Tomboy

2011 eröffnete Céline Sciammas Porträt eines Mädchens, das noch seinen Platz sucht in den Geschlechterrollen der Gesellschaft, die Panorama-Sektion der Berlinale und konnte den „Teddy Jury Award“ gewinnen, der an Filme mit schwul-lesbischem oder Transgender-Thema vergeben wird. Doch die Politik kommt in „Tomboy“ allerhöchstens durch die Hintertür – der Regisseurin ist ein sehr intimer, natürlich und entspannt erzählter, dabei manchmal auch fordender Film über die Verwirrungen des Erwachsenwerdens gelungen.

Webseite: www.alamodefilm.de

Frankreich 2011
Regie: Céline Sciamma
Buch: Céline Sciamma
Darsteller: Zoé Héran, Malonn Lévana, Jeanne Disson, Sophie Cattani, Mathieu Demy
Filmlänge: 82 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 03. Mai 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Das Kino liebt Verwechslungsgeschichten – und gerade der Geschlechtertausch gehört zu den Topoi, die, gerade in komödiantischer Form, womöglich schon mehrere Male zu oft durcherzählt wurden. Wobei der Assoziationsraum, den die Travestie aufreißt, eigentlich ein gewaltiger ist: Schließlich prallen hier wie kaum noch anderswo Körper und Gesellschaft, Identität und Alltag, und, wenn man so will, Privates und Politisches aufeinander. Der unerreichte „Tootsie“ mit Dustin Hoffman wurde zuletzt in Detlev Bucks „Rubbeldiekatz“ variiert – Mann braucht Job, den er nur als Frau kriegen kann, und die Frau, die er will, kriegt er natürlich nur als Mann.

In der Regel werden erwachsene Männer dabei zu Frauen, das verspricht ein höheres Klamaukpotenzial –sich die Beinhaare wachsen zu lassen und bequeme weite Hosen über den flachen Schuhen anzuziehen, wäre ja schließlich noch unlustiger. Umso erfrischender ist es, dass Céline Sciamma in „Tomboy“ all diese Klischees, die Erklärungsmuster und die meisten der Peinlichkeiten ausspart, die das Sujet bieten würde. Warum die 10-jährige Laure (Zoé Héran) sich den neuen Freunden an ihrem neuen Wohnort als Michael vorstellt, bleibt offen, ohne dass dies in der sensibel konstruierten Dramaturgie einen Mangel darstellte. Sciamma nimmt sich jede Menge Zeit, um den Alltag von Laures Familie und Clique darzustellen, sie erzählt Szenen aus, die scheinbar Nebensächliches zeigen: das häusliche Abendessen, die Autofahrten mit dem Vater (Mathieu Demy) oder das Spielen mit Laures kleiner Schwester Jeanne (Malonn Lévana).

Der Umgang der Menschen miteinander ist dabei stets ein liebevoller, auch wenn beim Fußball natürlich mal gerempelt und bei „Wahrheit oder Pflicht“ der andere herzhaft ausgelacht wird. Sciamma gelingt das Kunststück, einen zauberhaften Sommer entstehen zu lassen, das Panorama einer Idylle, in der die Zeit stillzustehen scheint. Diese Magie entwickelt der Film gerade aus der Natürlichkeit seiner Inszenierung: aus der genauen Beobachtungsgabe, der Konzentration auf die Figuren, dem Verzicht auf künstliche dramaturgische Zuspitzung und forcierte Emotion – kaum Musik gibt es etwa zu hören und wenn doch, dann spielt garantiert irgendwo ein CD-Player und Laure und ihre Freundin Lisa (Jeanne Disson), der sie als Michael sogar einen Kuss stehlen kann, toben dazu herum.

Doch so wie dieser Sommer ein Ende haben muss, das für Laure eine so unausweichliche wie unangenehme Beichte parat hält, so ist auch die Balance, die der Film als Ganzes wagt, eine riskante. In seiner betont nüchternen Erzählweise, die dem Zuschauer bisweilen auch ein wenig Geduld abverlangt, richtet er sich eindeutig an das geübte Auge eines erwachsenen Arthouse-Publikums. Andererseits entfaltet sich die Geschichte konsequent aus der Sicht eines Kindes. Im Zentrum steht dabei ein Identitätskonflikt, der ernst, aber nicht verzweifelt oder gar existenzialistisch und mit einer leichten Prise sanften Humors vermittelt wird, der sich nie über die Hauptfigur und ihre Sorgen erhebt. „Tomboy“, das ist Kino für Fortgeschrittene über die Anfänger im Leben.

Tim Slagman

Die Familie ist gerade frisch zugezogen: die Mutter, der Vater, die Mädchen Laure und Jeanne, dazu noch ein ganz kleines Kind. Laure und die jüngere Jeanne verstehen sich prächtig. Sie brauchen aber auch andere Spielkameraden. Die wohnen in der Nähe, gehören einer ganzen Reihe von Nationalitäten an und vertreiben sich die Zeit mit „Wahrheit oder Pflicht“ oder Fußball.

Mit Laure hat es etwas Besonderes auf sich. Sie möchte kein Mädchen sein, sondern ein Junge. Sie verfolgt dieses Ziel im geheimen aber konsequent. Michael nennt sie sich, vor allem gegenüber Lisa, die an dem „Jungen“ Gefallen findet.

Jeanne bemerkt den Schwindel eines Tages, wird aber von Laure alias Michael zum Schweigen verdonnert.

Laure bringt ihren Identitätswechsel eine ganze Zeitlang gut durch: beim Spielen, beim Baden, beim Streit und Ringkampf mit einem Jungen – übrigens auch mit der Kleidung. Aber eines Tages platzt doch das Ganze. Die Kinder wie deren Eltern erfahren erstaunt oder getäuscht, was es mit Michael bzw. Laure auf sich hat. Jetzt ist es deren Mutter, die Verständnis aufbringen muss.

Die Inszenierung wurde von der Regisseurin durchaus beherrscht: was die vielen Kinderszenen, die Schauspielerführung bei den Kleinen und Jugendlichen, die Atmosphäre in der Wohnsiedlung angeht. Die Darstellerinnen der Laure, der Lisa und sogar der kleinen Jeanne agieren schon erstaunlich typisch und sicher.

Dass es Menschen gibt, die im falschen Körper geboren sind, weiß man. Welche Probleme und Krisen sie durchmachen, können meist nur die Betroffenen selbst ermessen. Am Beispiel eines jungen Mädchens wird das Thema hier aufgezeigt – nicht in sehr dramatischer Form, aber fühlbar.

In der heutigen Zeit kann man solchem Kummer abhelfen; oft endet es aber auch tragisch.

In erster Linie für Interessierte.

Thomas Engel