Tony Conrad – Completely in the Present

Vielleicht hat er einfach zu viel gemacht: Musik, Film, Kunst, Unterrichten. Der amerikanische Musik-Film-Medien-Künstler Tony Conrad war ein Multitalent, ist aber selbst in seiner Heimat kaum mehr als eine Randfigur geblieben – noch. Denn nicht zuletzt Tyler Hubbys Dokumentation „Tony Conrad – Completely in the Present“ sollte dabei helfen, Conrad seinen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern.

Webseite: www.tonyconradmovie.com

Dokumentation
USA 2017
Regie & Buch: Tyler Hubby
Länge: 97 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 11. Januar 2018

FILMKRITIK:

Während der Dreharbeiten zu dieser Dokumentation ist Tony Conrad 2016 verstorben, fast möchte man sagen bezeichnenderweise, denn der aus New Hampshire stammende Künstler war zwar sehr oft dabei, wenn in der New Yorker Kunstwelt Experimentelles geschah, doch breitere Anerkennung blieb ihm meist versagt. Das ändert sich langsam, zumal immer deutlicher wird wie groß der Einfluss von Tony Conrad tatsächlich war.
 
Anfang der 60er Jahre schuf Conrad zusammen mit John Cale und La Monte Young das, was später als musikalischer Minimalismus bekannt werden sollte: Fernab gewöhnlicher Töne experimentierten sie mit hypnotischen Soundcollagen und schrieben Soundtracks zu Experimentalfilmen. Den Ruhm heimste jedoch in erster Linie La Monte Young ein, der absurderweise beanspruchte die eigentlich dezidiert nicht komponierte, sondern im Moment des Zusammenspiels entstandene Musik komponiert zu haben. Vermutlich war Conrad ein zu netter Mensch, um sich lange mit diesem Ärgernis aufzuhalten, stattdessen machte er einfach weiter.
 
Sein Freund John Cale begründete derweil die legendären Velvet Underground, Conrad dagegen kochte auf kleinerer Flamme und begann sich, so wie auch andere Künstler der Zeit, allen voran Andy Warhol, mit dem Kino zu befassen. Allerdings nicht dem narrativen, sondern dem betont experimentellen. Das Ergebnis war der Experimentalfilm „The Flicker“, der 30 Minuten lang genau das zeigt: Das Flackern weißen Lichts, unterlegt mit dissonanten Tönen. Direkt ins Nervenzentrum soll diese Arbeit zielen und Effekte erzeugen, die dem ähneln, was halluzinogene Drogen erzeugen.
 
1966 war das, Conrad gerade 26 Jahre alt, doch am Ende war er noch nicht. In den 70er Jahren arbeitete er mit den Krautrockern Faust, wurde Professor für Musikwissenschaft, drehte für einen Offenen Kanal Sendungen und so weiter und so fort. Schier unermüdlich wirkt Tony Conrad, der offenbar im Schatten von weit berühmt gewordenen Künstlern eine Nische gefunden hatte und zufrieden damit war, immer weiter arbeiten und experimentieren zu können.
 
Vor allem aus Archivmaterial besteht nun Tyler Hubbys Dokumentarfilm, faszinierende Aufnahmen aus der New Yorker Kunstszene der 60er Jahre, Ausschnitte aus Conrads Filmen, Konzertmitschnitte, aber auch Interviews mit Weggefährten und natürlich Conrad selbst.
 
„You don’t know who I am, but you’ve been affected by the things I did.“ sagte er in einem seiner letzten Interviews, das er 2016 gab, grob übersetzt: „Ihr kennt vielleicht nicht meinen Namen, aber ihr wurdet davon beeinflusst, was ich gemacht habe“, was gut zusammenfasst was Tony Conrad so bemerkenswert und diesen Film so sehenswert macht: Ein Künstler, der im Lauf der Jahre in vielfältigen Bereichen seine Spuren hinterlassen hat, selbst nie wirklich berühmt wurde, aber andere Künstler beeinflusste und dadurch selbst, quasi aus dem Schatten heraus, zu einem der einflussreichsten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts wurde.
 
Michael Meyns