Tournee

Man kann sagen: „Tournee“ handelt von einer bizarren amerikanischen Burlesque-Truppe, die durch Frankreich tingelt. Man kann aber auch sagen: Es gibt eigentlich keine Geschichte, es gibt nur das Herumziehen, das stets weitergeht, wie diffus auch immer. Mathieu Amalric, der als Autor, Regisseur und männlicher Hauptdarsteller sämtliche künstlerischen Freiheiten auf sich vereinigt, nimmt den Zuschauer buchstäblich mit auf eine Reise, bei der er weniger eine Geschichte erzählen als ein Gefühl vermitteln will: das Gefühl des Unterwegsseins, mit dem er das Leben auf und jenseits der Bühne in allen Facetten zu fassen versucht.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Frankreich 2010
Buch und Regie: Mathieu Amalric
Kamera: Christophe Beaucarne
Darsteller: Mathieu Amalric, Mimi Le Meaux, Kitten on the Keys, Dirty Martini, Evie Lovelle, Julie Atlas Muz, Roky Roulette
Filmlänge: 111 Minuten
Verleih: Farbfilm
Kinostart: 8. September 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Hauptattraktionen drängen gleich zu Beginn ins Bild. Es sind die ausladenden Formen der Tänzerinnen, die für den Auftritt geschmückt werden mit aberwitzigen Kostümen und versteckten Requisiten. Die Damen helfen sich beim Schminken und streichen sich Klebstoff um die Brustwarzen, damit dort Federbüschel Halt finden. Ihre Bühnennummern sind unterschiedlich angelegt, enden aber immer damit, dass die Tänzerinnen fast nackt vor dem Publikum stehen, obwohl ihre Körper nicht den marktgängigen Normen entsprechen. Doch das gehört zum sinnlichen wie feministisch-lesbischen Selbstverständnis der Darstellerinnen. Schaut her, jeder Körper hat etwas zu bieten, und man kann sich auch über ihn lustig machen. So lautet in etwa die Botschaft.

Die Tänzerinnen greifen in ihren Shows die Burlesque-Tradition der zwanziger Jahre auf, erotisch durchwirkte Tanz- und Gesangsnummern, die sich in späteren Jahren zum Striptease entwickelten. Gespielt werden sie von echten Burlesque-Darstellerinnen mit so klingenden Namen wie Mimi Le Meaux und Dirty Martini und gedreht wurde bei richtigen Shows, die die Fetisch-und-Fummel-Truppe für den Film in Frankreich gab. Beides verleiht „Tournee“ trotz seines Spielfilmcharakters einen dokumentarischen Anklang, ein kluges Stilmittel, das die exzentrischen Shows sowie die Dramen und Niederungen des Alltags zum Fluss des Lebens verschwimmen lässt. Statt stilistischer Überhöhungen á la Lustig ist das Komödiantenleben gibt es bodennahe Realitäten zu sehen. Die Damen haben zwar schon ihren Spaß und gackern bevorzugt bei viel Champagner, was das Zeug hält, aber sie müssen auch den öden, billigen Hotels trotzen, der zuweilen harschen Kritik an ihren manchmal in der Tat vulgären bis albernen Entkleidungs-Choreografien, dem Leerlauf der langen Zug- und Autofahrten, der Einsamkeit in einem fremden Land. „Man ist irgendwo, ohne wirklich dort zu sein“, fast Amalric die Grundstimmung des Tournee-Lebens zusammen, die auch seinen Film durchzieht.

Der Schaupieler und Regisseur, hierzulande durch „Schmeterling und Taucherglocke“ sowie als Gegenspieler Daniel Craigs im Bond-Film „Ein Quantum Trost“ bekannt geworden, verkörpert in „Tournee“ den Produzenten und Anführer des bunten Haufens. Eine zwiespältige Figur, die zwischen Mutter der Kompanie und destruktivem Egozentriker pendelt. Er begibt sich neben der Tour auf eine zweite Reise nach Paris, der Stadt, in der einst als Fernsehproduzent lebte und in der er offenbar verbrannte Erde hinterließ. Was genau der Impresario alles anstellte, bleibt unklar. Aber in seinen Begegnungen mit seinem Bruder, alten Weggefährten, seiner Geliebten und selbst mit seinen beiden kleinen Söhnen schlägt ihm eine Menge Hass entgegen. Und in seiner selbstsüchtigen Art bringt er erneut alle gegen sich auf. Ob das ein Versuch war, Vergangenheit und Gegenwart in Einklang zu bringen, bleibt offen wie vieles andere in dieser Geschichte der Andeutungen und flüchtigen Momente. Auch über die Vergangenheit und die Biografien der Tänzerinnen verrät der Film so gut wie nichts. Man kann das als fehlende Grundierung empfinden oder als konsequente Verankerung des Geschehens im Hier und Jetzt. Was war, hat wenig Bedeutung. Das Leben passiert jetzt im Moment, das scheint die Haltung der rastlosen Truppe zu sein. Und immer ist das Leben eine Mischung aus Theater und Wahrheit, aus falschen Wimpern der Tänzerinnen und echtem Oberlippenbart des Produzenten, an dem eine der Damen mal kräftig zupft, um herauszufinden, ob er nicht doch angeklebt ist.

Volker Mazassek

Joachim Zand war einst im französischen Showgeschäft eine nicht zu unterschätzende Größe. Aber eines Tages hatte er von Paris die Nase voll und ging nach Amerika. Offenbar floss dort auch nicht nur Milch und Honig, und so kehrt er jetzt nach Europa zurück.

Im Gepäck hat er das bekannte New Cabaret Burlesque, ein halbes Dutzend (schon ziemlich berühmte) füllige Damen mit Phantasienamen und ein Kerl, die in kleinen Theatern vor allem die Männer anmachen – entschieden mehr mit Strip und Sex als mit reiner Show plus Musik.

Privat hat Joachim auch nicht gerade das große Los gezogen. Er ist geschieden, und seinen beiden Buben ist der Vater eher fremd geworden. Jedenfalls gibt es nicht nur nette Worte und Gesten.

Joachim will mit seiner Truppe die atlantischen Küstenstädte Frankreichs bedienen, und dann einen großen Abschluss in Paris veranstalten. Leider sagt ihm ein Theaterbesitzer ab, und so muss er jetzt bei einem alten Intendanten, von dem er einst im Streit schied, nachsuchen. Vergeblich. Bei seinem Bruder hat er nicht viel mehr Glück.

Es muss eben so weitergehen, und seien die Aufführungsorte oder die in Anspruch genommenen Hotels oder Motels noch so schäbig. Zu einem Hort der Fröhlichkeit werden sie jeweils nur durch die lustigen, dem Alkohol und dem Beischlaf keineswegs abgeneigten Damen.

Erstens eine Schau: sexy, manchmal ordinär, bunt, im Eiltempo durchgespielt, von „charismatischen“ Damen dargebracht, mit viel (lauter) Musik und einer halbwegs phantasievollen Ausstattung.

Zweitens das Leben des Joachim Zand: als Produzent unermüdlich, als Mensch unglücklich, als Veranstalter meist nur halb erfolgreich, als Chef mehr oder minder anerkannt, als Vater enttäuschend und enttäuscht.

Eins ist jedoch sicher: Die Hauptrolle des Joachim Zand wird von Regisseur und Koautor Mathieu Amalric („Schmetterling und Taucherglocke“) phantastisch gespielt.

Für den Film gab es in Cannes 2010 den Preis für die beste Regie sowie die FIPRESCI-Auszeichnung.

Thomas Engel