Touch Me Not

Völlig überraschend wurde Adina Pintilies „Touch Me Not“ bei der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, eine Auszeichnung der Jury um Tom Tykwer, die teils mit Begeisterung, teils mit Unverständnis und Entsetzen bewertet wurde. Diese vielfältigen Urteile sind in jedem Fall ein Zeichen dafür, dass es Pintilie in ihrem ersten Langfilm gelungen ist, das universelle Thema Sexualität auf ungewöhnliche, provokante und spannende Weise anzugehen.

Webseite: www.touchmenot.de

Rumänien, Deutschland, Tschechien, Bulgarien, Frankreich 2017
Regie, Buch, Schnitt: Adina Pintilie 
Darsteller: Laura Benson, Tómas Lemarquis, Christian Bayerlein, Grit Uhlemann, Adina Pintilie, Hanna Hofmann, Seani Love, Irmena Chichikova, Rainer Steffen, Georgi Naldzhiev, Dirk Lange, Annett Sawallisc
Länge: 125 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 1. November 2018

FILMKRITIK:

Wollte man „Touch Me Not“ auf eine narrative Handlung reduzieren, würde sich das ungefähr so lesen: Eine Regisseurin (Pintilie selbst), will einen Film über Formen der Sexualität drehen, über Nähe und Intimität. Zu diesem Zweck führt sie Gespräche mit unterschiedlichsten Menschen. Laura (Laura Benson) etwa, versucht mittels diverser Methoden, ihre Unfähigkeit zu physischer Lust zu überwinden. Sie trifft verschiedene Therapeuten und Sexarbeiter und entdeckt dabei verborgene Lüste.
 
Auch Tómas (Tómas Lemarquis) sucht nach einer Trennung neue Formen der Nähe und trifft bei einem Workshop auf Christian (Christian Bayerlein), der seit seiner Geburt schwer behindert und teils deformiert ist, jedoch einen besonders gelassensten Umgang mit sich, seinem Körper und seiner Sexualität hat.
 
Diese drei Haupt- und diverse Nebenfiguren filmt Pintilie in langen Einstellungen, meist in hellen, oft grellen, von weißen Farben geprägten Räumen, die dem Treiben bisweilen eine klinische Note geben. Ein Spielfilm im klassischen Sinn ist „Touch Me Not“ jedoch nicht, denn die Akteure spielen nicht Rollen, sondern Figuren, die mehr oder weniger direkte Varianten ihrer eigenen Persönlichkeit sind.
 
Fließend sind dabei die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation: Während etwa die Szenen mit Bayerlein – der lange Zeit als Inklusionsbeauftragter im Koblenzer Stadtrat arbeitete und seinen Posten verlor, weil er sich auf seiner privaten Website sehr explizit mit seinem Körper und seiner Sexualität auseinandersetzte – weitestgehend dokumentarisch sind, sind viele der Szenen mit dem vor allem aus „Noi Albinoi“ bekannten Schauspieler Tómas Lemarquis deutlicher inszeniert.
 
Enorm viel Vertrauen müssen sämtliche Teilnehmer dieses Filmprojekts zueinander und besonders zur Regisseurin entwickelt haben, die den Film über Jahre drehte, ihn in Workshops zusammen mit den Akteuren entwickelte, sie mit ihrer Sexualität und ihren Begierden konfrontierte und die Ergebnisse zu einem mehr als ungewöhnlichen Film formte, der sich gewöhnlichen Konventionen entzieht.
 
Nicht alles funktioniert dabei, manche Momente wirken aufgesetzt und zu forciert, und dass die ausgestellte Nacktheit, gerade auch von Menschen, die ganz und gar nicht den konventionellen Schönheitsidealen entsprechen, für viele Zuschauer eine Provokation darstellen dürfte, steht außer Frage. Doch gerade die Beiläufigkeit, mit der Pintilie alle ihre Akteure in mehr oder weniger großer Nacktheit und vor allem Intimität zeigt, ist die größte Qualität des Films.
 
Unterschiedlichste Formen der Sexualität beschreibt Pintilie, stellt sie vorurteilslos und gleichberechtigt nebeneinander, und kommt ihren Akteuren dadurch nicht nur körperlich, sondern vor allem emotional nah. Schönheit liegt im Auge des Betrachters heißt es in einem dieser gern zitierten Sprüche, die meist nur so dahingesagt werden. „Touch Me Not“ nimmt ihn ernst und zwingt den Zuschauer, der sich auf dieses filmische Experiment einlässt, die eigenen Vorstellung von Schönheit und Scham zu hinterfragen.
 
Michael Meyns