Tour de France

„Tour de France“, der zweite Spielfilm von Rachid Djaïdani, der ansonsten eher als Autor und Dokumentarfilmer bekannt ist, schickt ein ungewöhnliches Duo auf Frankreichreise. Serge Desmoulins, gespielt von Gérard Depardieu, ist ein sturköpfiger, rassistischer, kleinbürgerlicher Tischler mit einer Passion für den französischen Hafenmaler des 18. Jahrhunderts Claude Joseph Vernet. Far’Hook, gespielt vom Rapper Sadek, ist ein eher introvertierter Pariser Hip Hopper, der eine Weile untertauchen muss. Durch eine Verkettung von Umständen finden sich die beiden auf einer Rundreise durch die französischen Hafenstädte wieder, die Vernet gemalt hat.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Frankreich 2016
Regie: Rachid Djaïdani
Drehbuch: Rachid Djaïdani
Darsteller: Gérard Depardieu, Louise Grinberg, Sadek , Nicolas Marétheu
Kamera: Luc Pagès
Länge: 95 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 19.01.1017

FILMKRITIK:

Im französischen Buddy-Movie TOUR DE FRANCE spielt der französische Großschauspieler Gérard Depardieu den konservativen Kleinbürger und passionierten Hobbymaler Serge Desmoulins, dessen großer Lebenstraum es ist, einmal alle Hafenbilder des Malers Claude  Joseph Vernet (1714-1789) nachzumalen. Die andere Hälfte des ungleichen Duos gibt der französische Rapper Sadek, der Far’Hook spielt, einen Pariser Hip Hop Star, der wegen eines idiotischen Bandenvorfalls die Stadt eine Zeit lang verlassen muss. Sein Produzent Bilal, der zufälligerweise der zum Islam übergetretene Sohn Desmoulins ist, nutzt die Situation, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Er verpflichtet Far’Hook als Fahrer für die Hafentour des grantigen Desmoulins und besorgt ihm damit ein Cover, drückt sich aber auch selbst vor einer Reise, die er dem Vater schon lange versprochen hatte.
 
Wie zu erwarten fängt die Reise eher schlecht an. Dem misstrauischen Desmoulins passt schon der Fahrstil Far’Hooks nicht. Far’Hook, mehr schüchterner Mützenträger als aggressiver Gangsta-Raüpper, ist dagegen genervt, dass Desmoulins ihn ständig als Araber und nicht als Franzosen anspricht. Der Alltagsrassismus von Desmoulins trifft auf das totale Desinteresse an weißer Hochkultur seitens Far’Hook, der lieber mit dem Kopfhörer auf den Ohren durch die Häfen streunt, Videoimpressionen mit deiner Handykamera filmt, oder sich mit den Hafenarbeitern unterhält.  Aber natürlich nähern sich die beiden im Lauf der Reise an, und erkennen schließlich sogar, dass sie eigentlich beide zu den Unterprivilegierten der französischen Gesellschaft gehören, einander also her unterstützen als bekämpfen sollten. Als es hart auf hart kommt, ist es Desmoulins der zu seinem neuen Kumpel Far’Hook steht, nicht sein Sohn, der konvertierte Hip Hop Produzent.
 
Regisseur Rachid Djaïdani wuchs in der Banlieue als Sohn eines algerischen Arbeiters und einer Sudanesin auf und arbeitete als Stukkateur, Boxer, Schauspieler und Autor bevor er sich dem Dokumentarfilm zuwandte. Er versteht die Welt, aus der Far’Hook stammt und die Vorurteile, denen er ständig begegnet. In seinem Film geht es ihm nicht nur darum, Verständnis zwischen den beiden unterschiedlichen Protagonisten herzustellen, sondern auch darum, Frankreich als immer schon multikulturelles Gebilde zu schildern. Auf ihrer Frankreichreise treffen die Helden dann zum Beispiel auf Basken, die ihre eigene Sprache sprechen und Musiktradition pflegen. Sie lernen einander nicht nur als Personen schätzen, sondern auch etwas über die verschiedenen französischen Milieus, aus denen sie stammen.
 
Dieses grundsätzlich  sympathische Anliegen ist in der Umsetzung allerdings ziemlich vorhersehbar und holprig geraten. Wohin die Reise geht ist ohnehin von Anfang an klar, aber auch die Konflikte unterwegs bleiben so an der Oberfläche und lösen sich so schnell in Wohlgefallen auf, dass bis zum ziemlich aus der Luft gegriffenen Showdown kaum Spannung entsteht. Derweil schwankt eine unentschlossene Bildgestaltung zwischen einem Realismus, der in der Stadt gut funktioniert, mit der französischen Hafenidylle allerdings weniger anzufangen weiß, und unmotiviert eingestreuten Impressionen von Far’Hooks Kamera.
 
Hendrike Bake