Toro

Als Abschlussfilm an der Kölner Kunsthochschule für Medien gedreht, feierte Martin Hawies „Toro“ im Rahmen der Hofer Filmtage 2015 seine Premiere. Ein überzeugendes Drama ist dem aus Peru stammenden Hawie mit seinem Film gelungen, das sich zwischen den Niederungen des Drogenstrichs und exklusivem Escort-Service bewegt und dazwischen von der Freundschaft zweier Außenseiter erzählt.

Webseite: www.missingfilms.de

Deutschland 2015
Regie: Martin Hawie
Buch: Laura Harwarth & Martin Hawie
Darsteller Paul Wollin, Miguel Dagger, Leni Speidel, Kelvin Kilonzo, Christian Wagner, David Hürten, Meike Gottschalk
Länge: 84 Minuten
Verleih: missingFILMs
Kinostart: 27. April 2017

FILMKRITIK:

Eigentlich heißt er Piotr (Paul Wollin) doch er wird nur Toro, Stier, genannt, ein Spitzname, der allerlei Konnotationen weckt. Aus Polen ist Toro einst nach Deutschland gekommen, geflohen vor der grassierenden homophoben Stimmung, in deren Augen er sich verdächtig verhalten hat. Dabei verdient Toro sein Geld als Escort-Boy, trifft wohlhabende Frauen in Hotelzimmern, denen er für ein paar Momente das Gefühl verschafft, begehrt zu werden. Zumindest dann, wenn er kann, wenn ihn seine Manneskraft nicht im Stich lässt, weil er zu sehr an Victor (Miguel Dagger) denkt, seinen Freund, der er seit Jahren fast wie einen Bruder beschützt und zu dem er sich mehr als freundschaftlich hingezogen fühlt. So wie Toro verkauft auch Victor sich, allerdings auf dem harten Pflaster des Kölner Straßenstrichs, wo er für ein paar Euro mit Männern ins Gebüsch geht. Seine Drogensucht, sein wachsender Ekel vor sich selbst machen Victor zu schaffen, er hat hohe Schulden und dann steht auch noch seine Schwester Emilia (Leni Speidel) vor der Tür. Auf einmal ist das fragile Gefüge zwischen Toro und Victor gefährdet, sieht sich der willensschwache Victor dazu gezwungen, sich zwischen Toro und Emilia zu entscheiden und verrät mit Toro den einzigen Freund, den er wirklich hatte.
 
Wie der Titel schon andeutet liegt der Fokus von Martin Hawies Abschlussfilm in erster Linie auf Toro, dem einsamen Stier, der seinen Weg im Leben sucht. Eine gute Entscheidung, zumal Hawie mit dem Debütanten Paul Wollin einen tollen Hauptdarsteller gefunden hat, der trotz seiner Unerfahrenheit als Schauspieler, durch und durch überzeugt. Weniger durch ausgefeiltes Spiel, als durch seine physische Präsenz vor der Kamera, einen Blick, der mal unsicher, mal selbstbewusst wirkt. Mal erzählt Toro geradezu sehnsüchtig von seinem Wunsch, in die polnische Heimat zurückzukehren, mit dem über lange Jahre ersparten Geld, ein neues Leben zu beginnen, dann reagiert er sich am Punchingball ab, deutet die Aggressivität an, die in ihm schlummert und bald unweigerlich ausbricht.
 
Ein düsteres Sujet hat sich Hawie ausgesucht, den Straßenstrich Kölns, der unweigerlich auch von Drogen geprägt ist, in dem viele Migranten aktiv sind, die ohnehin am Rand der Gesellschaft, mit oft mehr als einem Bein in der Illegalität leben. Einen Ausweg aus dieser Existenz scheint es kaum zu geben, die Spirale der Gewalt unausweichlich, doch auch wenn Hawie diese Realität konsequent annimmt und seine Geschichte dementsprechend zu Ende bringt, suhlt er sich nicht im Elend.
 
Die scharfen Schwarzweiß Bilder seines Kameramanns Brendan Uffelmanns vermeiden jegliche Ästhetisierung, erzeugen statt dessen eine düstere, schwermütige Atmosphäre, in der sich das Drama einer zum Scheitern verurteilten Freundschaft schonungslos entfaltet. Schwere Kost ist „Toro“ zwar, aber auch ein sehenswerter, viel versprechender Abschlussfilm.
 
Michael Meyns