Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

In Cannes hatten viele Journalisten diesen Film regelrecht verschlafen. Erst als die Jury um Tim Burton ihn mit der Goldenen Palme bedachte, fing die Auseinandersetzung mit diesem für westliche Augen nicht ganz einfachen Film an, der über politische Greueltaten, ein verwirktes Leben und die Reinkarnation erzählt, auch wenn dies auf der ersten Ebene gar nicht vorkommt.

Webseite: www.uncle-boonmee.de

OT: Uncle Boonmee who can recall his past Lives
Thailand, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Spanien 2010
Regie: Apichatpong Weerasethakul.
Darsteller Thanapat Saisaymar, Jenjira Pongpas, Natthakarn Aphaiwonk u.a.
Länge: 113 Min.
Sprache. thailändisch mit deutschen Untertiteln
Verleih: Movienet
Kinostart 30. September 2010

Goldene Palme, Cannes 2010

 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Bertrand Tavernier bezeichnete den Film als einen „hypnotic sleep“ und traf damit den Nagel auf den Kopf. Denn schon zu Beginn des Films, wenn die Kamera scheinbar endlos auf dem Wasserbüffel verweilt, läuft man Gefahr, einfach wegzudösen. Doch ein Problem ist das nicht unbedingt, denn der Film nimmt einen mit auf eine meditative Reise durch ein fernes Land und eine unbekannte Lebensphilosophie. Er funktioniert nicht auf der erzählerischen Ebene, sondern entführt uns in spirituelle Höhen und Tiefen.

Klar kriegt man mit, dass es um Uncle Boonmee geht, der schwer nierenkrank in sein Heimatdorf im Nordosten Thailands zurückkehrt, um zu sterben. Die tägliche Dialyse lässt er ohne Beschwerden über sich ergehen, vielmehr versteht er sie als Strafe für ein schlechtes Leben. Denn Onkel Boonme gehörte zu jenen Milizen, die den Norden Thailands und das angrenzende Laos terrorisierten, immer wieder die Bevölkerung überfielen und Massaker anrichteten. Doch dieser politische Bezug wird nur angedeutet, Weerasethakul konzentriert sich mehr auf die letzen Tage Boonmees, der nochmal seine Familie um sich versammelt, auch wenn die schon längst tot sind. So erscheinen seine Frau und sein Sohn als Geister.

Der Film hat aber noch eine weitere spirituelle Ebene, die sich dem westlichen Zuschauer nur schwer erschließt. Nur ahnen kann man, dass Boonmee in seinen früheren Leben jener Wasserbüffel aus der Anfangssequenz oder aber auch eine schöne Prinzessin gewesen ist. Ihnen beiden sind die visuell schönsten Szenen des Films gewidmet, wenn sich die Prinzessin in einem See mit Wasserfall einem Katzenfisch hingibt, um ihre verloren gegangene Jugend gegen ihren Reichtum einzutauschen. Am Ende suchen die Familienmitglieder eine Grotte auf, in der Boonmee einst sein erstes Leben begann und in der er sich nun zum Sterben hinlegt.

Das alles wird mit Bildern von poetischer und visueller Kraft erzählt, die keinerlei Konzessionen ans westliche Kino macht und den Zuschauer mit auf einen Tripp nimmt, den er nicht verstehen muss, um eine ganz neue spirituelle Erfahrung zu machen. Wer dennoch verstehen will, findet Antworten in Weerasethakuls Kunstinstallation „Primitive“, die 2009 erstmals in London zu sehen war und auch in München gezeigt wurde. Auf mehreren Monitoren laufen hier mehrere Kurzfilme gleichzeitig, in denen man die Figuren des Films wiedertrifft. Andere Arbeiten beschäftigen sich mit den katastrophalen politischen Ereignissen in Thailand und zuletzt verweist ein kleines Buch auf jenen Uncle Boonmee. Ein Mönch hat darin die Geschichten festgehalten, die Boonmee ihm von seinen früheren Leben erzählt hat.

So ist der Film ein ganz privates Stück Erinnerungsarbeit, das Weraseethakul hier sichtbar werden lässt. Dabei wechselt er ständig zwischen Dokumentation und Fiktion, lässt keine Orientierungshilfen zu, denn das Leben ist Veränderung und dem Tod folgt die Wiedergeburt. Eine gleichsam verwirrende wie tröstende Lebenserkenntnis.

Kalle Somnitz

Seit einigen Jahren ist der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul einer der Lieblinge des internationalen Festivalbetriebs. Dass die Begeisterung, die Filme wie Blissfully Yours, Tropical Malady oder Syndromes and a Century auslösen, auch damit zu tun haben, dass sie so exotisch wirken, so anders als der Festival-Mainstream, davon darf man getrost ausgehen. Abstrakt, intellektuell zu verstehen sind Weerasethakuls Filme kaum. Es sind Filme von enigmatischer Schönheit, angesiedelt meist im Urwald Thailands, durch den Mönche, Soldaten, Bauern, aber auch mysteriöse Fabelwesen streifen. Eine Geschichte entwickelt sich höchstens bruchstückhaft, in lose angedeuteten Erzählfetzen, aus denen man mit einiger Phantasie eine Struktur kristallisieren kann. Wobei das Spiel mit thailändischen Mythen und Erzählungen, ein dezidierter Bezug auf fernöstliche Traditionen und Weltsichten, das Verständnis für einen Zuschauer aus dem Westen noch schwieriger macht, als es ohnehin ist. Zudem ist Weerasethakul nicht einfach ein Filmregisseur, sondern hat auch oft in einem musealen Kontext gearbeitet, Videoinstallationen hergestellt, die dementsprechend noch weniger linear verständlich sind als seine ohnehin schon mäandernden Filme.

