Tristia – Eine Schwarzmeer-Odyssee

Einmal ums Schwarze Meer zu reisen, war lange Zeit und ist jetzt wieder aus politischen Gründen nicht möglich, doch der Filmemacher Stanislaw Mucha hat tatsächlich ein Zeitfenster dafür gefunden. Was er mitbringt, sind nachhaltig berührende Eindrücke von vielen Menschen vieler unterschiedlicher Kulturen. Die Bilder aus dem Alltag am Meer wirken oft wie Begegnungen mit einer fremden Welt, manchmal melancholisch, aber mindestens ebenso oft sehr witzig. Wie aus Puzzleteilen und einzelnen Schnipseln zusammengesetzt, entpuppt sich der kleine Dokumentarfilm als sehenswertes, kunstvoll konstruiertes Experiment zwischen Filmcollage und Roadmovie, das so ganz anders ist, als der Titel auf den ersten Blick vermuten lässt, nämlich keineswegs trist, sondern im Gegenteil sehr unterhaltsam.

Webseite: www.mfa-film.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie und Buch: Stanislaw Mucha
Originalfassung mit deutschen Untertiteln (Originalsprachen: ukrainisch, russisch, türkisch, bulgarisch, rumänisch, georgisch, abchasisch)
98 Minuten
Verleih: MFA+
Kinostart: 19. März 2015
 

FILMKRITIK:

Der römische Dichter Ovid (43 v. Chr. bis ca. 17 n. Chr.), der ins Exil ans Schwarze Meer verbannt war, bildet so etwas wie eine formale und inhaltliche Klammer, die den Film zusammenhält. In seinem titelgebenden Werk „Tristia“, das aus Klageliedern und Briefen besteht, schildert er das Leben fern seiner Familie und der Heimat. Die beiden Ovid-Städte Owidiopol (Ukraine) zu Beginn des Films und Constanta (Rumänien) am Schluss fungieren außerdem als Schlüssel, die den Zugang zum Film erleichtern. Hier erfährt man zu Beginn einiges über den unglücklichen Poeten, und am Ende versteht man den Titel des Films besser, der zunächst eher irreführend wirkt. Und wie soll ein Film Publikum ins Kino locken, dessen Titel einer zusätzlichen Erklärung bedarf, es sei denn, man ist Altphilologe oder Literaturexperte?
 
Wer sich nicht abschrecken lässt, darf einen amüsanten, gescheiten und spannenden Film erwarten. Oftmals überraschende Bilder und Bildfolgen zeigen Menschen am Meer, ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Freizeit oder einfach ihre originelle Persönlichkeit. Manchmal sind es nur ganz kurze Szenen, die merkwürdig anrührend wirken und sich ins Gedächtnis brennen: Vor der berühmten Hafentreppe von Odessa steht ein alter Mann, der ein Gedicht deklamiert, während im Hintergrund, mitten im brausenden Verkehr, eine Frau im Badedress auf ihrem Pferd langsam am Fuß der Treppe vorbeireitet.
 
Solche Bildergeschichten sind typisch: Scheinbar alltägliche Ereignisse werden durch ihre Protagonisten sehr schnell zu skurrilen Erzählungen, zu manchmal bizarren, scheinbar oder tatsächlich zufälligen Bildern von augenfälliger Theatralik. Menschen dekorieren und beleben die Landschaft, sie posieren manchmal vor dem Meer, tanzen oder vollführen Kunststücke und erzählen oft von sich selbst. Die alte Frau, die auf dem Bauch in der Brandung liegt wie eine gestrandete Wassernixe, ebenso wie der stolze Saltospringer am Meeresufer. Aber da gibt es auch Geschichten von Krieg, Verfolgung und Revolte, von blühenden und von demontierten Wirtschaftssystemen und vom Tourismus, der die Landschaft zerstört und die Menschen ernährt. Ein Mann verkauft Botox-Spritzen am überfüllten Strand, und nebenan verrotten die schnell gebauten Ferienpaläste. Einige sind bemüht, nichts Falsches zu sagen, aus Angst vor Repressalien, wie der Fahrer, der an den olympischen Baustellen von Sotschi vorbeifährt und lieber nichts erzählen möchte von Umsiedlungen und zusammenstürzenden Stadionbauten. Die meisten Menschen rund ums Schwarze Meer haben offenbar wirklich wenig zu melden und nicht viel zu lachen: Durch den gesamten Film ziehen sich wie Tableaus gestellte Szenen von Kindern, die allesamt sehr skeptisch in die Kamera blicken. Dagegen wirkt der Besuch im russischen Elite-Ferienlager „Orlionok“ (Adlerchen) in Sotschi wie die Begegnung mit der guten, alten Zeit. Glückliche, junge Menschen in farbenprächtigen Gewändern künden vom Ruhme  Russlands. Sie paradieren, singen und tanzen, dass es nur so seine Bewandtnis hat, und zeigen eine Rap-Version der alten Sowjetunion, die noch ebenso gegenwärtig ist wie die Lenin-Denkmäler an der Uferpromenade.
 
Sieben Länder liegen rund ums Schwarze Meer – eines davon, Abchasien, ist nicht als Staat anerkannt. Noch immer zeugen zahllose Bauwerke von den uralten Kulturen, die hier, an der Grenze zwischen Europa und Asien die Geschichte der europäischen Zivilisation beeinflusst haben. Stanislaw Mucha zeigt und dokumentiert, er wertet nicht, aber er gibt allen Menschen dieser Region eine Stimme. Sie haben mit sehr großer Wahrscheinlichkeit einen langen und schweren Weg vor sich, bis die Region zu so etwas wie friedlichem Miteinander gefunden hat. Davon wird im Film konkret kaum etwas erzählt, aber es schwebt eine merkwürdige Stimmung über den Bildern, die eher melancholisch ist als traurig. Hier trifft sich dann tatsächlich der Titel mit dem Inhalt. Dass ein Film mit einem solchen Hintergrund dennoch unterhaltsam sein kann, ist Stanislaw Mucha zu danken, der einfühlsam und humorvoll vom Leben in Unsicherheit erzählt.
 
Gaby Sikorski