Tomorrow

Umweltverschmutzung, Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Ressourcenknappheit. Die Welt hat viele Probleme und die meisten sind uns allen bekannt. Weniger bekannt sind manche der Lösungsansätze, die vor Ort weit reichende Veränderungen anstoßen und ermöglichen. Die französische Schauspielerin Mélanie Laurent und der NGO-Aktivist Cyril Dion begeben sich in „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ auf die Spur solcher Initiativen. Ihr mit dem César als „Beste Dokumentation“ ausgezeichneter Film fordert nachdrücklich zum persönlichen Engagement auf – ehrlich, optimistisch, überzeugend. Eine engagierte, einfühlsame Doku!

Webseite: www.tomorrow-derfilm.de

OT: Demain
Frankreich 2015
Regie: Cyril Dion & Mélanie Laurent
Dokumentation
Länge: 118 Minuten
Verleih: Pandora
Kinostart: 2. Juni 2016

FILMKRITIK:

Eigentlich ist jedem heute klar, dass wir als Menschheit an unserer Lebensweise dringend etwas verändern müssen, wollen wir die Erde, unsere Natur und Ressourcen bewahren und schützen. Sowohl die Denkweise eines grenzenlosen Wachstums als auch die Idee einer ungeordneten Globalisierung führen absehbar in eine Sackgasse. Auch die französische Schauspielerin Mélanie Laurent („Inglourious Basterds“) und ihr Landsmann Cyril Dion, ein engagierter NGO-Aktivist, verspürten ein wachsendes Unbehagen. Aufgerüttelt von einer wissenschaftlichen Studie in der Zeitschrift „Nature“, welche den Zusammenbruch unserer Zivilisation in den nächsten 40 Jahren prognostizierte, suchten sie rund um den Globus nach Antworten und Lösungen, wie jeder einzelne von uns im Kleinen etwas zum Gelingen des Ganzen beitragen kann. Kurzum: In „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ geht es um die Rettung unseres Planeten und um nichts weniger.
 
Diese Prämisse klingt zunächst viel zu komplex, um sie in einen knapp zweistündigen Film zu verpacken. Tatsächlich nähern sich Laurent und Dion bei ihrer Erkundungstour durch 10 Länder der Formel zur Weltrettung wie den einzelnen Teilen eines Puzzles. So wie diese erst zusammengesetzt ein Bild ergeben, so zeigt ihre engagierte und einfühlsame Dokumentation sehr anschaulich, wie alles mit allem zusammenhängt. Beginnend bei der Landwirtschaft und der Art, wie heute Lebensmittel hergestellt werden, über die Energiewende, dem Ansatz eines stärker regional ausgerichteten Wirtschaftskreislaufs bis hin zu einem anderen Demokratie- und Bildungsverständnis beleuchtet „Tomorrow“ die ganz großen Themen im Kleinen und anhand sehr konkreter Initiativen. Inmitten von Detroits Industrieruinen entsteht eine urbane Landwirtschaft, in Kopenhagen will man bis zum Jahr 2025 vollkommen autark von fossiler Energie sein und im englischen Bristol hat man eine lokale Parallelwährung eingeführt, von der für die Betriebe vor Ort ganz neue Impulse ausgehen. Die Botschaft ist klar: Der Wandel beginnt bei uns. Nur auf die erhofften Veränderungen in Politik und Wirtschaft zu warten, dafür bleibt längst keine Zeit mehr.
 
Obgleich Laurent und Dion neben vielen engagierten Menschen auch immer wieder Experten und Wissenschaftler zu Wort kommen lassen, bemühen sie sich doch um einen persönlichen, möglichst verständlichen Zugang. Ihr Antrieb für den unter anderem mittels Crowdfunding finanzierten Film sei vor allem ihr Elternsein und die Frage nach der Zukunft ihrer Kinder gewesen. Statt unzähliger Daten und Fakten – diese werden eher sparsam eingesetzt – dominiert hier der Blick auf das konkrete Projekt. Die mit den verträumten, manchmal etwas zu plakativen Folk-Songs von Fredrika Stahl unterlegten Bildmontagen erzeugen trotz des ernsten Hintergrunds fast schon eine Wohlfühlatmosphäre. Wo andere, inhaltlich durchaus verwandte Dokumentationen hauptsächlich Probleme und Missstände aufzeigen, konzentrieren sich Laurent und Dion auf Lösungsansätze. Ihr Film ist optimistisch und fordert ohne allzu übertriebene Didaktik zum persönlichen Engagement auf.
 
Das Grundproblem, dass der Film mit seinen Thesen von „Think Local“ bis hin zum Plädoyer für ein gerechteres Wirtschaftssystem hauptsächlich diejenigen erreichen dürfte, die ohnehin schon so denken, bleibt allerdings bestehen. Selbst wenn die Macher „Tomorrow“ nicht als „Öko-Dokumentarfilm“ verstehen, so lässt sich der grüne, kapitalismuskritische Anstrich zu keiner Zeit leugnen oder übersehen. Mit bislang über 800.000 Kinozuschauern allein Frankreich scheint das Thema aber bei vielen, insbesondere jungen Menschen einen Nerv getroffen zu haben.
 