Weerasethakuls sechster Spielfilm Uncle Boonmee ist aus der Beschäftigung mit der Geschichte Nordthailands hervorgegangen und ist weniger allein stehender Film, als Höhepunkt und Abschluss einer vielschichtigen Multimediaarbeit, die aus Installationen und Kurzfilmen besteht. Und doch hat Uncle Boonmee eine für Weerasethakuls Verhältnisse geradezu klare, offensichtliche Handlung, die eigentlich schon durch den Untertitel …who can recall his past lives/…der seine früheren Leben erinnern kann auf den Punkt gebracht wird. Die Hauptfigur Uncle Boonmee lebt im Nordosten Thailands und leidet an Nierenversagen. Die letzten Tage seines Lebens verbringt er mit Verwandten und Freunden, darunter seiner Schwägerin und seinem Sohn, aber auch dem Geist seiner verstorbenen Frau und einem anderen Sohn, der sich in einen so genannten Affengeist verwandelt hat, ein zotteliges Wesen von Größe und Statur eines Menschen, dessen Augen im Dunkeln rot leuchten. Das Schöne ist nun, dass solche Erscheinungen, die für das westliche Verständnis doch etwas ungewöhnlich wirken, mit allergrößter Selbstverständlichkeit hingenommen werden. Kein Wort wird über die Besucher aus der Geisterwelt verloren, sie sind ebenso Teil des Lebens wie lebende Menschen, die Natur, einfach alles.

Anekdotenhaft mäandert der Film nun dahin, Geschichten werden erzählt, in einer Rückblende sieht man Uncle Boonmees Reinkarnation als schöne Prinzessin (vielleicht ist er aber auch der Katzenfisch, mit dem sie ganz selbstverständlich Sex hat), buddhistische Mönche treten auf und einige Standfotos von Soldaten deuten eine politische Dimension an, die sich allerdings kaum aus dem Film selbst erschließt. Und das ist letztlich das größte Problem von Weerasethakuls Film. Er ist so lose strukturiert, so fasziniert von seiner impressionistischen Bild- und Toncollage, dass er für unzählige Interpretationen vereinnehmbar ist. Vielleicht macht in das zu einem großen postmodernen Kunstwerk, das sich komplett von jeglicher Intention seines Autors befreit hat, letztlich ähnelt dadurch aber selbst ein so enigmatischer Film aus Thailand den zeitgenössischen Hollywood-Großproduktionen, die auf ihre Weise ebenso frei interpretierbar oder – negativ gesagt – haltungslos sind. Und genau das waren Weerasethakuls Filme bisher nicht. Auf dem schmalen Grad zwischen enigmatischem und doch etwas beliebigem Erzählen ist Uncle Boonmee bei allem traumhaften Bildern, merkwürdigen und faszinierenden Figuren und Kreaturen, die ihn bevölkern, etwas zu sehr in die Beliebigkeit abgedriftet.

Michael Meyns

Ein Film aus Thailand. Man kann nicht erwarten, dass Kunstprodukte aus diesem Land vergleichbar sind mit denen aus westlichen Regionen. Die Menschen in Asien gehen von der Wiedergeburt aus, haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihren Vorfahren als wir, glauben an Geister. Sie sind überzeugt, dass sie früher je nach ihrem Karma ebenso Käfer wie Fische, ebenso Vögel wie Insekten, ebenso Affen wie Menschen gewesen sein können.

Diese Gedankenwelt ist in den vorliegenden Film voll integriert. Der Regisseur spricht denn auch von einer „speziellen Assoziation zwischen dem Kino und der Reinkarnation“. Vieles, fährt er fort, was früher (vor allem im europäisch-nordamerikanischen Bereich) als reiner Aberglaube oder gar Humbug galt, könne heute sogar
wissenschaftlich nachgewiesen werden. Die totale Fremdartigkeit solchen geistigen Erbes schlägt in dem Film voll durch.

Die Handlung ist spärlich. Boonmee ist schwer nierenkrank. Er kann nur noch mit ständiger Pflege durchkommen und weiß, dass er bald sterben wird. Er versammelt diejenigen um sich, die ihm geblieben sind, seine Schwester beispielsweise – aber auch den Geist seiner vor 20 Jahren verstorbenen Frau oder seinen seit Jahren als vermisst geltenden Sohn, der inzwischen schon eine andere Gestalt als die eines Menschen angenommen hat.

Die „vergangenen Leben“ werden zu eruieren versucht, aber nicht handlungsmäßig, sondern eher naturhaft-anthropologisch-naturalistisch. Die seltsamsten Ideen, Mythen, Bilder, Poesien, Gestalten tauchen da auf. Oft wird im Unergründbaren, Vermuteten, Mysteriösen verweilt.

Es ist eine andere, experimentelle, asiatische, vielleicht neue Art des künstlerischen und filmischen Schaffens.
Die Cannes-Jury 2010 hat sich offensichtlich davon überzeugen lassen und deshalb dem Film die Goldene Palme verehrt.

Ein vielleicht kühnes geistiges Filmexperiment aus Thailand.

Thomas Engel