2019
Regie: Dome Karukoski
Darsteller: Nicholas Hoult, Lily Collins, Colm Meaney
Länge: 110 Minuten
Verleih: Twentieth Century Fox
Kinostart: 20. Juni 2019

FILMKRITIK:

Als die Mutter von John Ronald Reul Tolkien stirbt, ist er noch nicht erwachsen. Ein Priester nimmt sich seiner an und vermittelt ihn zusammen mit seinem Bruder in eine Familie, in der er aufwachsen kann. An der Schule lernt er Freunde fürs Leben kennen – Jungs, mit denen ihn ein Band verbindet, das nur durch die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts vernichtet werden kann. Tolkien verliebt sich aber auch, und zwar in die liebliche Edith Bratt, doch dann muss er sich entscheiden: die Liebe oder der Weg nach Oxford. Tolkien geht studieren, aber er bereut, sich gegen Edith entschieden zu haben. Ob das Schicksal den beiden noch eine Chance gewährt?
 
Biopics können sehr interessant sein, wenn das dazugehörige Leben auch etwas Außergewöhnliches hatte. Bei Tolkien ist das Außergewöhnlichste, dass er zwei Klassiker geschrieben und die ganze dazugehörige Welt entworfen hat, aber das ist nicht unbedingt das Material, aus dem große Kino-Dramen gemacht sind. Das merkt man „Tolkien“ auch sehr schnell an, denn das eigentliche Drama ist nur, ob er die Liebe seines Lebens bekommen wird oder nicht – und wer sich mit Tolkiens Leben befasst hat, kennt die Antwort ohnehin. Das wird hier aber auch ohne echten Esprit erzählt. Der Film ist ausgesprochen konventionell gestaltet, hat aber im Grunde nur wenig, mit dem sich arbeiten lässt.
 
Darum erzählt man auch in zwei Zeitebenen. Die eine chronologisch von vorne, die andere in den Schützengräben des Schlachtfeldes an der Somme. Gerade letzteres hat für die eigentliche Geschichte aber wenig Bedeutung, auch wenn versucht wird, sie mit solcher aufzuladen. Indem ein Flammenwerfer an einen Drachen erinnert oder im Rauch der Granaten eine Gestalt wie Sauron zu sehen ist. „Tolkien“ biedert sich mit diesen Sequenzen bei den „Herr der Ringe“-Fans an, ohne dass er es verstehen würde, diese Bilder zu etwas Essenziellem für die Geschichte zu machen. Die Verbindung des Imaginierten mit dem Realen klappt hier nicht, anders als etwa bei „Professor Marston und die Wonder Women“, der sehr wohl in der Lage war, Teile des realen Lebens der Hauptfigur zur Inspiration der Schöpfung der Superheldin Wonder Woman zu machen. Bei „Tolkien“ geht dieser Versuch aber nicht auf, weil die Assoziation schlichtweg zu schwach ist.
 
Zwar mag man sagen können, dass Tolkiens Erlebnisse auf dem Schlachtfeld seine Sicht der Dinge veränderten und damit direkten Einfluss auf seine Schöpfungen hatten, damit geht man aber auch sehr stark in den metaphorischen Bereich, da nichts davon im Film wirklich greifbar ist. Stattdessen hat man eine zwar hübsche, aber letztlich sehr normale Romanze, die zu ihrem natürlichen Happyend führt und niemals so emotional und passioniert ist wie in der Szene, als Tolkien mit dem von Derek Jacobi gespielten Professor über Sprache spricht. So lebendig wie in dieser Sequenz ist der Film an keiner anderen Stelle.
 
Rein optisch ist der Film dagegen schön geworden. Die Ausstattung, die Kostüme, die Frisuren, das alles wirkt sehr authentisch und transportiert den Zuschauer in die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu kommt ein durch die Bank engagiert aufspielendes Ensemble, aber auch das kann nichts daran ändern, dass „Tolkien“ letzten Endes etwas dröge geraten ist.
 
Peter Osteried