Trautmann

Jeder Fußballfan kennt diesen Namen, und jeder andere sollte ihn ebenfalls kennen, denn Bernd Trautmann wurde nicht nur zur Torwartlegende, sondern zum Symbol für die Versöhnung zwischen Deutschland und Großbritannien nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Marcus H. Rosenmüller (u. a. WER FRÜHER STIRBT, IST LÄNGER TOT) hat die an sich schon spannende Lebensgeschichte des Ausnahmesportlers zu einem bewegenden Melodram entwickelt, das – spannend und unterhaltsam und mit einem glänzenden David Kross in der Hauptrolle – eindeutig aufs ganz große Publikum zielt. Taschentücher nicht vergessen!

Webseite: www.trautmann-film.de

Deutschland/Großbritannien 2018
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Drehbuch: Robert Marciniak, Marcus H. Rosenmüller, Nicholas J. Schofield
Darsteller: David Kross, Freya Mavor, John Henshaw, Gary Lewis, Harry Melling
Länge: 120 Minuten
Verleih: SquareOne Entertainment
Kinostart: 14.03.2019

FILMKRITIK:

Bernd „Bert“ Trautmann kommt als junger Kriegsgefangener nach England. Schon im Lager wird sein Torwart-Talent entdeckt, und so dauert es nicht lange, bis der Trainer des örtlichen Fußballclubs auf ihn aufmerksam wird und ihn sich ab und an mal ausleiht. Den Vorurteilen der Fans begegnet Bert mit Geduld und Fairness. Dank Bert gelingt es dem kleinen Provinzverein, die Klasse zu halten. Doch damit nicht genug: Bert verliebt sich in die Tochter seines Förderers und beschließt, in England zu bleiben, als der Krieg vorbei ist. Manchester City holt ihn als Torwart, obwohl die Stimmung im krisengeschüttelten Nachkriegsengland extrem deutschfeindlich ist. Schließlich gewinnt Bert mit seinem Team sogar die Meisterschaft und geht dabei in die Fußballgeschichte ein: Trotz eines Halswirbelbruchs bleibt er im Tor und rettet damit den Sieg. Soweit die Erfolgsgeschichte, doch der Film erzählt auch von privaten Schicksalsschlägen und von Trautmanns langem, manchmal verzweifelten Kampf gegen seine eigenen Dämonen.
 
Der Film, in englischer Sprache gedreht, wurde komplett synchronisiert. Das gibt am Anfang ein merkwürdiges Gefühl, denn alle sprechen wunderbar flüssig Deutsch: die Engländer, die Deutschen, Bert Trautmann natürlich, der Trainer, seine Liebste … Nanu!, sagt sich der verblüffte Zuschauer. Es wäre interessant, die englische Originalfassung zu sehen. Vielleicht ist dies ja für die Arthouse-Kinos geplant. Zumindest wäre das eine schöne Idee, den Film auch künstlerisch noch etwas aufzuwerten. So dauert es eine Weile, bis sich die Irritation gelegt hat. Dann allerdings erwartet das Publikum ein solide gebautes, bewegendes Sport-Melodram nach einer wahren Geschichte, die an sich schon emotional genug ist. Da hätte es gar nicht des sülzigen Soundtracks bedurft, der hier in allerschönster Hollywood-50er Jahre-Manier drübergelegt wurde. Das Drehbuch lässt einige reale Fakten aus, die den Handlungsfaden aufgehalten oder das Gesamtbild womöglich getrübt hätten. Das ist dramaturgisch vertretbar und manchmal geradezu notwendig, zumal ein paar zusätzliche Aspekte ins Spiel kommen, die – erfunden oder nicht – der Story noch mehr Ernsthaftigkeit geben. Dazu gehört vor allem Berts Kriegstrauma. Marcus H. Rosenmüller hat den alten Bert Trautmann noch kennengelernt, und so ist zu vermuten, dass der junge Soldat tatsächlich vieles gesehen und miterlebt hat, was ihm bis zum Tod zu schaffen machte.
 
Ansonsten setzt Marcus H. Rosenmüller gelegentlich inszenatorisch noch einen drauf und scheut dabei auch nicht vor großen Gefühlen zurück, so dass am Ende vermutlich sogar die härtesten männlichen Sportlerseelen im Publikum feuchte Augen bekommen. David Kross (u. a. DER VORLESER) spielt Bernd Trautmann als lediglich äußerlich stabilen Kerl, der den Sport als willkommene Ablenkung begreift, um mit seinem Kriegstrauma fertig zu werden. Mit seinem liebenswerten, feinen Lächeln erobert er nicht nur das Herz seiner Liebsten, sondern bezaubert auch das Publikum, zumal er nicht nur seinen virilen Charme, sondern auch hier und da Gefühle zeigen darf, die von der inneren Zerrissenheit zeugen, mit der viele Kriegsüberlebende zu kämpfen haben und hatten. An seiner Seite spielt Freya Mavor das durch und durch brave englische Mädchen, das zumindest zu Beginn dem jungen, hübschen Kerl mehr abgewinnt als seinem Sport. Wie sie aus Liebe ihre Abneigung gegen den Fußball ebenso los wird wie die gegen Deutschland und die Deutschen, ist dabei ebenso glaubwürdig wie ihr späterer Einsatz für ihren Mann, der sich in seiner ersten Zeit in Manchester mit Hass und Vorurteilen konfrontiert sieht. John Henshaw, ein erfahrener britischer TV-Darsteller, gibt Berts Entdecker Jack Friar viel Humor und über das Klischee hinaus eine sehr liebenswert menschliche Komponente. Er ist ein Trainer, wie er sein soll: verständnisvoll, aufopfernd und ermutigend. Dank der guten Darsteller und einer straffen Erzählweise bleibt der Film spannend und unterhaltsam, wobei eingefleischte Fußballfans den Höhepunkt kennen werden: das legendäre Meisterschaftsfinale 1956, bei dem Bert Trautmann schwer verletzt wurde und trotz eines Genickbruchs weiter im Tor blieb. – Zur Erklärung: Damals gab es noch keine Auswechslungsregeln, so dass seine Mannschaft zu zehnt hätte weiterspielen müssen. Bis er 41 Jahre alt war, blieb Trautmann Torwart und war anerkanntermaßen einer der besten der Welt. Dass nach seinem Abschied vom aktiven Sport „sein Tor“ im ManCity-Stadion abgebaut wurde, damit nie wieder ein anderer Torwart zwischen diesen Pfosten stehen sollte, ist übrigens keine Legende, sondern wirklich so geschehen. Der Film macht aus ihm einen sportlichen Helden ohne Fehl und Tadel, lässt ihn aber auch privat – gerade in seiner Gebrochenheit durch das Kriegsgeschehen – sympathisch wirken.
 
Gaby Sikorski