Marcus Wessel
 

Ach, ließe sich die Welt doch nur so einfach verändern, wie es in Cyril Dion und Mélanie Laurent Dokumentation "Tomorrow" suggeriert wird, einem engagierten Versuch, Lösungen für all die Probleme zu finden, die die Welt plagen. Doch so gut gemeint und sinnvoll viele der hier vorgestellten Ansätze auch sind, sie sind fast vollständig auf die erste Welt zugeschnitten und lassen das große Ganze außen vor.

Als die Schauspielerin Mélanie Laurent vor ein paar Jahren ein Kind bekam, begann sie mit Freunden über die Zukunft nachzudenken, über Tomorrow, über das Morgen, über die Welt, in der ihre Kinder aufwachsen werden. Wie immer mehr Menschen in der westlichen Welt, sind auch Laurent und ihr Co-Regisseur Cyril Dion zu der Erkenntnis gekommen, dass es so nicht mehr weitergeht, dass sich etwas ändern muss. Nur was?
 
In fünf losen Kapiteln – von Ernährung, über Wirtschaft bis zu Bildung – beschreiben Dion und Laurent Möglichkeiten, wie einzelne Menschen, aber auch größere Gruppen, Dinge ändern, nachhaltiger leben, weniger Abfälle produzieren, sich besser ernähren. Gemüsegärten, die zwischen den Industrieruinen Detroits entstehen, werden da etwa gezeigt, Ökofarmen, fern der Monokulturen großer Landwirtschaftsproduzenten, den Legebatterien und Tierfabriken. In Kopenhagen werden Methoden präsentiert, um die Menschen vom Auto aufs Fahrrad oder in öffentliche Verkehrsmittel zu bekommen, in kleinen, englischen Städten alternative Währungen vorgestellt, die frei von den Verwerfungen des Marktes funktionieren, in San Francisco Fabriken, die Hausmüll in Düngemittel umwandeln und so weiter und so fort.
 
Trotz der enormen Menge an kleinteiligen Informationen, Interviewschnipseln mit Experten zu zahlreichen Bereichen, machen es sich Dion & Laurent nicht zu leicht. Wenn es etwa darum geht, ob es Alternativen zur industriellen Landwirtschaft gibt, wird nicht einfach behauptet, dass Kleinbauern produktiver wirtschaften, sondern auch das Gegenargument mitgedacht: Ob es denn möglich ist, dass die gesamte Menschheit auf diese Weise ernährt werden kann? Eine unabhängige Antwort auf diese Frage zu hören, wäre interessant und führt direkt zum größten Problem von "Tomorrow": Die hier gezeigten Vorschläge und Lösungsansätze sind in erheblichem Maß auf die erste Welt zugeschnitten, wirken zum Teil wie Luxuslösungen für Luxusprobleme, sind aber oft kaum geeignet, die drängenden Probleme der Entwicklungsländer zu lösen.
 
So schön es für manche Menschen auch sein mag, in einem Garten zu arbeiten, mit den Händen den Boden zu bearbeiten, Setzlinge zu pflanzen und wohlschmeckendes Gemüse zu ernten: Für die allermeisten Menschen ist dies ganz gewiss keine Alternative, aus zeitlichen und finanziellen Gründen. Wenn dann auch noch ein Ernährungswissenschaftler durch die Landschaft schlendert, Beeren von einem Busch pflückt und bemerkt, dass die Menschen sich weniger von Getreideprodukten ernähren sollten, als von Beeren und Nüssen, mag das zwar richtig sein, hilft einer am Hungertuch nagenden Familie in Äthiopien aber auch nicht weiter.
 
Viele der beschriebenen Lösungen brauchen enorme Mengen an Zeit und Geld, zwei Dinge, die in Entwicklungsländern meist nicht vorhanden sind, dafür aber in der ersten Welt. Da ist es dann auch möglich, dass sich eine reiche Kleinstadt wie Kopenhagen darüber Gedanken macht, wie sie in einigen Jahren emissionsfrei sein kein und noch mehr Menschen Rad fahren. Dass ist sicher schön und erfreulich für die Dänen, ist für den Slumbewohner in Dhaka, Lagos oder einer anderen Mega-Stadt aber nicht im entferntesten erreichbar.
 
Dass Dion, Laurent und ihre Freunde sich engagieren, ihre Gedanken über ein umweltfreundlicheres, nachhaltigeres Leben in einem fraglos informativen Film verarbeiten, ist aller Ehren wert. Aber so zu tun, als würden hier Lösungen präsentiert, die außerhalb der Enklaven der ersten Welt für die grundlegenden Veränderungen sorgen könnte, die notwendig wäre, um die Welt zu retten, ist fragwürdig und schmälert das Vergnügen an einem sonst so engagierten Film.
 
Michael Meyns