Tommaso und der Tanz der Geister

Ein filmisches Selbstporträt oder doch ein fiktiver Film über einen Filmregisseur? Ganz sicher kann man sich bei Abel Ferraras „Tommaso“ nicht sein, auch wenn viele Details der Rolle, in der Willem Dafoe so gut wie lange nicht mehr agiert, an Ferrara, seine Dämonen und sein Leben in Rom erinnern. Ein eindringlicher, nur in Momenten etwas selbstherrlicher Film.

Webseite: www.neuevisionen.de

USA/ Italen/ GB 2019
Regie & Buch: Abel Ferrara
Darsteller: Willem Dafoe, Cristina Chiriac, Anna Ferrara, Kim Rossi Stewart
Länge: 115 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 9.4.2020

FILMKRITIK:

Tommaso (Willem Dafoe) ist amerikanischer Regisseur, der seit längerem in Rom lebt. Zusammen mit seiner deutlich jüngeren Frau Nikki (Cristina Chiriac) und der gemeinsamen kleinen Tochter Deedee (Anna Ferrara) lebt er in einem geräumigen Apartment in der ewigen Stadt und versucht, Projekte voranzubringen.
 
Ein aufwändiger Film, der in den Eiswüsten Sibiriens gedreht werden soll, macht ihm zu schaffen, die Geldgeber stellen sich quer, doch dies ist nicht Tomasso einziges Problem. Das geordnete Leben mit Frau und Kind, die täglichen, sich stets wiederholenden Besorgungen langweilen ihn zunehmend, die Routine des Familienlebens, das er nie anstrebte, das ihm jedoch dabei geholfen hat, seine Heroinsucht zu überwinden.
 
Fast täglich nimmt Tommaso dennoch an Sitzungen teil, spricht über seine Dämonen und hört die Geschichten anderer Suchtkranker. Eigentlich hatte er geglaubt, seine Sucht unter Kontrolle zu haben, doch immer häufiger scheint er sich und seine Wahrnehmung der Realität nicht mehr unter Kontrolle zu haben.
 
Man muss nicht unbedingt wissen, dass Abel Ferrara seit Jahren selbst in Rom lebt, dass er mit seiner Hauptdarstellerin Cristina Chriac verheiratet ist oder dass die Wohnung, in der Tomasso mit seiner Familie lebt, tatsächlich Ferraras Wohnung ist. Unzweifelhaft ist Abel Ferraras erster Spielfilm seit 2014 also autobiographisch, spielt Ferraras guter Freund Willem Dafoe hier also eine Variante des Regisseurs, doch wenn das alles wäre, wäre „Tomasso“ nur halb so interessant.
 
Manche Szenen muten zwar wie eine allzu selbstverliebte Nabelschau an; dass Tommaso im Zuge der Geschichte immer wieder schönen, nackten, meist sehr willigen Frauen begegnet, lässt den Film des inzwischen 68jährigen Ferraras arg altmodisch wirken. Fast immer gelingt es Ferrara und Dafoe jedoch, ein eindringliches Porträt eines Künstlers zu entwickeln, der glaubte, seinen Dämonen entkommen zu sein und doch immer wieder aufs Neue von ihnen eingeholt wird.
 
Gefilmt von Werner Herzogs Stammkameramann Peter Zeitlinger, der viel Erfahrung mit schnellem Arbeiten hat, mit dem Einfangen von gleichermaßen authentischen, wie stilisierten Bildern, bewegt sich „Tommaso“ auf einem fruchtbaren Grat zwischen Fakt und Fiktion. Wenn Tomassos Dafoe etwa bei den Sitzungen der Suchtkranken die Geschichten anderer Menschen hört, dann sind das nicht etwa fiktive Geschichten, sondern tatsächliche Erlebnisse. Wenn Tomasso jungen Schauspieler bei einem Workshop Ratschläge gibt, dann hört man das, was auch Dafoe stets über seinen schauspielerischen Ansatz sagt. Und wenn Ferrara seinen Tomasso am Ende des Films mitten in Rom ans Kreuz hängt, muss man angesichts der Präsenz von Dafoe unweigerlich an dessen berühmtesten Film „Die letzte Versuchung Christi“ denken.
 
Aus all diesen Versatzstücken, Zitaten und Referenzen, dem persönlichen Wissen um den kreativen Prozess, die Extreme, die er braucht, die Routine, die ihn lähmt, den alltäglichen Beobachtungen und zufälligen Begegnungen, die in die filmische Geschichte eingefügt wurden, formen Ferrara und Dafoe das eindringliche Porträt eines Künstlers, der mit vielem kämpft, vor allem jedoch sich selbst.
 
Michael Meyns