Über die Unendlichkeit

Nur wenige zeitgenössische Regisseure haben eine so unverwechselbare Handschrift wie der Schwede Roy Andersson, der mit „Über die Unendlichkeit“ den vierten Film vorlegt, der in seinem typischen Stil gedreht wurde. Weniger humorvoll als frühere Arbeiten, dafür von größerer Traurigkeit geprägt, dem Wissen, über das unweigerliche Ende eines jeden Lebens. Ein sehr eigener, sehr besonderer Film.

Webseite: www.neuevisionen.de

Schweden/ Norwegen/ Deutschland 2019
Regie & Buch: Roy Andersson
Darsteller: Martin Serner, Jessica Lothander, Tatjana Delauney, Anders Hellström, Jan Eje Ferling, Bent Bergius
Länge: 78 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 19. März 2020

FILMKRITIK:

In jungen Jahren drehte der 1943 geborene Schwede Roy Andersson zwei Spielfilme, doch danach zog er sich vom Kino zurück. Mit unzähligen Werbespots verdiente er in den folgenden Jahren so viel Geld, dass er es sich leisten konnte, in Stockholm ein eigenes Studio einzurichten, in dem er mit seinen Mitarbeitern in penibler Hand- und Kleinarbeit die Welten entstehen lässt, in denen seine Filme spielen.
 
2000 feierte Andersson mit „Songs from the Second Floor“ sein Comeback, 2014 wurde er für „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, „Über die Unendlichkeit“ ist nun der vierte Film, der im unverwechselbaren „Andersson-Stil“ entstand.
 
Dieser zeichnet sich durch eine Erzählweise aus, die fast vollkommen frei von klassischer Narration ist. Statt eine Geschichte zu erzählen, zeigt Andersson kurze Vignetten, die lose um Themen kreisen, zwischen denen sich bisweilen Verbindungen herstellen lassen, die Assoziationsräume öffnen, manchmal Kunst- und Filmgeschichte zitieren, es vor allem aber dem Zuschauer erlauben, sich eigene Überlegungen zum Geschehen zu machen.
 
Wenn da etwa zwei Liebende über ein Modell des kriegszerstörten Kölns schweben, darf man getrost an ähnliche Motive bei Chagall denken; doch was man weiter aus diesem Gedanken macht, bleibt jedem Zuschauer überlasen. Das Motiv des Kriegs dagegen wird in zwei weiteren der gut drei Dutzend Vignetten weitergeführt: Eine zeigt Hitler, der im schon fast zerstörten Führerbunker dem Ende seiner Schreckensherrschaft entgegensieht und von Martin Borman mit einem müden „Sieg Heil“ begrüßt wird, im anderen sind deutsche Truppen zu sehen, die in einem langen Marsch durch die Schneewüsten Sibiriens ziehen.
 
Die Vignetten werden von einer weiblichen Erzählerstimme kommentiert, deren kurze Bemerkungen alle mit „Ich sah einen Mann/eine Frau“ beginnen und das Geschehen pragmatisch unsentimental begleiten. Ganz den Vignetten entsprechend, die Profundes neben Banales stellen, pointierte Momente neben Szenen, die nicht mehr sind als das, was zu sehen ist: Eine Frau etwa, die bei einer Verabredung Champagner trinkt.
 
Größter, eigentlich einziger roter Faden – und dann ein loser – ist die Figur eines Priesters, der den Glauben verloren hat. Wiederkehrende Alpträume zeigen ihn als Christus, der sein Kreuz durch die Straßen trägt, doch auch sein Psychiater hat auf die Sinn- und Lebenskrise des Pfarrers keine befriedigende Antwort. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ klagt der Priester einmal, bevor er die Messe hält.
 
Großes steht hier neben kleinem, historische Momente neben häuslichen Szenen, am Ende ist alles gleich: Gleich bedeutsam, gleich irrelevant, denn am Ende wird alles, jeder Mensch, jedes Wesen, unweigerlich sterben und in die Unendlichkeit eingehen. Diese Erkenntnis zu akzeptieren und dennoch weiterzuleben, die Schönheit kleiner Momente, im Strom der Banalität zu erkennen, vielleicht ist das der Kern der Anderssonschen Welt. Doch unabhängig davon, was der Einzelne in den Filmen Anderssons finden mag, allein durch ihre unverwechselbare Handschrift, die erstaunliche Präzision jeder einzelnen Vignette, sind die Filme des Schwedens unverwechselbare Perlen im ansonsten allzu oft von Konventionen geprägten Kinobetrieb.
 
Michael Meyns