Tour du Faso

Die „Tour du Faso“ ist nicht nur das Jahreshighlight eines afrikanischen Landes, in dem sich das Fahrrad besonderer Beliebtheit erfreut, sondern auch ein Aufeinandertreffen von ehemaligen Kolonisatoren und Kolonisierten. Wilm Huygens Dokumentarfilm verbindet das Sportereignis und die kulturellen Differenzen zu einem spannenden Gesamtwerk, das sowohl unterhält als auch zur Reflektion auffordert.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2013 – Dokumentation
Regie: Wilm Huygen
Filmlänge: 93 Min.
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 29. Mai 2014
 

FILMKRITIK:

Wer hätte gedacht, dass Burkina Faso nicht nur ein kleines Land in Westafrika, sondern auch eine Hochburg des Radsports ist? Seit 1987 findet hier alljährlich die „Tour du Faso“ statt, ein Etappenrennen, an dem Teams aus ganz Afrika und Europa teilnehmen. In seinem Dokumentarfilm „Tour du Faso“ begleitet Regisseur Wilm Huygen dieses sportliche Großereignis aus der Sicht der Fahrer und erzählt wie nebenbei auch eine Geschichte über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

„Tour du Faso“ beginnt mit dem Austragungsorts des Wettbewerbs. Die Omnipräsenz des Fahrrads in Burkina Faso sticht umgehend ins Auge und wird durch die Aussagen verschiedener Protagonisten untermauert, die von der Bedeutsamkeit des Vehikels für die eigene Kultur berichten. Die „Tour des Faso“ schließlich ist nicht nur das Highlight eines Radsport-verrückten Volks, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Ereignis. Auf dem Sattel treten die Afrikaner gegen ihre ehemaligen Kolonialherren an und der Sieg gegen die europäischen Teams ist immer auch ein kleiner Beweis der eigenen Unabhängigkeit und Stärke. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Sportereignis besondere Bedeutung und spätestens wenn das deutsche Team in Burkina Faso eintrifft, ist auch der Zuschauer gespannt, wie das Wettrennen Afrikas gegen Europa ausgehen wird.

Indem er sich die Dramaturgie des Rennens selbst zu Nutze macht, entwirft Wilm Huygen einen funktionalen Spannungsbogen, der den Zuschauer unabhängig von seiner Sportbegeisterung souverän durch den Film führt. Das Kopf-an-Kopf-Rennen der Protagonisten entpuppt sich als besonders aufregend, gerade weil die verschiedenen Teams sich auch in ihrer Motivation und Herangehensweise an den Sport unterscheiden. Während sich Huygen zu Beginn des Films sehr stark dem lokalen Team widmet, begleitet er während des Wettbewerbs vornehmlich die deutschen Sportler. Dabei entsteht ein Kontrast zwischen der Frohnatur der Menschen Burkina Fasos und den stets kritischen Deutschen, die sich einerseits überlegen und durch die kulturellen Differenzen auf der Rennstrecke sabotiert fühlen.

Schnell wird klar, dass auch Begriffe wie „Teamgeist“ und „Sportlichkeit“ nicht überall gleichermaßen interpretiert werden. Die einen kämpfen für ihr Land, die anderen für den Sieg. Die einen arbeiten als Radteam strategisch, die anderen sehen ihre ganze Nation als Team während sie auf der Rennstrecke mit schier unerschöpflichem Kampfgeist auch alleine zum Sieg fahren. Zuweilen verlagert sich der Wettbewerb von der Strecke in die Zeltlager. Die Deutschen beschweren sich über das „unsportliche“ Verhalten der Nordafrikaner und auch die Fahrer aus Burkina Faso sind enttäuscht über die fehlende afrikanische Loyalität des Teams aus Algerien. Niemals jedoch überlagern diese kulturellen Dissonanzen den eigentlichen Wettbewerb. In einem sind sich alle einig: Sie wollen die „Tour du Faso“ gewinnen.

„Tour du Faso“ ist viel mehr als nur ein Film über ein in Deutschland kaum bekanntes Radsportereignis. Wenn auch aus einer durchweg europäischen Perspektive, die zuweilen zum Lachen über die kulturellen Eigenheiten des Landes Burkina Faso verführt, stellt Wilm Huygen anhand einzelner Sportler verschiedene Kulturen nebeneinander. Somit erzählt er nicht nur etwas über das Fremde, sondern auch über das Bekannte, nämlich über uns selbst, die Deutschen. Die gelungene Dramaturgie und eine Musikuntermalung, die mit afrikanischen Rhythmen die gute Laune der Menschen auf der Leinwand in den Zuschauerraum des Kinos vermittelt, machen „Tour du Faso“ darüber hinaus zu einem unterhaltsamen Film, der Lebensfreude transportiert und Begeisterung weckt – Begeisterung für den Radsport, aber vor allem Begeisterung für die Begeisterung selbst.
 
Sophie Charlotte Rieger