Une Jeunesse Allemande – Eine deutsche Jugend

Jahrelang vergrub sich der französische Regisseur Jean-Gabriel Périot in Archiven und förderte bemerkenswertes Bildmaterial über Anfänge und Folgen der RAF zu Tage. In seiner Dokumentation „Une Jeunesse allemande – Eine deutsche Jugend“ montiert er dieses Material zu einem vielschichtigen, aber auch zerfaserten Bild einer Zeit, das weniger durch seine Haltung überzeugt, als durch die interessanten Bilder.

Webseite: www.wfilm.de

Frankreich/ Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie, Buch, Schnitt: Jean-Gabriel Périot
Länge: 92 Minuten
Verleih: W-Film
Kinostart: 21. Mai 2015
 

FILMKRITIK:

Abgesehen vom Zweiten Weltkrieg und der Nazi-Diktatur ist über keine andere Phase der jüngeren deutschen Geschichte so viel geschrieben worden wie über die 68er-Generation. Unzählige Bücher, Filme und Fernsehdokumentationen haben sich mit jedem noch so kleinen Aspekt beschäftigt, analysiert, wie es aus Protesten gegen die Generation der Eltern, Studentenunruhen, Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg schließlich zur Radikalisierung und dem Terrorismus der RAF kommen konnte.
Umso erstaunlicher, dass es Jean-Gabriel Périot gelungen ist, Material zusammenzutragen, das noch nicht zigfach zu sehen war, das allerdings nicht unbedingt einen neuen Blick auf eine Ära liefert. Denn angesichts der Fülle an Material ist es Périot – der bislang ausschließlich Kurzfilme gedreht hat und hier sein Langfilmdebüt vorlegt – augenscheinlich schwer gefallen, einen klaren roten Faden zu finden.

Diverse Aspekte werden in „Une Jeunesse allemande – Eine deutsche Jugend“ angerissen, der in etwa eine Zeitspanne von 1965 bis 1975 beschreibt. Im Mittelpunkt steht immer wieder Ulrike Meinhof, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass es von der RAF-Mitbegründerin viel Bildmaterial gibt. Denn bevor sie bei der Baader-Befreiung mitwirkte und in den Untergrund ging, trat Ulrike Meinhof immer wieder im Fernsehen auf, wo sie meist als einzige Frau neben zahlreichen Männern saß und sich so vielfachen Vorurteilen gegenübersah. Was angesichts der interessanten Aufnahmen wie ein offensichtlicher roter Faden wirkt, der den Wandel der linken, gesellschaftlich engagierten Journalisten zur radikalen, menschenverachtenden Terroristin nachzeichnet, ist jedoch nur ein Aspekt unter vielen.

„Bambule“, der von Ulrike Meinhof geschriebene und lange im Giftschrank der TV-Sender versteckte Film über Sozialheime in Berlin, leitet zu einem anderen Thema über: Der Verknüpfung von Revolte und Kino. Zusammen mit Harun Farocki und anderen war der spätere RAF-Terrorist Holger Meins Mitglied der ersten Klasse der neu gegründeten dffB, wo er unter anderem den Kurzfilm „Wie baue ich einen Molotow-Cocktail?“ drehte. Während sich Meins bald radikalisierte, agitierten seine Kommilitonen mit künstlerischen Mitteln und knüpften so an Filme schon etablierter Regisseure an, allen voran Jean-Luc Godard, der sozialistische Theorien in Spiel- und Essayfilmen thematisierte.

Doch auch dieser spannende Aspekt wird nur gestreift. Dass Jean-Gabriel Périot in seiner Analyse einer komplexen Ära so vage bleibt, kann man bedauern, man könnte den Verzicht auf allzu einfache Antworten allerdings auch positiv bewerten. Nie gibt Périot vor, die 68er Generation wirklich zu verstehen, die Beweggründe von friedlichen und weniger friedlichen Protesten zu begreifen. Was er statt dessen tut ist, faszinierendes Bildmaterial zu einer ausufernden Kollage zu montieren, die in ihrer Vielfalt Lust macht, sich intensiver mit den einzelnen, nur angerissenen Aspekten zu beschäftigen.
 
Michael Meyns