Tschiller: Off Duty

Mit ambitioniertem Actiontrommelfeuer, spektakulären Stunt-Paraden sowie allerlei Leichen hat Til Schweiger alias Nick Tschiller den Hamburger „Tatort“ seit März 2013 zuverlässig in den Quoten-Himmel geballert. Nach vier TV-Episoden folgt nun der Sprung auf die große Leinwand. Schneller, höher, weiter heißt das Motto des Tschiller-Thrillers, der den Helden nach Istanbul und Moskau bringt, wo er seine Tochter aus den Händen mieser Mädchenhändler befreien muss. Bei Schauwerten und Verfolgungsjagden wirbelt 007-Luft den guten alten „Tatort“ gehörig auf. Als Spezialeffekt erweist sich Fahri Yardim, der seine bewährte Sidekick-Nummer mit komödiantischem Geschick ausbauen darf. 

Webseite: www.tschiller-offduty.de

D 2016
Regie: Christian Alvart
Darsteller: Til Schweiger, Fahri Yardim, Özgur Emre Yildirim, Luna Schweiger
Filmlänge: 135 Minuten
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany
Kinostart: 4. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Den ersten kleinen Triumph feiert Til Schweiger diesmal gleich in der ersten Sekunde: Er ist ihn endlich los, den von ihm so ungeliebten, berühmten "Tatort"-Vorspann: Schluss mit blauweiß blinkendem Fadenkreuz, abserviert die flüchtende Täter-Silhouette und statt vertrauter Klänge von Klaus Doldinger gibt es harten Rap auf die Ohren. Was Schimanski anno 1985 mit "Zahn um Zahn" recht war, ist Nick Tschiller nun billig: Der "Tatort"-Sprung auf die große Leinwand. Hatte Götz George dafür die üblichen 90 Minuten Zeit, gönnt Schweiger sich eine Dreiviertelstunde mehr. Beim Budget heißt es gleichfalls klotzen statt kleckern: Satte acht Millionen Euro hat der „Tschiller: Off Duty“-Thriller gekostet – das Ergebnis kann sich mit imposanten Schauwerten und furiosen Actioneinlagen sehen lassen: Da kommen bisweilen durchaus Bond-Gefühle auf, ein "Quantum Tatort Trost" gewissermaßen.
 
Beim Hightech-Schnickschnack oder den eleganten Outfits kann der deutsche LKA-Beamte mit dem britischen Agenten zwangsläufig nicht mithalten, in Sachen Coolness, leinwandpräsenter Lässigkeit sowie dem Erobern geheimnisvoller Schönheiten ziehen beide gleich. Im Unterschied zum letzten, ziemlich zugeknöpften Bond, zeigt Tschiller sich dabei ganz traditionell noch oben ohne. 007 statt 0815 heißt es auch bei den Verfolgungsszenen, sei es bei der recht bleihaltigen Flucht über den Dächern von Istanbul oder der wilden Hatz durch die Straßen von Moskau. Statt eines Panzers, wie einst Pierce Brosnan, nutzt Schweiger als überdimensionales Gefährt einen – diese Pointe sei hier natürlich nicht verpetzt. Große Geheimnisse bei der Handlung wären indes kaum auszuplaudern. Der Plot passt auf einen Bierdeckel, die Figuren purzeln aus der Klischeekiste. Macht aber nichts, das Genre kommt schließlich ganz gut ohne komplexe Konstruktionen aus. Hauptsache Spannung, Action und Atmosphäre laufen auf Hochtouren.
 
Die Tschiller-Tochter Lenny (überzeugend gespielt von Schweiger-Tochter Luna) gerät in die Fänge mafiöser Mädchenhändler. Der Hamburger Kommissar außer Diensten nimmt prompt die Verfolgung auf. Nach einem Zwischenstop in Istanbul, wo man alte Erzrivalen und verloren geglaubte Verbündete trifft, führt die heiße Spur in die russische Hauptstadt, mitten ins Zentrum der Macht. Natürlich darf bei dieser 'Mission Impossible' des Ermittlers bewährter Partner Yalcin Gümer alias Fahri Yardim nicht fehlen. Im TV-"Tatort" längst zum heimlichen Publikumsliebling avanciert, darf Yardim seine Position als lakonisch komischer Sidekick hier erheblich ausbauen – .und Schweiger lässt sich so bereitwillig die Comedy-Show stehlen, wie einst von Dieter Hallervorden bei "Honig im Kopf". Klar, dass diese bad cop/funny-cop-Konstellation für alle Beteiligten zum Gewinn gerät, zur Gaudi des Zuschauers sowieso. Mit seiner selbstironischen Leichtigkeit macht Yardim selbst den altgedienten "Tatort"-Spaßvögeln aus Münster ernsthaft Pointen-Konkurrenz. Für politische Spitzen taugt der Krimi-Kasper gleichfalls bestens: "Der trifft sich mit Angela und geht mit Putin nackt Bären reiten" beschreibt er den bösen Oligarchen (der putzigerweise auf den Namen Kinski hört). "Die Türkei verändert sich" klagt er an einer anderen Stelle und auch das homophobe Publikum am roten Teppich in Moskau schockiert er gleichsam nebenbei, als er seinem Partner Tschiller provokativ lustvoll an den Hintern fasst.
 
Selbst ohne Einsatz von Helene Fischer schickt Schweigers Stammregisseur Regisseur Christian Alvart seine Beteiligten mit einem ambitionierten Actiontrommelfeuer atemlos durch die Nacht. Seine Popcorn-Achterbahn rattert dramaturgisch gut geölt, temporeich und atmosphärisch dicht. Das Thema Selbstjustiz, selbst jenseits politischer Korrektheit, so gänzlich unreflektiert und ohne Brüche zu belassen, bleibt eine vertane Chance des Drehbuchs – freilich auch darin erweist sich eine Schnittmenge zu 007. Vom dumpfen Papa-rächt-Tochter-Krimi à la "Taken" ist "Tschiller: Off Duty" immerhin weit entfernt.
 
Neben dem versenkten „Tatort“-Vorspann bleibt Til Schweiger noch ein weiterer Triumph: Die traditionelle Twitter-Häme, die sonst die sonntägliche TV-Ausstrahlungen im Sekundentakt begleitet, hat diesmal keine Chance.
 
Dieter Oßwald