Trennung

Mit einem leidenschaftlichen Kuss zwischen einem Israeli und einer Palästinenserin beginnt Amos Gitais jüngster Spielfilm. Und er endet mit der Evakuierung israelischer Siedler aus dem Gazastreifen. Mitten drin eine von Juliette Binoche gespielte Mutter, die ihre nach der Geburt aufgegebene, inzwischen erwachsene Tochter wieder findet. Mit seiner Geschichte von Trennungen privater und politischer Natur thematisiert Gitai, wie die von guten Absichten getragenen Hoffnungen auf Aussöhnung mit der Vergangenheit durch die Realität erschwert werden. Auch an Binoches anfangs überschwänglich lebenslustiger Figur gehen die Ereignisse in diesem auf verschiedenen Ebenen aufwühlenden Film nicht spurlos vorüber.

Webseite: pandorafilm.de

Originaltitel: Disengagement
Frankreich, Deutschland, Israel, Italien 2007
Regie: Amos Gitai
Darsteller: Juliette Binoche, Liron Levo, Jeanne Moreau, Barbara Hendricks, Dana Ivoy, Hiam Abbas, Tomer Russo, Israel Katorza, Yussuf Abu Warda, Uri Klauzner
115 Minuten
Verleih: Pandora
Kinostart: 25.9.08

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es hat etwas neckisches, wie Juliette Binoche sich als einerseits träge, andererseits lebenslustige, manchmal naiv wie ein Kind gebende Ana da vor ihrem Stiefbruder Uli (Liron Levo) gebärdet und kess ihre Nacktheit zur Schau stellt. Vielleicht ist sie aber auch nur ein wenig durch den Wind, weil die Beerdigung ihres Vaters, zu dem beide jedoch nie eine wirkliche Beziehung aufgebaut hatten, ansteht. Spätestens mit der Testamentseröffnung ist es vorbei mit der Unbekümmertheit der getrennt von ihrem Mann in Frankreich lebenden Ana. Dort eröffnet ihr die Notarin (Jeanne Moreau in einem kurzen Auftritt), dass ein Teil des Erbes an Anas Tochter Dana geht. Diese allerdings hatte Ana nach der Geburt aufgegeben, und nur der nun verstorbene Großvater wusste, dass die Enkelin in einem Kibbuz aufwuchs und als Lehrerin im Gazastreifen lebt. Das Erbe soll Ana nun persönlich überbringen. Es ist für sie nicht nur eine Reise in ihre verdrängte Vergangenheit, sondern auch eine Konfrontation mit Schuldgefühlen und der Geschichte des Volkes Israel.

Amos Gitais Geschichte spielt im Jahr 2005 vor dem Hintergrund des Rückzugs israelischer Siedler aus dem Gazastreifen. Insbesondere für die die Evakuierung überwachende israelische Polizei ist dies ein nervenaufreibender Job. Gleich nach der Beerdigung des Vaters stößt hier auch Anas Stiefbruder wieder zu seiner Einheit. Dank seiner Kontakte gelingt es ihr, ins abgesicherte Gebiet zu gelangen, wo sie nach ihrer Tochter sucht. Einen Teil des Weges schließt sie sich dabei einer Gruppe fanatischer Siedler an.

Beginnend mit der Ankunft in Israel trägt Gitais Spielfilm fast dokumentarische Züge. So etwa bei den Momenten an den Kontrollpunkten, dem Widerstand einiger unnachgiebiger Siedler, den Übungseinheiten der Polizeitruppen, später dem Anrücken der Bagger. Das Wiedersehen von Mutter und Tochter wirkt in diesem Moment wie die Ruhe vor einem Sturm, mischen sich in ihr doch Kummer, Sorgen und Angst mit der Hoffnung auf Aussöhnung. Von einem Ausgang der Geschichte wie Gitai ihn eingangs in jener in einem italienischen Zug spielenden Szene schildert, ist man hier jedoch noch weit entfernt. Uli trifft darin eine in Holland lebende Palästinenserin (Hiam Abbas aus „Lemon Tree“), die er nach einem kurzen Flirt küsst, als hätte es nie einen Konflikt im Mittleren Osten gegeben. Gitai kann sich hier auch seine persönliche Sicht des Begriffs Nationalität nicht verkneifen. n 

Gitai fügt mit „Trennung“ seinem umfangreichen Oeuvre an Filmen über Israel nun einen Beitrag hinzu, der sich nach „Kaddosh“ über die Religion (1999), „Kippur“ über den Krieg (2000) und „Eden“ über die Staatsgründung (2001) nun dem Rückzug aus dem Paradies widmet. Die Szenen von der Räumung und dem Abriss der Gebäude zeugen dabei von der Ohnmacht und Verzweiflung der Israelis. Indem er die Opernsängerin Barbara Hendricks Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ singen lässt, erinnert Gitai an die Entwurzelung des Menschen. Zugleich ist ihr Gesang ein weiteres Element, die Ereignisse auf eine poetische Weise umzuformulieren. Der von Juliette Binoche großartig gespielten, von der Gesellschaft entfremdeten Ana wird dies im Laufe des Filmes auch immer bewusster, sie selbst im Laufe der Zeit immer stiller. Am Ende ist ihr klar, welches Erbe sie tatsächlich angetreten hat.

Thomas Volkmann

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