Trumbo

Die Hexenjagd von Hollywood gehört zu den düsteren Kapiteln der Traumfabrik. Star-Autor Dalton Trumbo war einer derjenigen, der im Kalten Krieg zur Zielscheibe des „Komitees für unamerikanische Umtriebe“ geriet. Während andere Filmschaffende im Klima der Denunziation einknickten, blieb Dalton standhaft und zahlte für seine Haltung mit Gefängnis und Berufsverbot. Unter Pseudonym schrieb er weiter und gewann zwei Oscars. Das wunderbar erzählte und nicht selten komische Biopic setzt dem Ausnahmetalent ein verdientes Denkmal – und stößt ganz nebenbei vermeintliche Legenden wie John Wayne lässig aus dem Sattel. Der charismatische „Breaking Bad“-Kultdarsteller Bryan Cranston läuft einmal mehr zu grandioser Hochform auf. Von Helen Mirren als bissiger Klatsch-Kolumnistin und Kommunistenfresserin ganz zu schweigen! Zeitgeschichtlich allemal Pflichtprogramm, cineastisch eine vergnügliche Kür!

Webseite: www.paramountpictures.de

USA 2015
Regie: Jay Roach
Darsteller: Bryan Cranston, Elle Fanning, Diane Lane, John Goodman, Helen Mirren, Christian Berkel
Filmlänge: 124 Minuten
Verleih: Paramount Pictures Germany GmbH
Kinostart: 10.3.2015
 

FILMKRITIK:

„Hollywood braucht Drehbücher wie die Armee Klopapier“, der das sagt, kennt sich in der Branche bestens aus. Dalton Trumbo ist einer der erfolgreichsten Autoren der Traumfabrik. Besser gesagt: Er war es! Denn auch für Stars macht das „Komitees für unamerikanische Umtriebe“ keine Ausnahme. In der Hysterie des Kalten Krieges wurde eine regelrechte Hexenjagd auf alles gemacht, das irgendwie nach Kommunismus klang. Trumbo gehörte zu einer Gruppe kommunistischer Drehbuchautoren, die sich für bessere Arbeitsbedingungen in den Studios einsetzten. Prompt wurde er von strammen Patrioten um John Wayne und Ronald Reagan zum potentiellen Staatsfeind deklariert. Als er sich mit Hinweis auf die freie Meinungsäußerung weigert, die inqusitorischen Fragen des „Komitees“ zu beantworten, weht im alsbald ein eisiger Wind entgegen – ebenso wie seinen standhaften Kollegen, die als „Hollywood Ten“ in die Geschichte eingehen werden. Zunächst hoffen die Rebellen auf einen Sieg bei Gericht, doch als ein liberaler Richter verstirbt, sinken die Chancen rapide. Trumbo fällt bei den Studios in Ungnade, ebenso wie sein Freund Edward G. Robinson. Wenngleich der Schauspieler im Unterschied zum Drehbuchautor nicht auf der berüchtigten Schwarzen Liste landete, gehen auch seine Engagements massiv zurück. Er muss Teile seiner geliebten Kunstsammlung verkaufen, darunter einen Van Gogh. Schließlich knickt Robinson ein und wird vor dem Ausschuss zum Denunzianten.
 
Für Trumbo verschärft sich die Lage, zumal die Klatschkommunistin Hedda Hopper (Helen Mirren) massiv gegen ihn hetzt. Der Kreative kommt ins Gefängnis (wo er aparterweise auf einen seinen übelsten Ankläger trifft, der mittlerweile wegen Steuerdelikten hinter Gittern ist). Nach seiner Entlassung wird der Autor mit Berufsverbot belegt. Seine rettende Idee: Er schreibt unter Pseudonym. Beim Trash-Produzenten Frank King (John Goodman) findet er einen dankbaren Auftraggeber. King kümmert sich nicht um Politik, ihn interessiert allein der Profi. Mit einigen gleichfalls geschmähten Autoren-Kollegen baut der findige Kreative mit tatkräftiger Hilfe seiner Familie eine regelrechte Drehbuch-Factory auf. Für „Ein Herz und eine Krone“ und „Roter Staub“ gibt es den Oscar – die Ehre wird dem heimlichen, wahren Autor freilich erst Jahrzehnte später zuteil. 
 
Mit seinen drei schrägen „Austin Powers“ Komödien sorgte Regisseur Jay Roach für Furore und reichlich Kasse. Nicht minder populär als die Bond-Parodien geriet sein starbesetzter Comedy-Knüller „Meine Braut, ihr Vater und ich“ samt Fortsetzung. Diese Popcorn-Kompetenz samt sicherem Gespür für komödiantisches Timing erweist sich nun als durchaus hilfreich für dieses ambitionierte Biopic, das seine Unterhaltungsqualitäten nie aus dem Blick verliert „Trumbo“ vermeidet erfolgreich jede betuliche Denkmalpflege und gerät ebenso wenig in die häufige Genre-Falle eines brav bebilderten Wikipedia-Eintrags. Der Held ist dabei so facettenreich wie psychologisch plausibel konstruiert. Der grandiose Autor ist als Familievater längst nicht immer so erfolgreich, wie er gerne wäre. Und als vermögender Weltveränderer mit pompöser Villa muss Trumbo sich durchaus den Vorwurf des „Swimmingpool-Sozialisten“ gefallen lassen.
 
Diese glänzend konstruierte Figur erfüllt Bryan Cranston mit jener minimalistischen Lässigkeit, mit der den Drogen-Koch Walter White in „Breaking Bad“ zur Kultfigur machte – und ihn nun zum Oscar-Verdächtigen werden lässt. Ihm zur Seite steht ein gut aufgelegtes Ensemble. Diane Lane gibt die fürsorgliche Gattin Cleo, Helen Mirren mimt mit sichtlichem Vergnügen die keifende Kolumnistin Hedda Hopper derweil John Goodman sich als perfekte Besetzung als hemdsärmliger Schmuddelproduzent erweist. Und auch für Christian Berkel ist ein kleines Plätzchen als Otto Preminger.
 
Gleichsam nebenbei gelingt ein hübscher Blick auf das Hollywood der späten 40-er Jahre. Ein John Wayne, der sich stolz als strammer Patriot präsentiert – bis ihn Trumbo auf seinen nicht absolvierten Militärdienst anspricht. Oder Studio-Boss Sam Goldwyn, der sich von der Klatsch-Kolumnistin erpressen lässt. Last not least Edward G. Robinson, de den Verrat an seinen Freunden später nur sehr mühsam vor diesen rechtfertigen kann. Aber wie betont Dalton Trumbo gegen Ende so treffend: „Wir sollten nicht nach Helden und den Bösen Ausschau halten, sondern nur nach den Opfern.“ An diesem Biopic hätte der „Spartacus“-Autor sicher sein Vergnügen.
 
Dieter Oßwald