Tore tanzt

Rigorose Filme sind Raritäten, entsprechend hoch ist die Resonanz. Wie einst bei „Chiko“ oder „Picco“ war der Festival-Rummel um das Debüt von Katrin Gebbe enorm. In Cannes gab es Ministerbesuch, stehende Ovationen sowie frenetische Kritiken – aber auch vehemente Buhrufe verstörter Zuschauer. Gut so, denn dieses Täter-Opfer-Psychodrama ist harter Tobak. Der junge Titelheld Tore erlebt bei einer Gastfamilie ein Martyrium des Missbrauchs. An dieser Versuchsanordnung über Macht und menschliche Abgründe hätte ein Michael Haneke gewiss seine cineastische Freude.

Webseite: www.tore-tanzt.com

D 2013
Regie: Katrin Gebbe
Darsteller: Julius Feldmeier, Sascha Alexander Gersak, Annika Kuhl, Daniel Michel
Filmlänge: 110 Minuten
Verleih: REM
Kinostart: 28. November

PRESSESTIMMEN:

"Harter Stoff, manchmal an der Grenze der Glaubwürdigkeit – aber eine Geschichte, die so noch nie erzählt wurde. Fantastisch gespielt."
Brigitte

FILMKRITIK:

Gute-Laune-Kino geht anders. Provokation statt Popcorn-Feeling heißt die Devise von Jung-Regisseurin Katrin Gebbe, deren Kinodebüt es als einziger deutscher Beitrag in diesem Jahr in das Hauptprogramm von Cannes geschafft hat. Dass der Film in letzter Minute nachnominiert wurde, deutete bereits vorab auf die besonderen Qualitäten, die von euphorischen Kritiken bestätigt werden sollten – und der 30jährigen Filmemacherin prompt einen Vertrag mit einer großen Hollywood-Agentur bescherte!

Der Titelheld Tore will allen Menschen nur das Beste. Ein naiver, blondgelockter junger Mann, der Jesus liebt und christliche Nächstenliebe um jeden Preis praktiziert. Als seine Punk-Gemeinde namens „Jesus Freaks“ ihn durch Sex-Abenteuer enttäuscht, flieht er vor den unkeuschen Freunden und findet alsbald Unterschlupf beim gemütlichen Benno. Der Familienvater stellt ihm in der Schreberkolonie freundlich ein Zelt in den Garten – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Ein scheinbar versehentlicher Schlag auf die Nase wird alsbald jedoch zum Auftakt eines Martyriums für den arglosen Helden. Immer schlimmer wird der Psychoterror des jähzornigen Benno, der nicht nur den jungen Gast verprügelt, sondern auch die eigene Stieftochter missbraucht. Die beiden Opfer halten zusammen, doch sie schaffen es nicht, sich zu wehren. Selbst nach einem Klinikaufenthalt nutzt Tore nicht die Chance zur Flucht, sondern kehrt zu seinem Peiniger zurück. Die Spirale der Misshandlungen dreht sich immer schneller. Der schmächtige Junge wird zur Prostitution gezwungen, „Jesus liebt mich“, redet er sich unter der Dusche nach einer brutalen Vergewaltigung ein. Bei einem harmlosen Pantomime-Spiel mit seiner seltsamen Gastfamilie geraten die Dinge schließlich völlig außer Kontrolle. Der ganz große Schock folgt schließlich im Abspann: „Nach einer wahren Geschichte“!

Im Unterschied zum vorauseilenden Mittelmaß-Gehorsam vieler Jungfilmer verzichtet Katrin Gebbe auf die gängigen Weichspüler und geht konsequent ihren Weg des kompromisslosen Kinos. Keine gefällige Küchenpsychologie aus dem sozialpädagogischen Poesiealbum, keine erbaulichen Erklärungsangebote. Stattdessen ein gnadenloser Blick auf Mechanismen von Macht und Missbrauch. Je friedfertiger das Opfer, desto aggressiver der Täter. Je weniger sich Tore wehrt, desto brutaler wird er geschlagen. Der Kampf zwischen Gut und Böse als Passionsgeschichte, bei der es vor christlicher Symbolik nur so wimmelt. Wie bitterer Hohn wirken die Überschriften der drei Kapitel: „Glaube, Liebe, Hoffnung“ – eine zufällige Schnittmenge mit der Trilogie des
seelenverwandten Ulrich Seidl.

Gewichtigen Anteil an der Glaubwürdigkeit und Intensität des Dramas haben die beiden glänzenden Hauptakteure. Newcomer Julius Feldmeier gibt den schmächtigen Schwächling mit überzeugender Leidensfähigkeit. Derweil Sascha Alexander Gersak nach seiner tour de force als Folteropfer in „Fünf Jahre Leben“ nun als beängstigend wirkender Peiniger auftritt. Nicht zuletzt ist diesem Duo zu verdanken, dass aus „Tore tanzt“ der verstörendste Film dieses Jahres wurde. Eine echte Zumutung – die sich jedoch lohnen kann!

Dieter Oßwald